JANS DER ENIKEL, Weltchronik.
    Seite 8: Mose III

    Nach der Ausgabe von Philipp Strauch.
    Digitalisiert von Angus Graham.
    Seite erstellt von Graeme Dunphy.

    Seite  enthält die Abschnitte:
    [8069-8094]
    [8095-8140]
    [8141-8154]
    [8155-8194]
    [8195-8220]
    [8221-8248]
    [8249-8280]
    [8281-8306]
    [8307-8332]
    [8333-8372]
    [8373-8396]
    [8397-8416]
    [8417-8442]
    [8443-8456]
    [8457-8484]
    [8485-8508]
    [8509-8534]
    [8535-8554]
    [8555-8588]
    [8589-8620]
    [8621-8638]
    [8639-8664]
    [8665-8670]
    [8671-8710]
    [8711-8730]
    [8731-8742]
    [8743-8770]
    [8771-8790]
    [8791-8806]
    [8807-8824]
    [8825-8890]
    [8891-8916]
    [8917-8944]
    [8945-8974]
    [8975-8994]
    [8995-9042]
    [9043-9118]
    [9119-9140]
    [9141-9162]
    [9163-9192]
    [9193-9220]
    [9221-9230]
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          [8069-8094]

          Dô Pharaôn niht müet der slac,
          dô er bî sînem wîb lac,
          er gedâht: ich bin nû genesen.
          sîn diener wil ich nimer wesen,
          wan ich in mînem künicrîch
          wil herr sîn vil sicherlîch.
          dô daz der lieb got ersach,
          daz in der grôz ungemach
          niht brâht von sîner bôsheit,
          swaz im geschach dô ze leit,
          daz daz niht half umb ein hâr,
          er schuof, daz im offenbâr
          der zehent slac wart swær.
          er schuof, daz ein schouwer
          sluoc schâf, rinder unde swîn,
          korn, vich unde wîn,
          und swaz in ûf der erden
          von bou solt werden,
          daz sluoc er allez nider.
          man sach sît noch sider
          nie einen schour sô grôz,
          als dô von himel schôz.
          daz volc was dô nâch verzeit.
          sînen ungemach er tiur kleit.
          er jach, er wolt sich gern bekêrn,
          wær ieman, der inz kund gelêrn.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8095-8140]

          Pharaô der eislîch man
          wolt dannoch niht sehen an
          die almehtigen gotheit;
          daz wart im her nâch leit.
          dô gie ez an ein scheiden.
          di juden giengen zuo den heiden,
          wan si den künic vorhten sêr:
          ires leides des wurd mêr.
          dâ von woldens scheiden,
          di juden von den heiden.
          si bâten in lîhen guot gewant,
          daz best sô man ez under in vant,
          fürspan, vingerl und gürtelîn,
          samît, scharlach und baldekîn,
          becher von silber und von golt.
          si bâten, daz man in lîhen solt
          mentel, vêch, veder, hermelîn,
          gedeckt schôn von baldekîn
          kolter und declachen.
          den kleinet begundens nâhen.
          vil und genuoc
          ieslîcher heim truoc,
          und sagten dem heidenischen man,
          daz si hôchzît wolden hân
          mit ir kinden wider streît.
          daz heten si für ein wârheit,
          die heiden al zehant;
          des verlurn si ir gewant
          und ir kleinôt guot.
          dâ von wart trûric ir muot.
          des nahtes dô daz volc entslief,
          ieslîcher zuo dem andern lief
          und wact in ûf an der stunt.
          ie einer tet dem andern kunt,
          daz er sich ûf machte;
          ir dheiner dô niht lachte.
          die juden ir kleinôt nâmen
          und ouch ir wîbes sâmen,
          unde fuoren dâ mit schôn
          ûz dem lande in Ebrôn,
          dâ si Moyses funden.
          an den selben stunden
          enpfie si Moyses vlîziclîchen
          und enpfalch si got dem rîchen
          und bat, daz er ir geruocht ze pflegen
          und mit in teilt sînen segen.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8141-8154]

          Dô der künic hêt vernomen,
          daz di juden wâren komen
          und all in Ebrôn gevarn
          mit guot und mit breiten scharn
          und daz si heten gefüeret hin
          den heiden kleinôt und gewin,
          des wart er freuden lær.
          ‘Moyses der trugenær
          der hât verrâten in daz guot;
          dâ von sô trûret mir mîn muot,
          unz ich mich wol gerich an in.
          swie schalclîch iriu herz sîn,
          ich muoz die heiden rechen,
          mîn swert durch si stechen.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8155-8194]

          Dô wart niht lenger gespart,
          der künic hiez ruofen hervart,
          daz si sich bereitten schôn
          ze varen in Ebrôn.
          alsus er in vor seit,
          daz si ræchen ir herzen leit
          an den juden zehant
          und næmen in wider ir gewant
          und ir kleinôt guot.
          dô wart gefreut ir aller muot.
          der red wurden si all vrô;
          zuo der hervart bereitten si sich dô.
          dô daz her bereit wart,
          der künic huop sich an di vart.
          er fuort vil mangen frumen man,
          als ich von im gelesen hân:
          fünfzic tûsent was sîn rot.
          vil dick er an bat sîn abgot,
          daz ez im hulf siges schôn
          gegen den juden in Ebrôn.
          er hiez bereiten schier
          an einen schaft ein banier,
          dar an was sîn abgot
          gemâlt, daz was der juden spot.
          diu wart bereitt schôn und schier
          und was diu êrst banier,
          di ie dhein oug hêt gesehen;
          des muoz ich von der wârheit jehen.
          die heiden er dô lêrte,
          swâ man den vanen kêrte,
          dâ solt daz her nâch varn
          mit roten und mit grôzen scharn.
          er sprach ûz grôzem sinne,
          si môhten êr gewinnen.
          swaz der künic hêt geret,
          daz teten di heiden ze stet.
          si volgten dem vanen all nâch.
          ir dheinem was sô gâch,
          daz er für di banier quæm,
          sô er des küniges red vernæm.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8195-8220]

          Dâ mit zogten si schôn
          in daz lant Ebrôn.
          der künic zuo der künigin reit.
          er sprach: ‘mîn vart wirt dir leit
          und mîn starc hervart.
          ich hiet ez zwâr wol bewart,
          und wærest dû, frou, niht gewesen
          sô wær Moyses niht genesen
          wan dû und diu tohter mîn.
          sô dû verfluocht müezst sîn!
          wan hiet Moyses genomen den tôt,
          sô wær ich frî von diser nôt,
          ich und die mînen alle.
          ez wirt dir noch ein galle!
          und ist daz uns leit widervert,
          sô wizz daz dich nieman ernert.’
          dô diu küniginn erhôrt
          des küniges zornigiu wort,
          dô swuor si im mangen eit,
          daz ez ir wær von herzen leit.
          der künic dô von der frouwen schiet.
          sîn reis ûf daz velt geriet
          zuo dem her, dâ er ez liez.
          für sich zogen er ez hiez
          gên Ebrôn, dâ er vant
          di juden in ir selbes lant.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8221-8248]

