JANS DER ENIKEL, Weltchronik.
    Seite 5: Josef

    Nach der Ausgabe von Philipp Strauch.
    Digitalisiert von Angus Graham.
    Seite erstellt von Graeme Dunphy.

    Seite  enthält die Abschnitte:
    [5033-5086]
    [5087-5168]
    [5169-5184]
    [5185-5216]
    [5217-5282]
    [5283-5310]
    [5311-5370]
    [5371-5412]
    [5413-5460]
    [5461-5476]
    [5477-5496]
    [5497-5528]
    [5529-5590]
    [5591-5622]
    [5623-5676]
    [5677-5724]
    [5725-5766]
    [5767-5790]
    [5791-5812]
    [5813-5852]
    [5853-5910]
    [5911-5968]
    [5969-6060]
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          Josef wird nach Egypten überführt [5033-5086]

              Nû merket, ze der selben zît
          kom zuo in ein wagen wît,

      5035     der truoc koufliut rîch.
          die bruoder kômen gemeineclîch
          zuo dem wagen gegangen.
          dô wart vil wol enpfangen
          die koufliut gemeine,
      5040     grôz unde kleine.
          si sprâchen: ‘welt ir koufen reht
          zwâr einen frumen kneht,
          den geb wir iu ringe
          umb drîzic pfenninge.’
      5045     dô sprach der koufman zehant:
          ‘lât mir den kneht werden bekant
          unde lât mich an im spehen,
          ob ich mich gewinnes müg versehen.’
          Josep wart für in dô brâht,
      5050     der was in wunniclîcher aht.
          zehant dô in der ein ersach,
          wider sîn bruoder er dô sprach:
          ‘ich wil in haben ringe
          umb drîzic pfenninge.
      5055     die wil ich iu gern geben
          und wil dâ wider nimer streben.’
          die bruoder tâten dar inn schîn,
          daz si sîn vînt wolden sîn.
          die pfenning nâmen si umb in.
      5060     daz dûht den koufman guot gewin.
          er sprach: ‘Josep, wil dû mit mir?
          ich gib dir ros und kleider schier.’
          des antwurt Josep dô,
          wan er des koufes was vrô,
      5065     er sprach: ‘vil lieber herr mîn,
          ich wil vil gern bî iu sîn.’
          si fuorten in ûf dem wagen hin
          und sprâchen: ‘wir haben guoten gewin
          an disem jüngelinge.
      5070     silber und pfenninge
          wirt uns umb in schôn ze solt.
          ich wæn, man geb uns golt
          umbe disen hübschen knaben.
          daz wil ich für die wârheit sagen:
      5075     wir haben gar reht getân
          daz wir in gekoufet hân.’
          si fuorten in in Egyptenlant.
          ein richer künic was in bekant,
          der was geheizen Pharô.
      5080     dem verkouften si in dô,
          wan er was vil starc.
          er wart gegeben umb manic marc,
          des si frum muosten hân.
          alsô der kouf wart getân,
      5085     dô hiez man in schôn kleiden
          zuo den edeln heiden.
           

                                                                               [nach oben]
           

          Die Trauer von Josefs Eltern  [5087-5168]

              Nû lâz wir die red stân
          und grîfen zuo den bruodern an.
          dô si ze hûs giengen,

