JANS DER ENIKEL, Weltchronik.
    Seite 6: Mose I

    Nach der Ausgabe von Philipp Strauch.
    Digitalisiert von Angus Graham.
    Seite erstellt von Graeme Dunphy.

    Seite  enthält die Abschnitte:
    [6061-6156]
    [6157-6172]
    [6173-6250]
    [6251-6280]
    [6281-6296]
    [6297-6376]
    [6377-6414]
    [6415-6440]
    [6441-6470]
    [6471-6510]
    [6511-6576]
    [6577-6632]
    [6633-6656]
    [6657-6696]
    [6697-6736]
    [6737-6766]
    [6767-6796]
    [6797-6822]
    [6823-6850]
    [6851-6906]
    [6907-6936]
    [6937-6950]
    [6951-6984]
    [6985-7026]
    [7027-7062]
     

     

    Zur Startseite
     
     


       
           
          Gute Geschäfte im Hungersnot [6061-6156]

              Die red süll wir lâzen varn
          unde grîfen zuo den jârn,
          der sint vieriu dâ hin
          ân spîs und ân gewin.

      6065     des fünften jâres wart in niht.
          daz was ein jæmerlîch geschiht,
          daz man den mut gap ring
          umb zweinzic pfunt pfenning.
          dô des der herr wart gewar,
      6070     dô sant er aber boten dar.
          swie er ein heiden wære,
          doch was im daz vil swære,
          daz diu werlt hêt grôz nôt
          und daz si lac von hunger tôt.
      6075     er sprach zuo sînem schaffær:
          ‘ginc, lâ dir niht wesen swær
          und nim daz korn daz ich hân.
          fünfzic stedel sint dir undertân.
          dar inn lît korns vil,
      6080     daz ich den liuten teilen wil.
          den mut gip umb sehs pfunt,
          sô werdent si vrô und gesunt.’
          do begund sich aber mêren
          der herr an sînen êren.
      6085     daz sehst jâr wart sô kranc,
          daz der herr hêt mangen danc,
          wie er di liut nerte.
          daz korn er mit in zerte.
          den mut gap man umb drîzic pfunt.
      6090     des wurdens kranc und niht gesunt
          unde sturben ouch ein teil,
          daz was ir grôz unheil.
          der herr aber sant
          boten in daz lant.
      6095     er sprach: ‘lât iuch niht verdriezen,
          heizt kasten und stedel entsliezen
          und heizt daz korn verkoufen.
          gebt hin die grôzen houfen.
          gebt den mut alsam vert,
      6100     des ist diu werlt wol wert.
          dô wart sîn lop gesungen
          von alten und von jungen,
          über al in dem rîche
          lobten si in gelîche.
      6105     doch moht sich niht gelîchen
          der nôt kleglîchen
          zuo dem sibenden jâr.
          ir hût und ir hâr
          gie vor hunger ab dem lîb
      6110     beidiu man unde wîb.
          diu kint begundens ezzen,
          die brâten ab in vrezzen.
          daz begund den herrn erbarmen.
          er sprach: ‘âwê der armen!
      6115     die ligent all hungers tôt.
          ich wil in geben, daz si brôt
          gewinnen von dem korn mîn.
          des süllen si ân angst sîn.
          der hunger wert niur ditz jâr,
      6120     daz sagt mir Joseph für wâr.
          ich lâz mich niht verdriezen:
          heiz mir die kasten entsliezen.
          ich wil mich erbarmen
          über di nôtigen armen
      6125     und wil si freuwen mit dem korn,
          ê daz si werden vlorn.
          heiz di rüefer ûf stân
          und heiz di armen für mich gân.
          ich wil in geben korns vil,
      6130     dar umb ich pfenning niht enwil.’
          dô di rüefære
          sagten daz mære,
          daz der herr Pharaô
          hiet geschaft alsô,
      6135     daz man daz korn gæb umb sust,
          daz was den liuten niht ein flust,
          und dûht si ein grôz heil.
          der liut kom dar ein michel teil.
          dô di liut gewunnen brôt,
      6140     dô wurdens fri vor hungers nôt.
          dô sprach der herre Pharaô:
          ‘well ieman korn, der sî vrô!
          dem gip sîn alsô vil,
          wan ich ez gern teilen wil,
      6145     sît diu übeln bœsen jâr
          sint zergangen, daz ist wâr.’
          dô si die red vernâmen,
          dô kom ir vil nâch sâmen,
          die liut die sæwen wolden,
      6150     als si von reht solden.
          dô gie vil manic guot kneht
          nâch dem pfluog, daz was reht.
          dô wart in korns genuoc.
          daz ertrîch alsam ê truoc,
      6155     wan got der werlt gap sînen segen,
          daz in von himel flôz der regen.

                                                                             [nach oben]
           

          Städtebau in Ägypten  [6157-6172]

              Joseph gewan, als im gezam,
          einen sun der hiez Aram.
          der selb was ein biderb man,

      6160     als ich von im gehœrt hân.
          ze den zîten wurden stet bekant,
          erbouwen in Egyptenlant.
          Memfis hiez ein stat zwâr,
          diu wart gevangen wît gar,
      6165     diu gewan liut ein michel teil,
          daz dûht die herren gar ein heil.
          dar inn rîchset Pharaô,
          des gebot man vorht und sîn drô,
          wan er was ein gewaltic man.
      6170     die juden wârn im undertân
          und di heiden, daz ist wâr,
          dienten im ân zwîfel gar.