          Dô der künic von dannen reit,
          dô wart der küniginne leit.
          si klagt ir ungemach und den sîn.
          si sprach: ‘lieber herr mîn,
          wie bist dû von mir gevarn!
          ich hân bî mînen jârn
          dich sô zornic nie gesehen;
          des muoz ich wærlîch jehen.’
          si sprach vil dick: ‘âwê und ôwê!
          mir ist drîer ding wê:
          vlius ich den lieben herren mîn,
          sô muoz ich immer trûric sîn.
          ist aber, daz im leit widervert,
          sô weiz ich, daz mich nieman nert.
          daz dritt ist mir ouch swære
          und ein vil leidez mære,
          ob ich den kneht verliesen sol,
          der mir gedienet hât sô wol;
          ich mein Moysen den lieben kneht,
          den ich hân gezogen reht.
          dar umb muoz ich mîn leben lân
          und sol im immer missegân.’
          jâmer, klag hêt si genuoc.
          vil dick si an ir herz sluoc,
          swenn si dar an gedâht,
          waz ir diu hervart kumbers brâht.
          der frouwen klag wil ich gedagen,
          sî hêt sich selb nâch erslagen.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8249-8280]

          Daz her begund dô zehant
          rîten in der juden lant.
          dô daz die juden ersâhen,
          si begunden balde gâhen:
          dô si di heiden wolden bestân
          si begunden rîten unde gân
          zuo Moysen dô zehant.
          ‘di heiden wellent in daz lant!’
          begunden si all jehen;
          ‘vil jâmers mac uns von in geschehen.
          wan si slahent uns an der stat.’
          Moyses vil güetlîchen bat.
          er sprach: ‘ir sült gelîche,
          arm unde rîche,
          manen got vil sêr,
          so gewinnen wir frum und êr;
          so müget ir den vînden an gesigen,
          daz man si tôt siht vor iu ligen
          reht alsam di hunde,
          bitet ir von herzen grunde
          die almehtigen gotheit,
          dâ nimmer ze end wirt von geseit.
          dar zuo rât ich iu zehant,
          ir vâht an seil und an bant
          iuwer vich gemeine,
          grôz unde kleine.
          lât ir dheinez hinder iu bestân!
          ir sült tragen und füeren dan
          beidiu wîp unde kint
          und alle die mit iu sint;
          die heizet gâhen gên dem mer.
          wir haben gên in niht vil wer.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8281-8306]

          Dô si Moysen vernâmen,
          wie schier si all quâmen,
          mit vich, mit ros, mit gewant!
          diu wîp si nâmen an di hant;
          si truogen und triben gên dem mer.
          dar nâch kom der heiden her,
          und funden dâ niht umb ein grûz.
          si riten unde liefen ûz.
          dem künig seiten si mær,
          daz in dem lant nieman wær,
          si wæren all mit ir her
          geflohen unz an daz mer.
          dô sprach der künic zehant:
          ‘sît si uns habent gerûmt daz lant
          und gên dem mer sint gevarn
          mit ir vich und mit ir scharn,
          sô süll wir zuo in ûf den sant,
          sît si uns habent gerûmt daz lant,’
          sprach der künic Pharaô.
          ‘si habent gevorht unser drô.
          wol hin zuo in bî der zît!
          wir süllen sehen der juden strît.
          si müezen vor uns sinken
          und in dem wâg ertrinken,
          sô werd wir all vor in vrî,
          swie Moyses doch ir abgot sî.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8307-8332]

          Dâ mit daz her îlet bald
          von dem land durch di wald,
          unz si in kômen sô nâhen,
          daz si di juden sâhen.
          si sâhen ûf fliegen schiere
          der heiden baniere,
          und ouch di heiden alle
          riten zuo mit schalle.
          dô vielen di juden an ir knie.
          ir ruof in den himel gie,
          wan si all gemeine
          ruoften, grôz und kleine:
          ‘herr, hilf uns ûz nœten,
          uns wellent di heiden tœten!’
          si vielen aber an ir knie.
          ir ruof dô gên himel gie,
          wan der ruof wart manicvalt:
          beidiu junc unde alt
          ruoften von allen iren sinnen:
          ‘hilf uns, herr, von hinnen,
          lieber, almehtiger got,
          daz wir iht werden der heiden spot!’
          dô daz di heiden ersâhen,
          sie begunden zuo in gâhen
          mit grôzer rot und mit her.
          di juden fluhen an daz mer.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8333-8372]

          Dô Moyses sach ir zagheit,
          dô wart im gar leit.
          er bat got vil tiuwer:
          ‘herr, gip uns ein stiuwer,
          und tuo daz in kurzer frist,
          wan der tôt uns nâhen ist!
          erzeig, herr, den heiden dîn,
          daz wir dîn volc mügen gesîn!
          schaff, herr, daz her Pharaô
          fürht dîn wort und dîn drô,
          und daz er wizz, daz dîn gebot
          sî nützer dann sîn abgot!
          erbarm dich, lieber herr mîn,
          und sich an daz volc dîn!
          erzeig dîner barmung lieht
          und lâ dîn volc verderben niht!
          lâ dîn volc bî dir bestên
          und lâ dînen zorn ergên
          über die heidenischen schar,
          die dich niht wellent gar
          von herzen erkennen
          und dich niht herr nennen!
          schaff, daz si dich, herr, erkennent sîn
          als wir dich, herre mîn!
          daz tuo dû, herr, in kurzer frist,
          daz si gelouben, daz niht enist
          dhein ander got wan dû ein,
          und daz ouch niht sô rein
          ist, sô dû, herr mîn,
          und daz si des geloubic sîn,
          und daz si dich got nennen
          und ouch als wir erkennen!
          herr, erzeig in dînen gewalt,
          daz der grôz ist und manicvalt!
          tuo, herr, daz si dich erkennen
          und dich herr schepfer nennen!
          schaff, daz ein ende hab ir strît,
          und tuo daz, herr, bî der zît,
          daz si erkennen dîn gotheit,
          dâ nimmer ze end wirt von geseit!’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8373-8396]