      5090     ein lamp si dô viengen
          unde tœtten daz zehant
          und nâmen Josephen gewant
          unde nezten daz mit bluot –
          daz dûht si all guot –
      5095     und truogenz dâ si funden stân
          irn vater den biderben man.
          ‘sich, vater, wie uns ist geschehen!
          den jâmer hab wir an gesehen,
          daz wir unsern bruoder mit nœten
      5100     ein wilt sâhen tœten.
          daz hât in vrezzen alsô gar,
          daz dâ bleip weder hût noch hâr.
          doch hab wir uns wol bedâht,
          daz wir sîn gwant haben brâht.’
      5105     dô er diu kleider ane sach,
          ûz grôzem jâmer er dô sprach:
          ‘ôwê mir mîner grôzen nôt!
          ich wolt, daz ich wær für in tôt,
          daz dûht mich billîch und reht.
      5110     er was zwâr ein frumer kneht.’
          er wart vor leid missevar
          und brach ûz dem kopf daz hâr,
          daz ez verr von im stoup,
          als von dem boum tuot daz loup.
      5115     ze aller zît er lût schrê
          anders niht dann ach und wê:
          ‘Josep, vil lieber sun mîn,
          mîn herz muoz immer trûric sîn.’
          er sprach: ‘âwê! vil wildez tier,
      5120     waz hân ich getân dir,
          daz dû mîn kint hâst vrezzen?
          ich kan sîn niht vergezzen.
          beidiu naht unde tac
          geleit sich niht mîns herzen klag.
      5125     ôwê der werden muoter dîn!
          diu muoz immer trûric sîn.
          ôwê! ich muoz vor jâmers nôt,
          ich und dîn muoter, ligen tôt.
          ôwê! mîn herz von freuden scheidet,
      5130     daz leben mir ze aller zît leidet.
          daz trûren wil mir an gesigen,
          vor jâmer muoz ich tôt ligen.
          ôwê der süezen sumerzît,
          diu all der werlte freude gît!
      5135     diu ist ein gall worden mir.
          Tôt, brinc mich von dem leben schier!’
          die froun viel er mit jâmer an.
          alsô tet ouch diu frou irn man.
          si sprach: 'Joseph, kint mîn,
      5140     sol ich von dir gescheiden sîn?’
          mit jâmer si trûriclîchen gie.
          iren wirt si aber umbevie
          mit mangen heizen zehern grôz.
          daz wazzer ir über diu wang flôz.
      5145     diu unmaht mit in beiden ranc,
          daz si si warf ân iren danc,
          daz si vielen ûf daz gras.
          ir beider sin dâ von in was.
          mit wazzer labt man si beid.
      5150     daz geschach von ir herzen leid.
          alsô lâgens unversunnen
          ûf der heid bî einem brunnen.
          niht grœzer moht sîn ir klag.
          alsô lâgen si zwên tag.
      5155     ir beider kint kômen in zuo
          an dem morgen niht ze fruo
          und sâhen dâ ir beider nôt,
          daz si vor leid nâhen wârn tôt.
          mit wazzer labten sis ze stunt.
      5160     daz wazzer ran in ûz ir munt.
          si jâhen: ‘wolt ir mit nœten
          iuch vor leide tœten,
          daz ist uns kinden ein slac,
          daz nieman widertuon mac.
      5165     daz sol man, vater und muoter mîn,
          lâzen âne zorn sîn.’
          mit jâmer wîsten si si beid
          ze hûs ab der grüenen heid.
           

                                                                               [nach oben]
           

          Josef im Dienste Pharaos  [5169-5184]

              Waz sol ich mêr dâ von sagen?

      5170     vil jæmerlîch sô was ir klagen.
          nû sint si mit jâmer hie.
          ich sag iu, wiez Josephen ergie
          bî dem künig Pharaô.
          er wart sô gewaltic, daz sîn drô
      5175     die liut sêr vorhten,
          daz si niht enworhten
          daz wider sîn huld wære.
          also kündet uns daz mære.
          zuo marschalc macht er in zehant.
      5180     er enpfalch im liut und lant,
          und wart gewaltic über daz rîch;
          ez muost im dienen sicherlîch
          sam dem künig Pharaô.
          als hart vorht man sîn drô.
           

                                                                               [nach oben]
           

          Pharaos Mundschenk und Bäcker verhaftet  [5185-5216]
           

      5185         Pharô der gewaltig man
          sach sînen schenken vor im stân.
          er sprach: ‘schenk, ir sît ungereht:
          ir und iuwer bœser kneht
          habt mir guotes vil entragen.
      5190     bî mîner wârheit wil ich sagen,
          daz ir mir sît unmær.
          ir müezt in einen karkær
          und müezt dar inn lîden nôt
          und ouch kiesen den tôt.’
      5195     zehant ruoft er dem swertdegen:
          ‘füert in hin und heizt in legen
          in den karkære.
          ez muoz im werden swære.’
          zehant dô er ez gesprach,
      5200     nâch sînem willen daz geschach.
          dar nâch sant er zehant
          dâ man den pfistermeister vant.
          er sprach: ‘wie hâst dû mich betrogen
          und mir mîn guot ab erlogen!
      5205     über mîn guot gie der schouwer.
          ez müez dir werden souwer.
          als liep mir ist die triu mîn,
          dîn lîp muoz verlorn sîn.
          dîn übermuot wirt dir swær.
      5210     dû muost in den karkær
          zuo dem ungetriun schenken mîn.
          dar inn müezt ir mit leid sîn.’
          zehant man in dô in stiez,
          als in der künic Pharô hiez.
      5215     dâ lâgen si mit jâmers nôt,
          vil nâhen was in dô der tôt.
           