                                                                             [nach oben]
           

          Moses Geburt und Josefs Prophezeiung [6173-6250]

              Ein jud der Athenos hiez,
          den nie dhein frümecheit verliez,

      6175     wan er was ein biderb man,
          der hêt ein wîp wol getân.
          diu beidiu gewunnen ein kindelîn,
          daz in niht lieber moht gesîn,
          wan ez wart ein schœner degen;
      6180     dâ von gap im got sînen segen.
          des wart daz kint got erkant
          und wart Moyses genant.
          ez wart minniclîch gevar
          und wart frum ân mâzen gar.
      6185     vil dick daz kint machte,
          daz muoter und vater lachte:
          des was ez ein liebez kint.
          ez wart der juden gewaltic sint.
          diu frou hêt ir kint dô
      6190     in dem land, dâ her Pharaô
          rîchset gewalticlîche,
          wan im was daz rîche
          allez vil gar undertân,
          dâ von er moht êr hân.
      6195     der gewaltig Pharaô
          tet den juden manic drô
          und vil mangen ungemach.
          eins tages er wider Josephen sprach:
          ‘ich weiz wol, daz dû bist ein man,
      6200     der wunders vil und genuoc kan
          und vil ouch gesehen hât
          an einer ieslîchen stat.
          dâ von solt dû mir verjehen,
          hâst dû ie dheinen man gesehen,
      6205     der als gewaltic sî sam ich?
          daz erloub ich dir, nû sprich!
          dâ von sol man mich nennen,
          swer mich wil reht erkennen
          und ouch mîn lant daz rîche –
      6210     der sol ez künicrîche
          heizen und mich künc Pharaô.
          swer daz niht tuot, der muoz mit strô
          vil jæmerlîch erbrennen,
          der mich niht künic wil nennen.’
      6215     dô sprach Joseph der guot man:
          ‘ich muoz dir des von reht gestân,
          daz dû gewaltes hâst vil,
          doch ich dir einz sagen wil –
          daz solt dû lâzen âne zorn –:
      6220     ez ist iezunt ein kint geborn,
          dem werdent juden und ir man
          all gelîch undertân.
          ich wil dir sagen zwâr
          vor disen liuten offenbâr,
      6225     swie grôz dîn gewalt sol sîn,
          dû muost von im den lîp dîn
          verliesen, von des kindes list,
          daz in dem jâr geborn ist.’
          dô sprach der künic rîche:
      6230     ‘sol ich daz wærlîche
          gelouben dir ze rehte,
          sol ich von einem knehte
          den mînen lîp verliesen,
          sô lêr mich doch erkiesen,
      6235     ob daz kint müg ein heiden sîn
          oder ein kleinz jüdelîn.’
          er sprach: ‘ir lât ez âne zorn:
          ez ist von juden art geborn.’
          dô daz Pharaô vernam,
      6240     daz ez im alsô solt ergân,
          er sprach: ‘mir ist daz wol bekant,
          daz über al Egyptenlant
          gewahsen ist der juden kraft.
          dâ von sô muoz ich meisterschaft
      6245     über si alle setzen
          und si an freuden letzen
          mit vil grôzen nœten.
          ir kindel wil ich tœten,
          ich mein der juden degenkint,
      6250     diu under in geborn sint.’
           
                                                                             [nach oben]
           

          Kindermord in Ägypten  [6251-6280]

              Dô hiez er bald gâhen,
          elliu kindlîn vâhen.
          er sprach zuo den knappen sîn:
          ‘ir sült diu jungen kindelîn

      6255     alliu gemein vâhen
          und sült des balde gâhen:
          swer iu verlougen sîner kint,
          den macht an den ougen blint,
          und swer in gehœr an
      6260     und swer im diensts sî undertân,
          die sült ir all brennen;
          und wellens iu niht nennen
          ir næhsten friunt kindelîn,
          die lât in dem fiur sîn
      6265     und lât si dar inn brinnen,
          und tuot daz mit guoten sinnen.
          ich sag iu ouch daz für wâr,
          und lât ir still odr offenbâr
          ir dheinz genesen,
      6270     sô müezt ir all tôt wesen.’
          dô begundens im verjehen:
          ‘herr, wir lâzen dir niht geschehen
          swaz wider dîn gebot ist
          daz lâz wir dhein frist,
      6275     oder dû heiz uns tœten
          mit vil grôzen nœten.’
          zehant si riten und giengen.
          diu kindel si dô viengen,
          diu under den juden wurden geborn;
      6280     diu liten dô des küniges zorn.
           
                                                                             [nach oben]
           

          Moses Rettung geplant  [6281-6296]

              Dô Moyses muoter wart gewar,
          daz man diu kint ertœtet gar,
          diu under den juden wurden geborn,
          dô wart ir leit und zorn.

      6285     si sprach: ‘ôwê, süezer got,
          sît ich von dînem gebot
          ditz schœne kint hân,
          sol ich daz nû verderben lân?
          des muoz mîn lîp trûric sîn!’
      6290     si bereitt dem kind ein ledelîn
          und lie daz kint dar în schier.
          si sprach: ‘ez ist bezzer mir,
          daz ich dich ûf daz wazzer leg
          und daz dich got in sîner pfleg
      6295     hab, dann ich mit nœten
          dich, liebez kint, sæch tœten.’