          Dô Moyses alsô sêre
          die götlîchen êre
          bat und die juden alle
          mit gebet und mit geschalle,
          des erhôrt er ir aller bet.
          sîn stimm mit Moysen ret,
          daz si fluhen an daz mer
          mit ir vich und mit ir her.
          daz tet Moyses den juden kunt.
          si fluhen an der selben stunt
          an daz mer gemein;
          daz stuont still als die stein.
          ez beschuof got, daz ein stec
          gie durch das mer als ein wec,
          völliclîchen [sam] zehen klâfter wît.
          die heiden mohten dhein zît
          an di juden komen niht,
          wan got hêt mit den juden pfliht.
          der wec gie schôn durch daz mer.
          dâ zogten si durch mit ir her,
          unz si kômen an daz lant.
          die heiden kêrten ouch zehant
          nâch der strâzen dâ hin;
          daz kom in allen zuo ungewin.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8397-8416]

          Dô Moyses di heiden sach,
          daz in was nâch in sô gâch,
          dô bat er got vil sêr
          durch sîn götlîche êr.
          er sprach: ‘almehtiger got,
          schaff, daz des tievels abgot
          niht an uns werde sigehaft!
          erzeig dîn götlîche kraft
          und schaff, daz si erkennen dich,
          herr, dîn gotheit, alsam ich,
          und daz si dîn zeichen sehen,
          daz si des müezen verjehen,
          daz dhein got sî wan dû ein
          und ouch nieman sî so rein.’
          dô er daz gebet getet,
          gotes stimm aber mit im ret.
          si sprach: ‘var ûz in daz lant!
          ein zeichen wirt dir schier bekant:
          den heiden geschiht ein herzenleit;
          daz sî dir für wâr geseit!’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8417-8442]

          Dâ mit îlten di juden dan
          ûz dem mer an den plân.
          do si kômen an daz velt hin,
          daz dûht si ein schœner gewin.
          die heiden strichen allez nâch –
          nâch den juden was in gâch –,
          unz daz si kômen an den stec
          ûf den wîten wagenwec,
          der dâ gie durch daz mer,
          Pharaô mit sînem her.
          dô sluoc daz mer zesamen gar,
          daz si ertrunken, daz ist wâr.
          do di juden daz ersâhen,
          dô begundens gâhen
          alle wider zuo dem mer,
          dô si erhôrten daz starc her
          rüefen jæmerlîchen.
          ir rüefen kund niht gelîchen,
          daz si tâten gemein.
          ez möht erbarmen einen stein,
          wan si ertrunken mit grôzer nôt.
          daz her lac mit jâmer tôt.
          des wurden di juden vil vrô
          und lobten got von herzen dô
          der genâden, diu in was geschehen
          von got, des ich muoz jehen.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8443-8456]

          Dô daz her ertrunken was –
          wan ir dheiner dô gênas –,
          dô wurden in den rîchen
          ze künig sicherlîchen
          nâch Pharaônis zîten
          di gern wolden strîten.
          swer di wolt erkennen,
          der muost si künig nennen.
          swer des selben niht entet,
          der wart vertriben dô ze stet.
          dâ von muost man di fürsten gar
          künig nennen, daz ist wâr,
          die in dem lande wâren
          bî den selben jâren.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8457-8484]

          Dar nâch zogten di juden schôn
          in der wüesten Babylôn.
          do geschach in vor hunger wê,
          vor durst liten si jâmers mê.
          daz klagt Moyses der gotheit.
          diu stimm aber zuo im seit:
          ‘sag mir, waz wirrt dem volk mîn?’
          er sprach: ‘si lîdent grôzen pîn;
          vor durst und vor hungers nôt
          sint si, herr, nâhen tôt.’
          [diu stimm sprach:] ‘daz wil ich understân –
          wan ich in wol guotes gan –,
          in kurzen zîten aldâ.
          ich wil in geben mannâ
          von himel, ein vil guot brôt,
          daz in gêt für des hungers nôt.
          daz brôt ist alsô gestalt,
          daz man dâ bî wirt selten alt.
          ez smeckt nâch wilt und nâch zam,
          ez ist ein wunnenbernder sâm.
          swer sîn iht ezzen sol,
          dem ist mit der spîs wol.
          ‘rephüener, visch, wiltbræt,
          hasen, hüener, guot geræt,
          dâ smeckt daz brôt nâch, swann man wil;
          da von hât daz brôt wunnen vil.
          ez vellet von dem himel ze tal
          sam der regen âne zal.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8485-8508]

          Daz vil himelisch brôt
          gienc in dô für des hungers nôt.
          swes ein man gelustet ze ezzen,
          der ze tisch was gesezzen,
          dem was sîn spîs dô bekant
          von dem brôt, daz er dâ vant
          und im geregent was ze tal
          mit einem wunniclîchen val,
          reht als ez wær diu selb spîs.
          ez smacket als daz paradîs.
          den juden gap er ez ze êren,
          daz si solden mêren
          ir freude gên der gotheit,
          dâ nimmer ze end wirt von geseit.
          dô hêten si frum und êr,
          des dankten si got vil sêr.
          si jâhen, si hieten spîse genuoc,
          allez des diu erde truoc.
          ‘hiete wir niur wazzer guot,
          sô wurd daz vich und unser muot
          gefreuwet an der selben stunt,
          sô uns daz wazzer wurde kunt.
          daz vich wil uns verderben
          und vor durste ersterben.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8509-8534]

          Dô Moyses dô erhôrt
          der juden klegelîchiu wort,
          dô gie er an der selben stunt
          und tet ez got von himel kunt.
          dô sprach got der reine:
          ‘ich wil mich aber eine
          über si erbarmen;
          daz tuon ich durch di armen.
          nu nim Aarônes ruoten ein
          und slach dâ mit ûf einen stein,
          sô wirt dir wazzers vil bekant;
          daz vliuzt dir ûz der steinwant.
          dû maht mit dînen sinnen
          dhein wazzer anders gewinnen.’
          dô dankt er vil sêr
          sîner götlîchen êr.
          von der stimm er aber schiet,
          zuo den juden er geriet.
          er gedâht: wie sol ein wazzer rein
          immer gerinnen ûz einem stein,
          den nimmer dhein man
          mit dheinem wâfen niht kan
          gar zerbrechent sîn?
          sol ich mit einem slegelîn,
          mit diser ruoten brechen in?
          des hân ich nindert einen sin!
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8535-8554]