                                                                               [nach oben]
           

          Die Königin will Josef verführen  [5217-5282]

              Joseph der gewaltig man,
          dem was daz rîch undertân
          und ouch die liut dar inne.

      5220     eines tages diu küniginne
          gie mit ir juncfrouwen
          in einen garten schouwen.
          Joseph vant si dâ vor stân.
          si was ein frou wol getân.
      5225     diu kleider diu si an truoc,
          diu wârn edel und rîch genuoc.
          Joseph sach sie mit freuden an.
          si wîst in minniclîchen dan
          und sprach: ‘lâ dich besprechen,
      5230     mîn herz wil sich brechen,
          swenn ich ersich dînen lîp.
          ich bin zwâr ein flætic wîp.
          mîn red solt dû vil schôn verstân:
          dîn will sol an mir ergân,
      5235     wan ich bin dir von herzen holt.
          pfenning, silber unde golt
          næm ich niht für dînen lîp:
          ich muoz werden zwâr dîn wîp.’
          Josep mit frîem muot sprach:
      5240     ‘diu red ist mir ein ungemach,
          wan ir sült, schœniu frou mîn,
          disen schimpf lâzen sîn.
          min herr getrouwet mir sô wol,
          daz ich an im niht brechen sol
      5245     mîn triu die ich gên im hân.
          dâ von sült ir die red lân.
          ich næm niht daz ich ie gesach,’
          alsô er gên ir verjach,
          ‘und immer mêr mac gesehen –
      5250     des muoz ich von schulden jehen –,
          daz ich zerbræch di triu mîn:
          dâ von lât iuwer biten sîn.’
          diu frou diu wart zornvar.
          ‘dû bist ein zag, daz ist wâr,
      5255     daz dû mich niht wil nackent bestân.
          dû soldest nie sîn worden ein man.
          sich, liep, an mînen schœnen lîp.
          ich wær vil gern dîn wîp.
          wil dû des niht gelouben mir,
      5260     ich erzeig dir mînen willen schier.
          dû kümest niht von hinne,’
          also sprach diu küniginne,
          ‘mîn will müez an dir ergân.
          dû bist ein verzagter man.’
      5265     dô er irn ernst ersach,
          ‘vil schœniu küniginn,’ er sprach,
          ‘dîn will sol an mir niht ergân.
          mîn triu ich ie behalten hân
          an dem vil lieben herren mîn.
      5270     bürg, stet und alz daz sîn
          stêt vil gar in mîner hant.
          enpfolhen hât er mir sîn lant
          und swaz er guotes ie gewan –
          daz ist mir allez undertân –,
      5275     sînen hort allen gemeine
          wan dich, frou, aleine.
          dâ von sô lâ dînen zorn.
          mîn houbt wær billîch verlorn,
          bræch ich an im di triu mîn.’
      5280     si sprach: ‘nû lâ die red sîn.
          ich wil dich sîn niht erlân,
          dû müezt mit mir ze bett gân.’
           

                                                                               [nach oben]
           

          Josef wird fälschlich angeklagt  [5283-5310]

              Von der froun er dô gie.
          bî dem mantel si in gevie.

      5285     si sprach: ‘dû kümst alsô niht hin,
          dû hâst niht rehten sin.’
          dô zuct er sich sô harte,
          daz im der mantel zarte.
          dô sach si wol den ernst sîn.
      5290     si ruoft: ‘vil lieben liut mîn,
          helfet mir von diser sêr:
          Josep der wil mîne êr
          mir hie an gewinnen.
          ich mach mit mînen sinnen
      5295     nindert von im bekomen.’
          dô ir gesind hêt vernomen
          ir kleglîchiu mære,
          daz wart in allen swære.
          hei wie si zuo im drungen,
      5300     die alten und die jungen!
          und fuorten in an der selben stat
          in einen karkær drât.
          dar nâch der künic zuo reit.
          diu frou im irn gebresten kleit,
      5305     er hiet sie gehabt in nœten.
          ‘dar umb sol man in tœten,’
          sprach der künic Pharaô.
          ‘daz lâz ich durch niemans drô,
          er muoz mir lâzen sînen lîp
      5310     umbe mîn vil liebez wîp.’
           