                                                                             [nach oben]
           

          Mose auf dem Wasser  [6297-6376]

              Dô si daz wort volgesprach,
          die boten si an der tür sach,
          die Pharaô hêt gesant

      6300     allenthalben in daz lant
          umb der kleinen kindlîn tôt.
          diu muoter klagt, des gie sie nôt.
          Moyses wart verborgen
          unz an den dritten morgen.
      6305     ein bot sprach: ‘tuot ûf die tür.’
          dâ hêt si einen rigel für
          gestôzen an der selben stunt,
          dô ir der kind nôt wart kunt.
          diu muoter weinent nam
      6310     unde truoc ez balde dan
          in ein wazzer, daz was tief.
          diu muoter dâ engegen lief.
          si sprach: ‘âwê mir armen!
          wie lützel ich erbarme
      6315     der almehtigen gotheit!
          mîns kindes nôt ist mir leit!’
          diu muoter daz kint enbant
          mit ir schœnen wîzen hant.
          dô si ez an erblicte,
      6320     ir lîp vor leid erschricte.
          ez was vil trûric ir muot.
          si sprach: ‘herre got der guot,
          sol ich dich alsô verlân?’
          daz kint lacht die muoter an.
      6325     do gewan si in ir herzen
          vil leides unde smerzen;
          si kust daz kint an den munt:
          ‘ô wê, daz dû mir ie kunt
          wurd, daz ist mîn grôz nôt!
      6330     sol ich nû sehen dînen tôt,’
          sprach si, ‘liebez kint mîn?’
          si bant ez in ein ledelîn
          mit mangen heizen zehern grôz,
          daz wazzer ir über diu ougen vlôz.
      6335     dâ mit siz an daz wazzer truoc.
          klagen, weinen was dô genuoc
          von der getriuwen muoter sîn.
          dô ran daz klein kindelîn
          ûf dem wazzer ze tal.
      6340     diu muoter hêt dô mangen schal
          von weinen und von klagen,
          si hêt sich selber nâch erslagen.
          dem kind was ûf dem wazzer gâch.
          diu muoter lief im allez nâch,
      6345     reht in der gebære,
          sam si ân sinn wære.
          ab ir warf si irn mandel guot,
          gürtel, rîsen und ir huot.
          si sprach: ‘ôwê! kint wol getân,
      6350     sol ich dich nû verlorn hân?’
          si sprach: ‘rôsenvarber munt,
          solt ich dich küssen tûsent stunt!
          âwê der liehten ougen dîn!
          süllen diu von mir gescheiden sîn,
      6355     und ouch dîn wunniclîcher lîp?
          jâ wæn ich, daz nie dhein wîp
          mit starker lieb wurd sô tôt.
          daz twinget mich des kindes nôt.’
          des kindes si niht mêr sach.
      6360     zuo der herberg wart ir gâch.
          dâ vant si iren lieben man.
          ‘ô wê! waz ich verlorn hân
          an mînem kind, daz ich stiez
          ûf daz wazzer ich ez liez.
      6365     wie ungetriulîchen ich ez hân
          lâzen, daz ez von mir ran!
          ez manet mich müeterlîcher triuwen.
          daz muoz mich immer riuwen.
          dô ez mich an lachte,
      6370     min herz vor leide krachte.
          ôwê daz ich ie wart geborn!
          alsô hân ich ez verlorn!’
          dâ klagten si dô klegelîch,
          daz ir klage niht gelîch
      6375     sît noch ê wart gesehen;
          des muoz ich von schulden jehen.

                                                                             [nach oben]
           

          Ein Fischer birgt das Kästchen [6377-6414]

              Dannoch fuort der stark wint
          daz vil kleine judenkint
          gegen einer bürge schôn,

      6380     dâ des küniges Pharaôn
          frouwe ûf gesezzen was.
          wunder was, daz ez genas!
          dâ stuont diu küniginne
          ûf der bürg an der zinne.
      6385     daz kint si weinen hôrt.
          si sprach: ‘waz swebet dort,
          daz dâ füeret der wint?’
          ein jungfrou sprach: ‘daz ist ein kint,
          daz hœr ich an der stimme sîn,
      6390     daz ez ist ein kindelîn.’
          dô hiez diu frouwe springen,
          einen vischær ir bringen.
          dô si den vischær ane sach,
          vil güetlîch si wider in sprach:
      6395     ‘vil edeler vischære,
          brinc mir âne swære
          daz ich dort sich rinnen,
          mit allen dînen sinnen!
          dar umbe sol der mantel mîn
      6400     dîn lôn und dînes wîbes sîn
          und diu gürtel alsô guot.
          nû habe ez schône in dîner huot.’
          dô der vischære
          erhôrt disiu mære,
      6405     dô îlte er an der stat
          zuo sînem scheffelîn vil drât
          unde fuor dem kinde zuo –
          daz was an dem morgen fruo –
          unde vie daz kint zehant
      6410     unde fuort ez an daz lant
          und brâhtz der küniginne.
          dô gap si im ze minne
          den mantel und die gürtel guot.
          des wart gefrouwet sîn muot.

                                                                             [nach oben]
           

          Mose unter dem Schutz der Königin  [6415-6440]
           

      6415         Diu frou dem kind lôst sîniu bant.
          si sprach: ‘mir ist daz wol bekant,
          daz ditz kleine kindelîn
          einer edelen frouwen wol mac sîn.’
          dô si daz kint entahte,
      6420     daz kint die froun an lachte
          vil güetlîch, als ez wolde
          und als ez wesen solde.
          dô daz diu frouwe ersach,
          wider ir gesinde si dô sprach:
      6425     ‘seht, wie ez mich an lachet!
          mir manige freude ez machet
          offenbar und stille;
          daz ist mîns herzen wille.
          daz weiz ich sicherlîchen wol,
      6430     daz kint ist aller êren vol.’
          ez was snêwîz gevar,
          dar under sam die rôsen gar;
          alsô was ez besunder.
          des nam di frouwen wunder,
      6435     daz als ein schœn kindelîn
          hêt verlân diu muoter sîn.
          si sprach: ‘ich wil nach frouwen reht
          heizen ziehen disen kneht,’
          und hiez zehant ein ammen gân
      6440     zuo dem kinde wol getân.
           