          Dô sluoc er mit der ruoten dar.
          des nâmen die juden war.
          dô er den slac hêt getân,
          zehant ein starkez wazzer ran
          von dem stein hin ze tal,
          daz liut und vich über al
          gewunnen wazzers genuoc.
          in emern unde krüegen man truoc
          wazzer, daz was vil rein;
          des freuten sich diu jüdlîn klein.
          daz vich zuo dem wazzer gie:
          dhein jud dâ niht enlie,
          er trib ez zuo dem wazzer guot;
          des freuwet sich der juden muot.
          zehant dô daz Moyses ersach,
          dô klagt er sînen ungemach,
          daz er gezwîfelt hêt dar an,
          daz ûz dem stein wazzer ran.
          dâ von vorht er got sêr,
          er benæm im lîp und êr.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8555-8588]

          Moyses in der wüesten gar
          fuor völliclîch vierzic jâr;
          daz solt er in vierzic tagen hân gevarn
          mit den jüdischen scharn.
          daz was gotes urkünt
          umb der juden sünt,
          daz si im niht wâren gereht.
          die herren und die kneht
          die fuoren all irre gar
          in der wüesten, daz ist wâr.
          bî in was kroten und nâtern vil.
          ……, mucken ich iu wil
          nennen und ander slaht genuoc,
          die dar zuo wâren alsô kluoc,
          daz si den juden tâten leit.
          si heckten si mit kündicheit,
          daz si in den jâren
          geblæt [und] geswollen wâren.
          sô si slâfen solden
          und gemach haben wolden,
          sô heckt ez si gemeine,
          grôz unde kleine;
          sô si dann wolden ûf stân
          unde zuo Moysen gân,
          sô wâren si geblæt;
          daz was niht guot geræt.
          dô in geschach diu grôz nôt,
          daz sümlîch lâgen tôt,
          dô giengen si zuo Moysen zehant.
          der wart vil tiuwer dô gemant,
          daz er ez tæt durch got
          und hulf in ûz grôzer nôt;
          daz gewürme wolt si tœten
          mit angsten und mit nœten.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8589-8620]

          Des antwurt Moyses zehant:
          ‘ir habt iuch in nôt und schant
          brâht, dô ir zerbrâcht daz bot
          und betet an iur abgot.
          dâ von lîdt ir dise swær,
          sît iu lieber ist Lucifer
          dann diu heilig gotheit.
          daz wirt iu noch ân mâzen leit.
          swie ez dar umb sî gestalt,
          ich wil iu zeigen gotes gewalt,
          der grôz unde kreftic ist.’
          er sazt in für einen list:
          er gôz ein nâtern êrîn,
          als ez wolt unser trehtîn.
          die hiez er ûf machen
          mit wunderlîchen sachen
          almitten under sîn her.
          diu nâter hêt dhein wer
          wan daz si dâ hienc;
          swer zuo der nâtern gienc
          unde sich bestreich dâ mit –
          diu nâter hêt einen sit,
          daz er dâ von wart gesunt,
          swaz im siechtuoms vor was kunt.
          si was gemacht mit sölhen listen,
          swer sînen lîp wolt fristen,
          den geheckt hêt dhein kunder –
          daz was ein grôz wunder –,
          sô er sich begunde streîchen
          mit der nâtern – daz was ein zeichen! –:
          swie grôz er geswollen was, zehant er dô gênas.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8621-8638]

          Dannoch wolden si got
          niht behalten noch sîn gebot.
          eines tages gie Moyses ein
          für den vliezenden stein.
          dô kom ein stimm zuo im gekêrt,
          diu Moysen aber lêrt.
          diu sprach mit freuden vil schier:
          ‘ginc ûf den berc zuo mir,
          der dâ heizet Sinaî;
          dâ wil ich dir wesen bî.
          dâ solt dû zuo mir kêren.
          ich wil dir geben ze êren
          zwô guot taveln steinîn;
          dar an sol geschriben sîn
          diu ê und ouch mîn lêre.
          der süllens hüeten sêre,
          ich mein mîn volc von Israhêl,
          dâ mit behaltent si ir sêl.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8639-8664]

          Diu stimm dô von Moysen schiet,
          als ez ir wille riet.
          ûf den berc Moyses dô gie,
          die alten juden er zuo im gevie
          und hiez die jungen komen dar
          und sagt in gotes willen gar.
          er sprach: ‘got wil mit êren
          uns sîn genâd lêren
          und wil uns geben ein ê guot,
          dâ mit diu sêl ist behuot.’
          des dankten si got sêr,
          sîner götlîchen êr.
          dô diu red wart verlân
          und er wolt ûf den berc gân,
          si sprâchen: ‘lieber herr mîn,
          wer sol unser lêrer sîn?
          oder wer sol uns rihten,
          unsern kumber slihten?’
          er sprach: ‘daz sol Ur und Aarôn,
          di zwên süln iuch rihten schôn
          und süln iuch lêrn rechticheit;
          daz hân ich in vor geseit.’
          dâ mit schiet er von dan.
          er begunde ûf den berc gân.
          er sprach: ‘belîbet hie an der stat;
          mac ich wærlîch, ich kum drât.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8665-8670]

          Dô Moyses ûf den berc gie,
          ein wolken in dâ umbevie
          und ouch den berc zehant.
          diu gotes genâd wart im bekant.
          si bedaht den berc und Moysen gar
          den sehsten tac, daz ist wâr.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8671-8710]

          Dô Moyses dô bedeckt was,
          als ich an dem buoch las,
          dô sprach er: ‘herr ân ende,
          ich recke dir mîn hende
          ûf die genâde dîn!
          nû tuo mir dîn hilfe schîn
          und lâ, herr, dînen zorn,
          wir sîn anders gar verlorn!
          gip uns juden die ê,
          dâ diu sêl mit erstê.’
          an dem sibenten tag ze stet
          diu stimm aber mit im ret.
          si hiez in von der erde stên
          und ûf den berc für sich gên.
          ich sag iu, wie er die gotheit sach,
          als im diu werlt dar nâch verjach;
          des muoz ich wol von schulden jehen,
          er mocht ir anders niht gesehen,
          wan er die gotheit alsô sach,
          diu ûz dem gewülken sprach:
          er sach sie in der gebær,
          sam si ein fiur wær
          ûf dem berg unde brunn;
          ez was lieht alsam diu sunn.
          ich sag iu für die wârheit,
          daz Moysen antlütz gemeit
          wart lieht als diu sunne
          von der gotes wunne,
          diu von der gotheit schîn gie,
          dô in daz gewülken umbevie.
          sô lieht wart nie dhein ougenbrehen,
          daz ez Moysen möht an gesehen
          als völliclîchen als mann ê sach:
          sô lieht was sînes schînes dach,
          die er von got dô enpfie,
          dô er ab dem berge gie;
          wan als in die juden sâhen an,
          sô dûht ein ieslîchen man,
          ez wær ûz dem houbt sîn
          gewahsen horn guldîn.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8711-8730]