                                                                               [nach oben]
           

          Des Mundschenks Traum  [5311-5370]

              In dem karkær Josep lac
          manigiu zît unde tac
          bî dem schenken zwâr
          und bî dem becken, daz ist wâr.

      5315     si hêten swær zît genuoc.
          doch was Joseph bî in sô kluoc,
          swaz in troum kômen zuo,
          di erleit er in des morgens fruo.
          eines nahts dô der schenk slief,
      5320     ein troum im in sîn herz lief.
          alsô dem becken ouch geschach.
          daz was in beiden ungemach.
          des morgens dô der tac erschein,
          vil trûric was daz herz den zwein,
      5325     dem becken und dem schenken.
          si begunden in gedenken.
          die troum wurden in swære,
          do sprach Josep der gewære:
          ‘wie sît ir beid sô missevar?
      5330     iur herz mac sîn trûric gar.’
          der schenk sprach: ‘lieber friunt mîn,
          mîn herz hât mangen herten pîn.
          von einem troum daz geschach,
          daz ich lîd grôzen ungemach.’
      5335     dô sprach Joseph zehant:
          ‘lâ mir den troum werden bekant.
          ich bescheid dir in ze wârheit,
          daz sî dir sicherlîch geseit.’
          dô sprach der schenk zehant:
      5340     ‘mîn troum sol dir sîn bekant.
          mir troumt, wie ich in der hant mîn
          hiet einen becher guldîn.
          an dem becher lac mîn sin.
          driu wînber druct ich dar in
      5345     unde truoc den becher enbor
          allez dem künig vor.
          dâ mit wolt ich im schenken.
          nû kan ich niht gedenken,
          wie mir der troum süll ergên.
      5350     dâ von muoz ich in trûren stên.’
          Joseph sprach: ‘geselle mîn,
          dû solt des gar gewis sîn,
          diser troum sî dir ein krôn.
          der künic wil dir geben lôn,
      5355     daz best daz ie man gewan.
          wie wol ich dir der êren gan!
          dîn sorg wert niur drî tag,
          sô hât ein end dîn klag
          und dîn trûriger muot:
      5360     dîn herr [als ê] enphilht dir sîn guot.
          sô solt dû, lieber geselle mîn,
          an mich gedenkent sîn,
          alsô daz ich mîns herren huld
          gewinn umb mîn unschuld.’
      5365     dô lobt im der schenk dô.
          er sprach: ‘ergêt der troum alsô,
          als dû mir hâst vor geseit,
          ich gib dir des mîn sicherheit,
          ich erlœs dich schier von nœten
      5370     und lâz dich nieman tœten.’
           
                                                                               [nach oben]
           

          Des Bäckers Traum  [5371-5412]

              Dô sprach der beck zehant:
          ‘mîn troum sol dir ouch sîn bekant.
          den solt dû mir erlegen wol.’
          er sprach: ‘ich tuon reht als ich sol.

      5375     swie er sol ergên dir,
          daz bediut ich dir schier.’
          er sprach: ‘mir troumt, wie ich solt gên
          und wie ûf mînem houbt solt stên
          driu hârsip michel unde wît
      5380     und wie an der selben zît
          brôt dar inn wære vil,
          dâ mit di vogel hieten spil.
          wunderlîch was ez gestalt,
          daz brôt was mannicvalt.
      5385     daz begunden her ûz klûben
          di raben und die tûben
          meisen und klein vogelîn
          liezen niht dar inn sîn.
          ich enmoht ir niht vertrîben,
      5390     ich liez si dar inn blîben.’
          dô daz Joseph erhôrt,
          ‘den troum erleg ich an ein ort.
          der ist dir niht ze guot.
          ich sag dir wol waz man dir tuot:
      5395     von hiut an dem dritten tag
          sô wirt grôz dîns herzen klag,
          sô ist dîn troum ergangen,
          wan dû bist erhangen.’
          dô sprach der beckære:
      5400     ‘daz wær ein leidez mære
          dem lîb und dem herzen mîn.
          diser troum sol bezzer sîn,
          wan dû wil mich triegen
          und ûf mîn triu liegen.’
      5405     ‘nein ich zwâr,’ sprach er dô,
          ‘ergê dir der troum niht alsô,
          sô solt dû des gewis sîn,
          daz ich dir lâz daz houbt mîn.’
          der beck wart dô trûricvar.
      5410     ‘ich geloub dir niht umb ein hâr,
          vil rehter triegære;
          dîn red ist mir unmære.’