                                                                             [nach oben]
           

          Pharao erfährt von dem Kind  [6441-6470]

              Ze den zîten dô her Pharaô
          verderbet elliu kindel dô,
          diu in dem lande wârn geborn,
          wan er hêt gegen den kinden zorn.

      6445     daz was niht ein wunder.
          der heiden kint besunder
          liez er elliu genesen.
          die juden muosten tôt wesen,
          wan er hêt den gedanc
      6450     über kurz und über lanc,
          von wem er den tôt solt kiesen
          und daz leben verliesen,
          den tœtte man dar under.
          dâ von hiez er besunder
      6455     diu jüdlîn elliu tœten
          mit vil grôzen nœten.
          dâ mit er zuo der frouwen gâhet.
          dô er der burc nâhet,
          und in diu frouwe dô ersach,
      6460     gegen im ze gên was ir gâch,
          wan si in vil schôn enpfie:
          mit armen sie in umbevie
          und gap im ze minne
          ein küssen, diu küniginne,
      6465     von irem rôsenvarben munt,
          unde tet dem künige kunt,
          daz si ein kint hiet funden,
          daz wær schône gebunden
          in ein schœnez ledelîn;
      6470     daz wolt si ziehende sîn.
           
                                                                             [nach oben]
           

          Pharao will das Kind töten  [6471-6510]

              Pharô zuo der frouwen sprach:
          ‘wie klagest dû mînen ungemach?
          mir hât Joseph geseit für wâr
          vor mînen herren offenbâr,

      6475     daz ich den tôt sol kiesen
          und mînen lîp verliesen
          von einem kleinen jüdelîn,
          daz sol der juden herre sîn.
          nû hân ich mit nœten
      6480     diu jüdel heizen tœten.
          si sâzen nider an daz gras.
          der froun diu rede leit was.
          si sprach: ‘wil dû dem troumær
          gelouben? der ist ein effær!
      6485     dar zuo sint dîne sinne guot:
          dehein jude dir niht entuot,
          wan si dîn diener müezen sîn
          und warten der genâden dîn,
          sit dû si hâst gevangen.
      6490     ez ist dir wol ergangen.
          Joseph mac dir geschaden niht,
          wan er ist ein bœser wiht.
          dâ von sô fürhte niht sîn drô,
          vil lieber künic Pharaô,
      6495     wan sîn mac wærlîch niht gesîn.’
          si sprach: ‘brinc mir daz kindelîn!
          sîner schœne ich niht gelîch sach.’
          Pharaô ûz zorne sprach,
          dô man daz kint für si truoc:
      6500     ‘ich spriche, ez ist schœne genuoc,
          des mac ichz niht geniezen lân.’
          daz kint si beidiu lachet an.
          dô sprach diu küniginne:
          ‘vil liebez kint, dîn sinne,
      6505     die sint leider kleine,
          wan daz dîn herze ist reine
          und frum an allen dingen.
          sol im misselingen,
          daz muoz sîn imer diu klage mîn,
      6510     dâ von mîn herz muoz trûric sîn.’
           
                                                                             [nach oben]
           

          Streit unter Eheleuten  [6511-6576]

              Do daz der künic Pharaô ersach,
          ûz grôzem zorn er dô sprach:
          ‘wol hin, tœtt daz kint zehant!
          ich næm für ez niht ein lant!’

      6515     dô sprach diu küniginne:
          ‘dû solt dir lân zerrinnen
          dînes zorns durch den willen mîn,
          daz wil ich immer dienent sîn.’
          der künic ûz zorn sprach:
      6520     ‘jâ wæn ich, dir si ungemach,
          daz ich lenger leben sol;
          und wirt daz kint êren vol,
          sô muoz ich lân daz leben mîn,
          dâ von sô muoz ich trûric sîn.
      6525     ich wæn, ich sî dar zuo geborn,
          daz ich daz leben sol hân verlorn
          von im; sô wirt dir, frouwe, leit;
          wan daz hât mir Joseph geseit.
          nu gedenk, küniginn, dar an,
      6530     daz dir nie êrn bî mir zerran.’
          diu künigin sprach: ‘daz weiz ich wol,
          dîn lîp ist gên mir triuwen vol.
          daz lâ hiut schînent sîn
          und lâz mir leben ditz kindelîn.’
      6535     der künic sprach: ‘ich wil mich wol
          bedenken, als ich sol,
          gegen im, mîn vil liebez wîp.
          ich wil im lâzen sînen lîp
          ob ez die heiden an gehœrt
      6540     von dem leben ez nieman stœrt.
          ist aber ez von juden art,
          sô wirt niht lenger gespart,
          ez müez mir lân den lîp sîn,
          daz vil klein kindelîn.’
      6545     diu frou trûriclîchen sprach,
          wan ir diu red was ungemach:
          ‘wer kan daz wizzen alsô schier?
          ez kom gerunnen her zuo mir:
          dô hiez ich balde gâhen
      6550     und mir daz kindlîn vâhen.
          dâ von ez nieman wizzen kan,
          wen ez ze reht gehœr an.’
          dô sprach der künic Pharaô:
          ‘ez mac ergên niht alsô!
      6555     ist ez ze reht ein jüdelîn,
          sô muoz ein zeichen an im sîn,
          dâ bî ich ez erkenne.
          daz zeichen ich iu nenne:
          ist ez besniten, sô muoz ez sîn
      6560     zwâr ein rehtez jüdelîn,
          und ist des zeichens an im niht,
          sô hât ez mit den heiden pfliht;
          sô wil ich daz kint lân leben
          ân aller hand widerstreben.’
      6565     er sprach zuo sînem kneht:
          ‘dû wær mir ie gereht
          und behielt an mir die triu dîn;
          des wil ich dir lônent sîn.
          nû wil ich dir enpfelhen mêr
      6570     ûf dîn triu und ûf dîn êr:
          besich, ob ditz kindelîn
          ein heiden müg gesîn,
          oder ob ez sî ein judenkint.
          ich mach dich an den ougen blint,
      6575     sagest dû mir niht die wârheit,
          als ich vor hân geseit.