          Moyses sach die wunn an,
          der vil heilig man.
          dâ von er ûf dem berg beleip –
          wan in nieman dannen treip –,
          vierzic tag und vierzic naht,
          als im got vor hêt gedâht,
          daz er niht az noch tranc;
          di wîl dûht in dô niht lanc.
          an dem vierzegisten tag sprach
          diu stimm alsô zuo im jach:
          ‘Moyses, lieber friunt mîn,
          nim die taveln steinîn;
          der sint zwô, als ich hân geseit,
          wan ich bin selb diu wârheit.’
          also redet si vil güetlîch
          und alsô reht tugentlîch.
          ‘nû hân ich, Moyses, dich gewert
          des dû ie an mich hâst begert,
          wan dû bist mir ein lieber man,
          dâ von ich dir wol guotes gan.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8731-8742]

          Ze den zîten dô was schôn
          zuo den juden gegangen Aarôn,
          wan er hêt des keinen sin,
          daz Moyses kæm her ab zuo im.
          dâ mit di juden bâten schôn;
          si sprâchen: ‘lieber friunt Aarôn,
          Moyses wil niht wider komen,
          daz hab wir wol von im vernomen,
          wan er liez uns in grôzem spot
          und verbôt uns diu abgot.
          dâ von sô solt dû uns gewern,
          wes wir in hulden an dich gern.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8743-8770]

          Dô Aarôn erhôrt
          ir bet und ir wort,
          dô hiez er si bringen dar
          vingerlîn, fürspan, daz ist wâr,
          silbrîn unde guldîn,
          so si aller schœnst kunden sîn,
          und kleinôt ein michel teil,
          und sagt in vor, si gewunnen heil,
          daz si ir vil bræhten dar.
          si kômen für in mit grôzer schar.
          er sprach: ‘wes ir nû an mich gert,
          des sült ir alles sîn gewert.’
          dô sprach an ir aller stat
          ein jud, den man des tiur bat:
          ‘herr, dich bitet gemeine
          daz volc alsô reine,
          daz dû in machst ein abgot guot;
          daz wellents haben in ir huot
          und wellentz frœlîch beten an,
          sît si Moyses hât verlan.’
          des antwurt in dô Aarôn,
          er sprach: ‘ich heiz in schôn
          ein abgot rennen,
          des namen wir erkennen,
          wan ez muoz werden wolgetân,
          ob ich gotes willen dar zuo hân;
          des werd wir innen in kurzer frist,
          ob ez im liep und guot ist.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8771-8790]

          Dô hiez er bald bereiten,
          einen oven eiten
          und warf diu kleinôt dar in;
          daz dûht si ein schœner sin.
          dô ez alz ze samen ran,
          dô sâhen si ez frœlîch an,
          wan dâ zwei kalp rôt
          wurden von ir kleinôt;
          des wurdens herzenlîchen vrô.
          Arôn gie zuo Ur dô
          und nam in bî sîner hant
          und wîset in dô zehant
          dâ diu kelber wâren.
          do begunde Ur gebâren,
          sam er ân sinn wære;
          er sprach: ‘ir trugenære,
          habt ir den reinen got verlân
          und welt diu kelber beten an?
          des müezt ir komen in grôz nôt;
          sêl und lîp muoz ligen tôt.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8791-8806]

          Dô Aarôn die red vernam,
          vil bald er zuo den juden quam
          unde klagt daz leit sîn.
          ‘ich klag iu, daz daz kalp mîn
          und daz iur mit spot stât.
          ich sag iu waz Ur gesprochen hât:
          er sprach: ‘zwiu sol uns diser spot
          an unserm verfluochten abgot?’
          diu red mir missevallen hât.
          verfluocht in hie an diser stat
          und werfet speicheln ûz dem munt
          ûf in tûsent tûsent stunt,
          sô vil genuoc, sô sêre,
          daz er verlies sîn êre
          und sîn leben müez lân;
          er hât vil übel an uns getân.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8807-8824]

          Zehant wart geworfen dar
          diu speichel ûz dem mund gar
          sô oft hundert tûsent stunt
          gie ûz drîzic tûsent munt,
          daz ein bach dâ von ran;
          dâ von er wart daz leben ân.
          die red hât mir tân bekant
          ein pfaff, der ez geschriben vant,
          der ist genant Friderîch,
          ze Bêheim sitzt er sicherlîch.
          er ist vil gar gewær,
          ze Wonawicz ist er pfarrær.
          nû lâz wir die red stân.
          der ez allez weiz und kan,
          der weiz ouch die wârheit wol,
          wan er ist genâden vol.
          er ist diu wârheit und daz lieht,
          vor im ist verborgen niht.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8825-8890]

          Nû lâz wir die red stân
          und grîfen wider zuo Moysen an.
          dô er ab dem berg gie
          und in diu gotheit verlie,
          dô sach er daz die juden blint
          heten gemacht ein kalp sint.
          ûf einer siul sach er ez stân
          und sach daz si ez bâten an.
          daz was im leit und ungemach.
          wider di juden er dô sprach:
          ‘ôwê! daz ir ie wurdet geborn,
          ir müezet dulden gotes zorn!’
          alsus er wider si verjach.
          ûz grôzem zorn er aber sprach:
          ‘sagt mir, unsæligiu diet,
          wer iu ditz goukel riet?’
          si sprâchen: ‘daz hât getân Arôn.
          der hiez uns komen für in schôn
          und hiez uns bringen mit uns dar
          vingerlîn, fürspan, daz ist wâr,
          silbrîn unde guldîn,
          sô si schœnst mohten sîn,
          und kleinôt ein michel teil,
          und jach, dâ von gewunn wir heil.
          dô wir si brâhten dar
          und er ir aller nam war,
          dô hiez er bald bereiten,
          einen ofen eiten,
          und warf diu kleinôt dar in.
          daz dûht in ein guot sin.
          dô ez allez ze samen ran
          und er daz sach mit ougen an,
          daz zwei kelber rôt
          wurden von den kleinôt,
          dô nam er Urn an die hant
          unde wîst in dô zehant
          dâ diu kelber wâren.
          do begund Ur gebâren,
          sam er ân sinn wære.
          er sprach: ‘ir trugenære,
          habt ir den reinen got verlân
          und welt ir kelber beten an?
          des müezt ir komen in nôt,
          sît ir brecht daz gotes gebot.’
          dô Aarôn die red vernam,
          zuo den juden er quam
          und klagt in über den gesellen sîn
          und sprach: ‘Ur der geselle mîn,
          der hât vil übel an uns getân;
          daz sol im nimmer wol ergân!
          er giht, wir haben gemacht spot
          und haben gemacht ein abgot
          ûz disem kalb, daz vor uns stât;
          diu red mir missevallen hât.
          nû werf wir speichel ûz dem munt
          ûf in tûsent tûsent stunt,
          so genuoc und sô sêre,
          daz er verlies sîn êre
          und sîn leben müez lân;
          er hât vil übel an uns getân.’
          zehant wart geworfen dar
          diu speichel ûz dem mund gar,
          daz er den tôt dâ von nam
          und niht mêr zuo der siul quam.
          daz was im ein grôz nôt,
          von der speichel leit er den tôt.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8891-8916]