                                                                               [nach oben]
           

          Pharaos Geburtstag  [5413-5460]

              Dar nâch an dem dritten tag
          nâch Joseps red, nâch sîner sag,

      5415     sprach der künic zuo der zît:
          ‘ez ist nû komen mîn hôchzît,
          der tac dâ ich bin an geborn,
          des hiet ich gern mir erkorn
          einen schenken der wære
      5420     guot und êrbære –
          des bedorft ich zuo der hôchzît wol –,
          den all gest heten für vol
          und dar zuo daz gesind mîn.
          nû kan ich niht welent sîn
      5425     der mir dar zuo zæme,
          der sich daz amt an næme.
          nû lêret mich mîn selbes muot,
          daz mir ieman sî sô guot
          sô der alt schenk mîn.
      5430     des wil ich in lâzent sîn
          und wil im geben mîn hulde
          umb all sîn schulde,
          die er gên mir hât getân.
          sîn kumber der sol end hân,
      5435     wan mir ist nieman sô guot
          ze schenken, alsô seit mir mîn muot.
          den becken heiz ouch für mich gân.
          des lîp muoz in trûren stân
          umb sîn missetât,
      5440     di sîn lîp begangen hât
          mit diub und mit trugheit.
          daz muoz im wærlîch werden leit!
          bôsheit hât er begangen,
          des muoz er wærlîch hangen.’
      5445     dar nâch der künic sant
          dâ man des karkers meister vant.
          er sprach: ‘lâ dich niht verdriezen,
          den karker heiz entsliezen,
          und brinc mir her di zwên man,
      5450     als ich dir ez hân kunt getân,
          den becken und den schenken.
          lâ dir si niht entwenken,
          als liep dir sî dîn selbes leben.
          dem einen wil ich wider geben
      5455     sîn amt, daz er hêt ê von mir,
          den andern heiz hâhen schier,
          wan ich im sîn von herzen gan.
          ich wil in nimer sehen an.
          den andern heiz dû komen her.
      5460     diu zwei sint mînes herzen ger.’
           
                                                                               [nach oben]
           

          Des Mundschenks Versprechen  [5461-5476]

              Dô der meister daz ersach,
          zuo dem karker was im gâch,
          und nam her ûz di zwên man.
          der beck sprach: ‘ez mac ergân,

      5465     als mir Joseph hât geseit.
          nû sich ich selb die wârheit.’
          Joseph der ruoft den schenken an:
          ‘her schenk, tuot als ein frum man
          und tuot an mir iur triu schîn
      5470     und mant den lieben herren mîn.’
          der schenk lobt im dô stæt,
          daz er ez vil gern tæt,
          ob er gewaltic wurd als ê.
          ‘Joseph, swie ez mir ergê,
      5475     dîn sorg hât ein ende
          ân alle missewende.’

                                                                               [nach oben]
           

          Die Träume gehen in Erfüllung  [5477-5496]

              Dâ mit den schenken fuort man dô
          für den künic Pharaô.
          dô in der künic an sach,

      5480     ein güetlîch wort er zuo im sprach:
          ‘swaz dû mir leides hâst getân,
          daz wil ich allez varn lân.
          dîn amt wil ich dir lâzen wider.
          nû pflic sîn baz dann sider,
      5485     oder ez wirt dir von mir swær:
          ich tuon dir sam dem beckær,
          der dâ ist erhangen;
          der hât sînn lôn enpfangen.’
          der schenk viel an sîniu knie.
      5490     er wart sô vrô von herzen nie.
          er sprach: ‘genâd, herr mîn,
          dîn diener wil ich immer sîn.’
          der künic hiez in ûf stên
          und an sîn amt wider gên.
      5495     den becken hienc man an der stat
          umb sîn grôz missetât.