                                                                             [nach oben]
           

          Pharao wird überredet  [6577-6632]

              Dô der kneht erhôrt
          des küniges zornigiu wort,
          daz kint er an den arm swanc

      6580     und truoc ez hin niht vil lanc,
          unz er daz zeichen an im sach.
          wider den künic er dô sprach:
          mit lieplîchen siten:
          ‘daz kint ist besniten.’
      6585     dô daz der künic ersach,
          ûz grôzem zorn er dô sprach:
          ‘wol von mir! dû solt gâhen,
          daz klein kindlîn hâhen,
          oder ich hâch dich an sîner stat
      6590     und îlest dû von mir niht drât.’
          dâ mit diu künigin ûf spranc,
          wan trûren mit ir ranc,
          dô man daz kint wolt tœten.
          mit jâmer und mit nœten
      6595     viel si für den künic dô.
          ‘vil lieber künic, mîn Pharaô,
          tuo mir dîner gnâden schîn
          und lâ mir leben daz kindelîn,
          daz ûf mîn triu her zuo mir ran,
      6600     vil süezer herr und lieber man.’
          mit ir dô vielen an diu knie –
          diu bet dô gegen dem künig gie –
          frouwen, ritter unde kneht
          bâten all von herzen reht
      6605     mit der küniginne dô.
          si sprach: ‘herr künic Pharaô,
          ir sült mich des geniezen lân,
          daz ich nie zerbrochen hân
          iuren willen und iur gebot.
      6610     ich hân ouch iuwer abgot
          gezieret wol mit golde,
          als ich von reht solde.’
          si kust in an die füeze sîn.
          ‘lâ leben ditz kindelîn,
      6615     vil lieber herr Pharaô,
          daz ez mîn gêniez also,
          daz daz kint müg genesen,
          sô dû sælic müezest wesen!’
          Pharaô der künic sprach:
      6620     ‘dû sihst vil gern mîn ungemach,
          daz ich verlies mîn leben,
          doch wil ich dir daz kint geben,
          swie halt ez mir süll ergân.
          ich wil mînen zorn lân
      6625     und wil in allen lâzen varn,
          ob dû mich wil vor im bewarn,’
          ûf spranc diu frou ze stunt
          und kust den künic an sînen munt
          und swuor im des einen eit,
      6630     daz im dehein leit
          geschæch von dem kindelîn.
          ‘ez muoz dîn diener immer sîn.’

                                                                             [nach oben]
           

          Mose unter dem Schutz der Prinzessin  [6633-6656]

              Dâ mit diu frou daz kint gevie.
          zuo der ammen si dô gie

      6635     und kust ez schôn an den munt
          dicker dann zehen stunt.
          ir tohter allez mit ir gie,
          daz kint si von der muoter vie.
          si sprach: ‘liebiu muoter mîn,
      6640     lâz ez ân zorn sîn,
          daz mir daz kint ist als mîn lîp.
          swann ich nû wirde eins küniges wîp,
          sô wil ichz hân in mîner pfleg
          und wil ez haben allweg,
      6645     sam ez mîn lîp hab getragen.
          daz wil ich dir für wâr sagen,
          daz ditz klein kindelîn
          hât von mir daz leben sîn.
          mîn vater hât ez durch mich getân,
      6650     daz er im hât daz leben lân.’
          ir freude kund niht groezer sîn.
          si bat die ammen daz kindelîn
          ziehen sam si ez hiet getragen.
          daz kan ich iu für wâr sagen:
      6655     dâ zôch man in mit grôzer zart,
          unz er drîer jâr alt wart.

                                                                             [nach oben]
           

          Pharaos Krone  [6657-6696]

              Dar nâch der künic gedâhte,
          daz er ze hof brâhte
          beidiu wîp unde man,

      6660     diu im wârn undertân,
          wan er hêt vernomen,
          daz im der tac was komen,
          dâ er an was geborn.
          er hiez im blâsen grôziu horn
      6665     und slahen die hersumber.
          da was manic ritter tumber,
          vor dem man hêt dô seitenspil.
          orgel, pfîfen was dâ vil.
          man sach dâ turnieren
      6670     und ritterlîch justieren.
          der künic hiez bereiten ein palast,
          der wart dô aller verglast.
          gesedel wurden dar inn bereit,
          als mir daz buoch seit,
      6675     von mermelstein wîz und rôt,
          als in ir meisterschaft gebôt.
          der palast an der selben zît
          was wol rosses loufes wît.
          diu gesedel wil ich nennen,
      6680     daz ir si müget erkennen,
          wie mangez was an der zal
          in dem palast über al:
          ir was zweinzic, daz ist wâr.
          nû hân ich si gesaget gar.
      6685     dar nâch der künic hiez schôn
          im bereiten die êrsten krôn,
          diu ie ûf houbt wart gesehen,
          daz muoz ich von der wârheit jehen;
          si was von rôtem golde,
      6690     als er sie haben solde.
          der küniginn hiez er ein
          bereiten wol mit edelm gestein.
          diu erschein daz man sie lobte sêr,
          wan nie dheiniu mêr
      6695     wart ûf frouwen houbt gesehen,
          des muoz ich von der wârheit jehen.