          Dô Moysi wart bekant
          diu red, daz er vant
          Aarônes gesellen tôten
          und alsô gemarterôten,
          dô wart er trûric und unfrô.
          zuo den juden sprach er dô:
          ‘wie hân ich Ur verlorn!
          an iuch ist mir unmâzen zorn!
          von zweier hande sachen
          muoz mîn herz krachen:
          diu ein ist, daz Ur ist tôt.
          dannoch hân ich ein groezer nôt,
          daz ir got alsô habt verlân
          und betet ein rôtez kalp an.
          iu hêt got ein ê gesant,
          der vil süez heilant:
          wie habt ir mir verkêrt
          und iuch selber geunêrt!
          dâ von wil ich mich rechen,
          di taveln wilich zerbrechen.
          nû sît fürbaz all blint,
          sam den diu ougen verbunden sint!’
          er nam die taveln alsô rein
          und sluoc si ûf einen stein,
          daz si zerbrast zehant.
          daz kalp er in dem fiur brant.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8917-8944]

          Die juden sâhen sînen zorn.
          er sprach: ‘wærlîch, ir sît verlorn!’
          dô lobt ir ieslîcher stæt,
          daz er ez nimmer mêr getæt.
          dô sprach Moyses zehant:
          ‘mir was von got daz bekant,
          unde was sîn ouch gewis,
          er fuort iuch in daz lant repromissionis.
          daz kan ich für wâr sagen,
          ez wær geschehen in vierzic tagen.
          daz hât verworht iuwer lîp,
          ich meine iuch, man und wîp’.
          dô si erhôrten sîne drô,
          si wurden trûric und unfrô.
          si bâten in vil stæte,
          daz er got tiuwer bæte,
          daz er sîn güet kêrt zuo in;
          si wærn gewesen âne sin.
          er sprach: ‘des entuon ich niht,
          mîn gebet ist gên im enwiht,
          wan ich weiz daz für wâr,
          daz er ist zornvar.’
          die rede west wol diu gotheit.
          der juden sünde was im leit.
          des muosten si gemeine
          hunger lîden eine
          in der wüesten, dâ si wâren
          bî den selben jâren.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8945-8974]

          Dar nâch kom ein engel gegân
          dâ er den frumen man sach stân;
          zuo im kom er sô lîse
          ûz dem paradîse.
          er sprach: ‘Moyses, gotes kneht,
          erkennest dû die juden reht,
          die daz kalp bâten an?’
          dô sprach der getriuwe man:
          ‘nein ich, zwâr ich erkenne ir niht.
          ez ist geschehen ein geschiht,
          die sage ich, lieber engel guot.
          des freut sich lîp unde muot,
          daz mich got gerochen hât
          an in umb etlîch missetât.
          die wil ich dir nennen,
          daz dû si mügest erkennen.
          daz sint di Ur, dem reinen man,
          gar übel hânt getân.
          die habent erliten den tôt
          mit jâmer und mit nôt,
          wan ich sîn got erbeten hân;
          dar umbe hât er ez getân.’
          er sprach: ‘nû tuo, als ich dir rât:
          heiz di juden alle drât
          îlen vil sêre
          in gotes selbes êre
          zuo dem wazzer dâ ez ist,
          sô sihst dû seltsænen list.
          heiz si trinken daz wazzer rein,
          beidiu grôz unde klein.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8975-8994]

          Daz wart vil schier dô getân,
          si muosten zuo dem wazzer gân;
          si trunken dâ den ursprinc.
          da geschâhen seltsæniu dinc.
          swer daz kalp hêt gebeten an,
          dem sach man vor dem munde stân
          einen bart fiuwerrôt,
          als im daz zeichen gebôt.
          dô daz der engel ersach,
          ûz zorn er dô sprach:
          ‘verfluochet müezet ir sîn,
          sît ir daz rôte kelbelîn
          habt ane gebeten âne nôt!
          dar umbe müezt ir ligen tôt.
          dhein untriu wirt niht verspart,
          daz ist hie schîn an dem bart.’
          Moyses sprach: ‘ich bite gern
          got, ob er mich wil gewern;
          ich fürhte aber des sêre,
          ir behalt noch niht mîn lêre.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [8995-9042]

          Dar nâch vil schier daz geschach,
          daz gotes stimme wider in sprach:
          ‘ginc ûf den berc zuo mir!
          dâ wil ich aber sagen dir,
          wie dû die juden lêrest
          und ir unreht verkêrest.
          daz sihest dû schier in kurzer zît,
          ob si noch lâzen irn bœsen strît.
          dâ von solt dû gâhen,
          wellest dû von mir enpfâhen
          zuht und reht lêre;
          daz unreht ich verkêre.’
          dô Moyses die rede vernam,
          wie schier er dô gegangen quam
          zuo den alten juden dô!
          er sprach: ‘ir sült wesen frô!
          got wil uns rehte lêre geben,
          dâ süll wir nimmer wider streben,
          wan ir sült sîner lêre
          volgen alsô sêre,
          sô mac iu nimmer missegân,
          welt ir got wesen undertân.
          ich wil iuch biten an diser stat
          durch got, der uns beschaffen hât,
          daz ir niht mêr deheinen spot
          rihtet mit iuwerm abgot,
          wan ez verbiutet got sêr.
          dâ von sült ir im dhein êr
          erzeigen ze deheiner zît,
          oder got iu micheln smerzen gît.
          ir sült gedenken dar an,
          waz iu got liebes hab getân,
          dô er iuch durch daz mer hiez
          fliehen und ertrinken liez
          Pharônem den künic rîch,
          mit im di heiden alle gelîch.
          des sült ir danken sêre
          sîner götlîchen êre.
          ir sült gedenken dar an,
          daz wider in nieman niht enkan,
          und daz ouch elliu künicrîch
          im wartent wærlîch.
          himel, erde und daz paradîs
          wartet sîner götlîchen wîs.’
          dô lobten si im vil sêre,
          daz si nimmer mêre
          sîn gebot wolden übergân;
          si wolden in sînem gebet stân.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [9043-9118]