                                                                             [nach oben]
           

          Geburtstagsfeierlichkeiten  [6697-6736]

              Dâ mit der künic trahte,
          wie er die hôchzît machte,
          daz man dâ sæch ir beider krôn

      6700     stên ûf irm houbt schôn.
          dâ mit er sant in diu lant,
          daz man di liut bræht zehant;
          swaz man dâ wîp oder man
          funde, daz man diu bræht dan.
      6705     der brâht man dar ein michel teil,
          daz dûht den künic ein grôz heil.
          dô die herren quâmen
          und von dem künig vernâmen,
          daz er hôchzît wolt hân,
      6710     dô strichen si ir kleider an,
          diu besten, diu si brâhten dar.
          si nâmen der gesedel war,
          diu in dem palast stuonden schôn.
          ûf sazt der künic sîn krôn,
      6715     er und sîn künigin.
          dô gie er in den palast hin
          und wîst die künigin an der hant.
          swâ er einn hôhen herren vant,
          dem enpfalch er der sidel ein.
      6720     alsô besazt er si gemein.
          dâ saz er ûf daz beste,
          so erz in dem palast weste.
          daz was vil hôch gemezzen.
          dar ûf kom er gesezzen.
      6725     die künigin sazt er zuo im schôn.
          si truogen beid di besten krôn.
          ir kleider kunden niht schœner sîn:
          jenhalb mers und bî dem Rîn
          wart sô rîcher nie gesehen,
      6730     des muoz ich wol von schulden jehen.
          daz kleit stuont hêrlîch zuo der krôn.
          die tisch wurden gedecket schôn
          mit wîzen pfellern, als man seit:
          daz selb was der tische kleit.
      6735     man gap dâ edler spîs genuoc.
          hei was man riht für si truoc!

                                                                             [nach oben]
           

          Mose setzt sich die Krone auf  [6737-6766]

              Dô si mit freuden gesâzen,
          getrunken unde gâzen
          wilt, zam unde visch,

      6740     dô gie Moyses für den tisch
          und macht in freud unde spil.
          mit manger kurzwîl vil
          vil oft daz kint machte
          daz künic und künigin lachte.
      6745     man jach, daz kint hiet guoten sin,
          wan ez gie zuo dem künig hin
          und ruct im ab die krône
          und sazt sie ûf vil schône.
          des wart der künic zornvar.
      6750     er sprach: ‘ich leider niht getar
          vor mînen gesten, die ich hân,
          dir daz leben gewinnen an.
          und wær, daz ich der hôchzît
          niht enschônt an diser zît,
      6755     dû müesest hie mit nœten
          dînen lîp lâzen tœten,
          wan ich wærlîch kumber dol
          von disem kind, daz weiz ich wol.’
          diu künigin dô niht ensprach,
      6760     wan si forht ungemach
          von dem künig Pharaô.
          dâ von sô muost si swîgen dô,
          daz si ein wort niht ensprach.
          si vorht von im den ungemach,
      6765     wan er was ein eislîch man.
          dâ von muost si ir biten lân.

                                                                             [nach oben]
           

          Pharaos Wut  [6767-6796]

              Dar nâch ein alter ritter sprach:
          ‘lât iu niht wesen ungemach,
          vil edler künic rîche.

      6770     ir wizt daz sicherlîche:
          daz ditz kint hât getân,
          ez kan sich wærlîch niht verstân,
          wan ez ist noch an sinne blint,
          ditz vil wênig kint.’
      6775     dô sprach der künic Pharaô:
          ‘wie wær ez dann gegangen sô
          sô reht zuo der krôn mîn?
          daz ez unsælic müez sîn!
          umb wiu hêt ez sô reht schier
      6780     ab mînem houbt genomen mir?
          des kan ich niht vergezzen.
          nû bin ich doch gesezzen
          bî der küniginne.
          war umb hât ez sîn sinne
      6785     niht geleit an der künigin krôn?
          si stêt mir doch als ir vil schôn.
          diu künigin im doch lieber ist.
          zwâr ditz ist ein ander list:
          ez bediutet, daz ez mîn rîch
      6790     noch besitzet gewalticlîch,
          als mir Joseph hât geseit.
          daz hân ich für die wârheit.
          dâ von wil ich mit nœten
          daz kindel heizen tœten.
      6795     ez ist vil bezzer sîn tôt,
          wan daz ich von im lîde nôt.’

                                                                             [nach oben]
           

          Des alten Ritters Ratschlag  [6797-6822]

              Der alt ritter aber sprach:
          ‘herr, dû solt dheinen ungemach
          tuon disem kindelîn:

      6800     des wil ich bitent sîn.
          ich wil dir râten unde spehen,
          daz dû di wârheit maht sehen
          an disem kleinen kindelîn.
          des solt dû, lieber herr mîn,
      6805     mir volgen, daz ist billîch.’
          alsô riet im der ritter rîch.
          ‘dû solt in den palast,
          den dû mit êrn hâst verglast,
          vil koln heizen bereiten,
      6810     und heiz si vast eiten,
          daz si glosen als ein gluot.
          sô man daz durch dîn vorht tuot,
          sô heiz daz kint dar gên
          und lâ die tür offen stên
      6815     in dem palast, daz ist reht.
          und ist, daz dann der selb kneht
          in daz fiur grîft mit der hant,
          dar an sô wirt dir wol bekant,
          daz ez vor kintheit ist gewesen.
      6820     sô læst du ez billîch genesen.’
          diu red geviel dem künig wol.
          er sprach: ‘ich volg dir, als ich sol.’

                                                                             [nach oben]
           

          Das gebrannte Kind  [6823-6850]

              Dâ mit entsleif dem herren guot
          sîn leit, sîn trûriger muot.

      6825     diu hôchzît hêt ouch ende genomen.
          der künic daz kint hiez für sich komen
          und hiez diu köler eiten,
          in dem palast bereiten.
          dô daz fiur glosent wart,
      6830     dô wart niht lenger gespart,
          man hiez daz kint dar în gân.
          daz wart vil schier dô getân.
          dô daz kint daz fiur sach,
          zuo der gluot was im gâch,
      6835     wan ez wesen solde,
          als ez got selber wolde.
          ez nam daz fiur in die hant
          unde wart vil sêr verbrant,
          wan ez daz fiur stiez in den munt,
      6840     dâ von im ungemach wart kunt.
          ez ruoft mit grôzer ungehab:
          ‘ô wê! mir ist mîn hendel ab,
          mir ist mîn munt verbrant,
          mîn zung und mîn rehtiu hant
      6845     ist mir verbrant vil sêre.’
          der künic sprach: ‘mîn êre
          diu wil mir lenger noch bestân.
          für wâr ich daz gesehen hân:
          ditz ist vor kintheit geschehen.
      6850     daz muoz ich von der wârheit jehen.’
           
                                                                             [nach oben]
           

          Mose entdeckt seine Beschneidung  [6851-6906]

              Dar nâch wuohs ez mit grôzer zart,
          biz ez sehzehen jâr alt wart.
          diu frou im ze allen zîten sneit
          ie über ein mânôt niuwiu kleit.

      6855     ich weiz niht wie sich gefüeget daz,
          sîn amm gewan der frouwen haz.
          dô si irn haz dô gewan,
          dô gienc si für Moysen stân.
          si sprach: ‘sun, ich wil dir sagen,
      6860     der wârheit wil ich dir niht verdagen:
          dû bist hie ein gevangen kint.
          des gestênt mir all di hie sint,
          daz dû bist von juden art.
          mîn frou hât dich gezogen zart.
      6865     dar an solt dû dich niht kêren,
          ich wil dich anders lêren:
          zuo friunden, zuo mâgen solt dû varn,
          sô maht dû dich wol bewarn.
          und ist daz dû niht volgest mir,
      6870     dîn leben ist zergangen schier.’
          si gedâht, bræht ich in von hinne,
          sô müest diu küniginne,
          diu ungetriu frouwe mîn,
          nâch im immer trûric sîn.
      6875     si sprach: ‘dû bist ein judenkint.
          ich hân dich erneret sint
          vor dem künig Pharaô.
          er hiet [dir] wærlîch anders sô
          genomen dir den lîp dîn
      6880     als andern kleinen jüdelîn,
          diu er all ertœtet hât
          an einer ieslîchen stat.’
          si sprach: ‘dîn frou diu küniginne
          liez ir gegen dir zerrinnen
      6885     friuntschaft, triu unde guot:
          ich was diu dich hêt in huot;
          dû wærest anders tôt gesehen.
          des muoz ich von der wârheit jehen.’
          si sprach: ‘liebez kint mîn,
      6890     ob dû ein jüdel mügest sîn,
          daz besich an diser stunt.
          ein schœn zeichen wirt dir kunt
          an dînem lîp, daz ist wâr.
          ich liuge dir niht umb ein hâr.’
      6895     dô gie er und besach sînen lîp,
          als im dô hêt geseit daz wîp.
          daz zeichen er an im sach.
          wider sich selben er dô sprach:
          ‘ich bin ein rechtz judenkint.
      6900     swâ halt mîn mâge sint,
          dâ wil ich wærlîch zuo gên.
          hie lenger wil ich niht bestên.
          sît ich bin von juden art,
          sô sints mir wærlîchen zart,
      6905     wan si all mîn mâge sint,
          sît ich bin ein judenkint.’

                                                                             [nach oben]
           

          Mose tötet einen Ägypter  [6907-6936]

              Dar nâch gestuont ez unlanc,
          daz ein jud und ein heiden ranc
          vor dem wazzer an dem lant.

      6910     dâ gie Moyes ûf dem sant
          und sach daz ringen und daz slahen an.
          daz triben di zwên tumb man,
          unz daz der heiden den juden sluoc,
          daz er sîn hêt vil genuoc.
      6915     dô daz Moyses ersach,
          zuo in beiden was im gâch.
          dô sach er, daz der heiden
          den juden wolt scheiden
          von dem leben und wolt in tœten:
      6920     dem juden half er ûz nœten,
          wan er bedâht an im daz,
          daz er selb ein jud was,
          unde half dem juden zehant,
          daz er den heiden in den sant
      6925     begruob an der selben vart,
          wan er von im ertœtet wart.
          daz hêt ein ander heiden gesehen,
          waz sînem genôz was geschehen.
          der selb sprach zuo in beiden dô:
      6930     ‘ez muoz mîn herr her Pharaô
          wærlîch wizzen zehant,
          daz ir den heiden in den sant
          habt begraben an diser stunt,
          daz ist mir von iu beiden kunt;
      6935     daz er den tôt hât genomen,
          des müezt ir umb den lîp komen.’

                                                                             [nach oben]
           

          Mose flüchtet  [6937-6950]

              Dô Moysos erhôrt die red sîn,
          er sprach: ‘hœr, gesell mîn,
          hœrest dû von dem heiden?