          Dâ mit er ûf den berc gie.
          diu wort er in sîn herze vie.
          zehant lêrt in diu zehen bot
          der rein, der lieb, der süeze got.
          er sprach: ‘vernim waz ich dir sag
          hiute hie an disem tag!
          daz ich dir sage, daz solt dû lêrn
          mîn volc sol sich niht verkêrn.
          si süln an beten einen got
          und lâzen varn ir abgot.
          daz ist daz êrste gebot mîn.
          daz lâzen in enpfolhen sîn.
          sô sage ich, wie daz ander stât:
          man sol niht sweren, daz ist mîn rât,
          bî got deheinen meinen eit;
          tuont si des niht, daz wirt in leit.
          sô ist daz dritte gebot mîn,
          daz man im lâze enpfolhen sîn
          die vîr, die ich geboten hân,
          daz weder wîp noch man
          die vîr iht zerbreche
          noch dhein verboten wort spreche.
          sô ist daz vierde gebot mîn,
          daz man im lâze enpfolhen sîn –
          ein ieglîch mensche, als ich im sag –
          alle zît und alle tag
          vater und die muoter sîn.
          daz ist daz vierde gebot mîn.
          man sol si êren ze aller zît.
          daz gebot in nâhen lît.
          sô lêr ich daz fünfte gebot,
          wan ich bin ein rehter got,
          der dich rehte lêren sol;
          dîn herze ich erkenne wol.
          dâ von sô sage dem volk mîn,
          daz si in lâzen enpfolhen sîn,
          daz si mit deheinen nœten
          deheinen menschen ertœten.
          daz sehste gebot ist sô gestalt,
          er sî junc oder alt,
          er sol sîn in rehter fuor
          und sol lân sîn überhuor.
          tuot er des niht, dâst missetât;
          mîn gebot er übergangen hât.
          daz sibent gebot ich nennen wil,
          dar an lît unêren vil;
          des wil ich dich niht verheln.
          dhein mensche sol dem andern steln.
          nimt ez im iht, dâst missetât;
          mîn gebot er übergangen hât.
          daz aht gebot nieman wol stât,
          des sol mîn volc haben rât.
          swie liebe im friunt und mâge sî,
          er sol der bôsheit wesen frî,
          daz er durch liebe noch durch neît
          iht enswer deheinen eit,
          wan er mich dar zuo nennen muoz.
          dâ von sô wirt im nimmer buoz
          der sünden, der er begangen hât
          mit valschen eiden, dâst missetât.
          dâ von er duldet mînen zorn.
          wærlîch, sîn sêle diu ist verlorn!
          daz niunde gebot ich nennen wil,
          des pflegent leider liute vil.
          daz selbe got verboten hât.
          er giht, ez si grôz missetât
          und unrehtiu fuore
          swer mit valschem huore
          zuo eines mannes konen gât
          des sêle werde nimmer rât.
          alsô giht got der rîche,
          swer dar an sicherlîche
          erfunden werde, daz sî niht guot;
          der sêle er grôzen schaden tuot,
          welle er sich niht bekêren
          von den sünden zuo den êren.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [9119-9140]

          Niht lenger wil ich gedagen,
          daz zehent gebot wil ich sagen,
          wie daz got selbe lêrte,
          daz man dâ von kêrte.
          er sprach: ‘ich wil iuch lêren,
          daz nieman niht sol kêren
          weder an wîp noch an man,
          daz in niht süll gehœren an;
          weder rinder noch diu swîn,
          weder wîp noch töhterlîn,
          hiuser noch der acker guot:
          man sol ez lâzen ûz dem muot.
          ein ieslîcher sol daz sîn hân,
          daz in ze reht gehœr an.
          tuot er des niht, ez übel stêt,
          mîn gebot er wærlîch übergêt.’
          dar nâch got der rîch
          sprach: ‘nû hân ich sicherlîch
          dir diu zehen bot geseit;
          swer diu zerbricht, daz wirt im leit.
          da von lâz ez dir enpfolhen sîn!
          ginc, sage ez dem volk mîn!’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [9141-9162]

          Dâ mit er ab dem berge gie
          zuo dem volk, dâ er ez lie.
          er sprach: ‘ir juden gemein,
          unser herre got der rein
          hât iu diu zehen gebot gesant
          von himelrîch, der heilant;
          diu sült ir haben in iuwer pfleg
          und behalten alle weg.
          tuot ir des niht, ez wirt iu sour,
          über di sêl gêt iu ein schour.
          und ist, daz ir daz niht gemein
          behalt, sô werdet ir unrein.
          dem hôhen got sî ez gekleit,
          daz iu diu helle ist bereit,
          diu ê iu niht beschaffen wart;
          dâ von der himel ist iu verspart.
          ich rât, ir lât noch iuwern spot
          und behaltet noch diu zehen gebot,
          diu iu got bî uns hât gesant,
          der vil süeze heilant.’
          dô lobten si im bî got,
          si wolden leisten sîn gebot.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [9163-9192]

          Moysen bâtens einer bet,
          der wurden si gewert ze stet,
          daz er ez durch irn willen tæt
          und got vlîziclîchen bæt,
          daz er in ein fleisch tæt bekant,
          daz si griffen mit der hant.
          dâ mit gie Moyses unde bat
          got, der in beschaffen hât.
          dô rief ein stimm: ‘wes wil dû gern?’
          er sprach: ‘dû solt mich gewern
          des dîn volc gert an dich;
          des solt dû, herre, gewern mich.
          si sprâchen, in wurd nie sô wol
          noch sô gar freuden vol
          noch sô gar hôchgemuot,
          sô dô man in sazt zuo der gluot
          grôz heven, kezzel vol –
          sît wurde in nimmer mêr sô wol! –
          mit guotem fleisch und mit krût;
          des âzen si vol ir hût.
          alsô giht wîp und man,
          ich habe si gefüeret dan
          in die wüesten und in daz lant,
          dâ in niur hunger sî bekant.’
          dô sprach ez got, der reine man:
          ‘dû solt zuo in hin wider gân,
          und heiz si ûz gên an daz velt;
          da gewinnent si schœnen gelt:
          von gefügele schœne spîs
          gewinnent si ein paradîs.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [9193-9220]

          Dô Moyses die wârheit
          den juden vor geseit,
          dô wart von alten und von jungen
          an daz velt gedrungen,
          wan ez kômen dar gemeine
          grôz unde kleine.
          dâ funden si vor in stân
          und ûf dem velde gân
          rephüener, brâchvögel âne zal
          ûf dem velde über al
          und ander vogel vil,
          daz ich si niht nennen wil;
          die wârn sam die trappen grôz.
          di juden des niht verdrôz,
          si truogens gên dem fiur hin;
          daz dûht si ein guot gewin,
          wan si hêt got berâten;
          si hiezen in sieden und brâten.
          alsô diu spîs bereitt wart,
          dô wart niht lenger gespart,
          si æzen alsô freislîch
          und alsô reht unmæziclîch,
          daz ez in zem mund her ûz ran.
          dannoch woldens niht enlân,
          si æzen vil und genuoc.
          swie vil man spîs für si truoc,
          die wurden all frezzen;
          des kan ich niht vergezzen.