      6940     der wil uns von dem leben scheiden.
          wir süln von hinnen gâhen.
          man mac uns beid vâhen,
          well wir iht lenger hie bestân;
          umb unser leben mac ez gân.’
      6945     diu red geviel dem juden wol
          und nam si von im für vol.
          dâ mit giengens beide
          über holz und über heide,
          unz si kômen in der juden lant.
      6950     dâ wurden si vil schier bekant.
           
                                                                             [nach oben]
           

          Moses göttlicher Auftrag  [6951-6984]

              Moyses der getriu man,
          der begund got selben beten an
          mit sînem reinen gebet.
          als oft er daz tet,

      6955     daz got von himelrîche
          redet mit im sicherlîche.
          er sprach: ‘Moyses, friunt mîn,
          lâ dir mîn volc enpfolhen sîn.
          lêre si reht sit,
      6960     dâ si ir sêl behalten mit.’
          dô daz erhôrt der guot man,
          do begund er zuo den juden gân.
          er sprach: ‘welt ir des râtes mîn
          volgen, so sült ir reht sîn
      6965     der almehtigen gotheit,
          dâ nimmer ze end wirt von geseit;
          und lebt nâch gotes rehte,
          sô heizt ir sîn knehte,
          und wolt ir volgen sînem rât,
      6970     sô wært ir vrî vor missetât.’
          des antwurt im gemeine
          die juden grôz und kleine:
          ‘swaz dû redest, friunt mîn,
          des well wir gern volgent sîn,
      6975     wan dû bist ein rehter man.
          des well wir dir sîn undertân.’
          des antwurt dô der guot man,
          er sprach: ‘sît ich nû funden hân
          an iu rechtiu teidinc,
      6980     sô wil ich kêrn mîn gerinc,
          wie uns got well lêren,
          daz wir daz iht verkêren,
          sîn lêr und sîn gebot.
          des helf uns der selb got.’

                                                                             [nach oben]
           

          Pharao schilt seine Frau  [6985-7026]
           

      6985         Nû lâz wir die red stân
          und grîfen zuo Pharaônem an
          und sagen, wie Moyses von im schiet,
          als im sîn wîsheit riet.
          diu vart wart Pharaôni geseit.
      6990     daz was im ein herzenleit,
          daz im wart von im bekant,
          daz er was in der juden lant
          herr über jüdische diet,
          als im Joseph seit und riet,
      6995     daz er von einem jüdelîn
          verliesen solt den lîp sîn.
          diu red wart dem künig leit.
          dô er gesach die wârheit,
          vil schier er zuo der frouwen gie.
      7000     diu frou in lieplîch enpfie.
          er sprach: ‘lâ dîn enpfâhen sîn.
          dû bæt mich und diu tohter mîn,
          daz ich Moysen liez genesen.
          nû furht ich, ich müez tôt wesen.
      7005     waz mir Joseph hât geseit,
          dar an sich ich die wârheit,
          sît im die juden sint undertân.
          dâ von muoz ich daz leben lân.
          des muost dû ersterben
      7010     und von mir verderben,
          wan ich weiz sicherlîchen wol,
          daz ich den tôt von im dol.’
          diu frou trûriclîchen sprach
          ûz irem grôzen ungemach:
      7015     ‘herr, daz ich hân getân,
          dâ ist mîn lîp vil schuldic an;
          doch tet ich ez in triuwen.
          sol mich daz nû geriuwen,
          daz stêt an den triuwen dîn.
      7020     wil dû, sô muoz ich schuldic sîn.’
          dô sprach der künic Pharaô:
          ‘ich wil dir tuon dhein drô
          hie zuo disen zîten.
          ich wil noch lenger bîten,
      7025     biz ich die wârheit ervar
          von Moysen, ob ez si wâr.’

                                                                             [nach oben]
           

          Die Klage der Königin  [7027-7062]

              Dô der herr von ir gie,
          diu frou leit und zorn gevie.
          si sprach: ‘Moyses, liebez kint,

      7030     dîn triu ist gên mir worden blint!
          sol ich mînen lîp umb dich geben?
          ich behielt dir noch dîn leben,
          ich und diu lieb tohter mîn.
          ich gap dir gwant ûz mînem schrîn,
      7035     daz best, daz ie man getruoc.
          ich half dir, daz man dich niht sluoc
          und dich niht tœtt, dô man dich vant.
          dô ich den vischer nâch dir sant,
          dô pflac ich dîn mit triuwen.
      7040     sol mich daz nû geriuwen?
          daz ist, mir doch ein grôz nôt,
          sol ich nû für dich ligen tôt.
          mîn weinen, daz ich umb dich tet,
          und dar zuo mîn getriuwez bet,
      7045     daz ich an dir verliesen sol,
          des ist mîn herz leides vol.
          ich kniet für mînen lieben man,
          dô man dich ertœtt wolt hân,
          und viel im an den fuoz sîn,
      7050     ich und diu lieb tohter mîn;
          dar zuo mîn hofgesinde
          daz bat umb dich vil swinde.
          ich kom von sînem fuoz nie,
          biz mîn will an dir ergie.
      7055     sol ich nû, liebez kint, die nôt
          von dir enpfâhen und den tôt,
          sô gan ich dir doch freuden wol
          und daz dîn lîp sî êren vol.
          swie halt ez mir süll ergân,
      7060     êr und freud müez bî dir bestân!
          vil verr gê dir dîn gewalt!
          mit freuden müezt dû werden alt!’

                                                                             [nach oben]
           
           
           
           
           
           
           
           
           
           
           
           


    Zur Startseite