          [9221-9230]

          Moyses wart von herzen vrô
          und lobt got von himel dô,
          daz si diu abgot hêten lân
          und bâten got von himel an.
          dâ von wurdens êren vol
          und gevielen hern Moyse wol.
          er bat, daz si diu zehen gebot
          behielten schôn, als lieb in got
          wær, und liezen ez stæt
          und fürbaz dheiner sünde tæt.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [9231-9256]

          Dâ mit kêrt er von der stat,
          als in dô sîn herz bat,
          und fuort si nâch des buoches sag
          vierzic jâr in sîner klag
          in der wüesten, als man sagt.
          ze allen zîten er daz klagt,
          daz si daz gebot heten übergân;
          dar umb er dick riu gewan.
          er mant si dick unde sprach,
          sô er si gebâren sach
          nâch dem heidenischen sit:
          er sprach: ‘ir schendet iuch dâ mit,
          daz ir niht envolget got.
          da von werdet ir der engel spot;
          wan got enbôt iu bî mir:
          er sprach: ‘sag in, ich well schier
          si mit dir bringen vil gewis
          in daz lant repromissionis.
          daz sol in vierzic tagen ergân.’
          als ich iu vor gesagt hân,
          daz wær al dâ geschehen,
          des muoz ich von der wârheit jehen.
          nû welt ir niht der gotheit
          volgen, daz ist mir leit.
          dâ von sô fürcht ich sêr,
          ir verlieset frum und êr.’
                                                                          [nach oben]
           
           

          [9257-9278]

          Dô lobten si im stæte,
          daz ez dheiner tæte
          nimmer mêr, di wîl er lebt;
          wider got ir dheiner strebt.
          er sprach: ‘gedenket an die tât,
          wie iuch got beschaffen hât
          und waz er iu êren hab getân,
          der vil heilig man.
          er nert iuch von den heiden,
          die iuch wolden scheiden
          von dem leben gemeine.
          daz understuont der reine.
          er gap iu guot mannâ,
          und schuof, daz guot wazzer iesâ
          von einem herten stein vlôz
          und daz ez lûter dâ von schôz.
          des dankt ir im mit güet niht;
          dâ von iu noch vil wê geschiht.’
          des antwurt im gemeine
          beidiu grôz und kleine,
          si wolden gotes willen begân,
          beidiu wîp unde man.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [9279-9310]

          Dâ mit her Moyses von in trat,
          als in sîn herz dô bat.
          von den juden an daz velt
          gie er schôn ûz sînem gezelt.
          dâ vant in schôn ein engel rein
          stên alters ein.
          der engel grüezet in dô schôn.
          zehant dô neic er im ze lôn.
          er sprach: ‘sihest dû den berc dort stân?
          dâ solt dû bald ûf gân,
          und sich dar ab in daz lant;
          dâ wirt dir guot bekant,
          wan ez dir got enboten hât.
          ginc balde, ê ez dir werd ze spât.’
          mit der red huop er sich dar.
          des wart dhein jud gewar,
          als er ûf den berc gie;
          her ab kom er lebentic nie.
          der engel sprach: ‘nû bis gewis,
          ich zeig dir terram repromissionis;
          daz lant, daz dir got gehiez,
          daz er dich dar în liez,
          daz ist daz lant, daz hie stât.
          si mügen dar niht komen drât,
          daz wil ich dir künden.
          si habent mit ir sünden
          daz lant verworht gemeine,
          grôz und ouch kleine.’ – –
          als ich von im gehœrt hân,
          Moyses kom nie lebendic dan.
          sîn grap weiz dhein judenkint,
          unde wart nie funden sint.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [9311-9330]

          Die meister habent mir verjehen,
          ez sî alsô geschehen;
          alsô habent si mir geseit
          für die ganzen wârheit,
          daz beidiu wîp unde man
          beten Moysen an
          noch mêr dann die gotheit;
          alsô habent si mir geseit.
          dâ von muost sîn leben zergân.
          als ich von im gehœrt hân,
          juden, kristen, heiden
          kunnen niemen bescheiden,
          wie Moysi sîn dinc sî ergangen;
          ob in der engel hab gevangen,
          oder ob er noch lebentic dâ sî –
          wær daz, dâ wær grôz wunder bî –,
          oder ob er sî gefüeret dan,
          der vil heilig man.
          ez weiz nieman, wâ sîn grap sî,
          wan dhein mensch was dâ bî.
                                                                          [nach oben]
           
           

          [9331-9370]

          Nû lâz wir sîn got pflegen
          und lâzen Moysen under wegen,
          wan got der weiz zwâr
          lebentic und tôt gar.
          wie lang er lebt, dâst mir bekant,
          wan ich ez geschriben vant:
          daz sag ich iu für wâr,
          er lebt zweinzic und hundert jâr.
          dô Moyses alsô wart verlorn,
          wan in got dar zuo hêt erkorn,
          daz er hin wider kom niht mêr,
          des trûrten di juden sêr
          und hêten alsô grôz klag
          nâch der korôniken sag,
          daz irr klag [sô] gelîch
          nie wart sô gemeineclîch.
          ez wart sô freislîch ir klagen:
          ieslîcher hêt sich [selben] nâch erslagen.
          dô daz vernam der engel hêr,
          zuo den juden sprach er:
          ‘gehabt iuch wol umb die geschiht;
          Moyses kümt her wider niht.’
          dô sagten di alten: ‘herr, wer
          sol uns geben reht lêr?’
          ‘Josuê, der guot man,
          der sol hie bî iu stân
          und sol iuch lêrn reht sit,
          dâ ir iur sêl behaltet mit.
          Moyses kumt her wider niht;
          dâ von iur biten ist enwiht.
          Josuê sol iuch füeren dan,
          wan iu got selb der êren gan.
          ich sag iu zwâr,
          ir komet niht all gar,
          des sît von mir gewis,
          in terram repromissionis,
          wan zwên süllen iur dar komen –
          die red hân ich von got vernomen –,
          niur Kaleph und Josuê
          und anders niemê.’
           

                                                                          [nach oben]
           
           
           
           
           
           
           
           
           
           
           
           


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