                                                                               [nach oben]
           

          Geburtstagsgäste eingeladen  [5497-5528]

              Dar nâch der künic sant
          wîten ûz in diu lant
          nâch herren und nâch knehten,

      5500     die sich solden gerehten
          zuo der grôzen hôchzît.
          si riten nâhen unde wît
          ûf velden und ûf strâzen.
          si wolden nieman lâzen,
      5505     si kæmen geriten und gegangen.
          swelhiu si sâhen diu wurden gevangen,
          kint, man unde wîp.
          swer dâ hêt menschlîchen lîp,
          die muosten all mit in varn.
      5510     des fuoren si mit grôzen scharn.
          swaz man dô armer liut vant,
          di wurden berâten zehant,
          man gap in niu kleider an.
          si jâhen, ez solt nieman
      5515     für den künic blôz gân
          noch in swachen kleidern stân.
          dâ von sach man niht alt gewant.
          daz best daz man veil vant,
          daz gap der künic sicherlîchen
      5520     den armen und den rîchen.
          di besten spîs di ieman
          zuo sînem mund ie gewan,
          der muost dâ ân mâz sîn.
          môraz, met unde wîn
      5525     gap man dô ze rehte
          dem ritter und dem knehte,
          biz daz diu hôchzît end nam
          mit freuden gar ân alle scham.

                                                                               [nach oben]
           

          Pharaos Traum  [5529-5590]

              Nâch diser grôzen hôchzît

      5530     wart Pharaô gewaltic sît,
          daz man in hart vorhte,
          daz nieman niht enworhte
          daz wider sîn huld wære.
          alsô sagt uns daz mære:
      5535     eines nahtes do er entslief,
          ein troum im in sîn herz lief,
          wie er gieng an ein velt,
          dâ hêt er schœn korngelt.
          dâ sach er siben halm stân,
      5540     di wârn grôz und wolgetân
          und hêten dô vil liehten schîn.
          ûz ieslîchem helmelîn
          mit grôzen kreften schôz
          siben eher, diu wârn grôz,
      5545     daz man ir niht gelîch vant
          über al der heiden lant.
          diu liez er wunniclîchen stân.
          er begund allez für sich gân
          snelliclîch ûf daz velt.
      5550     im troumt, wie starken widergelt
          die vogel hieten mit gesange.
          di bluomen mit gedrange
          stuonden ûf dem veld iesâ.
          er sach ouch siben halm dâ,
      5555     die wârn arm und niht rîch,
          einz dem andern ungelîch,
          wan er dâ nie niht korns vant.
          si stuonden sam si wærn verbrant,
          ir ieslîchz besunder.
      5560     des nam in grôz wunder.
          dar nâch dô hôrt er diezen,
          ein michel wazzer vliezen.
          des wazzers er nam goum.
          daz geschach allez in dem troum.
      5565     bî dem wazzer sach er gên
          siben veist ohsen vor im stên.
          dar nâch giengen siben zwâr,
          die hêten niht dann hût und hâr
          unde vil magerz gebein.
      5570     daz fleisch was in unrein.
          si hêten weder kraft noch maht.
          Pharaô im dô gedâht:
          herr got, wâ wellent di ohsen hin?
          dô stuont ir muot und ir sin
      5575     zuo den veisten an der stat.
          si vrâzen si ân mâzen drât,
          daz ir niht beleip zwâr
          gebein, hût noch daz hâr.
          dâ mit entwacht her Pharaô.
      5580     des troums was er vil unfrô.
          zuo sînem rât er dô gie.
          er sprach: ‘ein troum mich hînt gevie,
          der ist gewesen alsô starc,
          ich wolt dar umb tûsent marc
      5585     geben der mir bediutet in.
          sî ieman der nû hab den sin,
          der sich ez müg genemen an,
          swaz mir der leides hab getân,
          daz wil ich im alz vergeben
      5590     ân aller hand widerstreben.’
           
                                                                               [nach oben]
           

          Der Mundschenk denkt an sein Versprechen  [5591-5622]

              Die red erhôrt der schenk dô,
          des was er von herzen vrô.
          er sprach: ‘lieber herr, wellet ir
          einem nôtigen mann schier

      5595     geben iur gnâd und iuwer huld,
          sô wil ich in die schuld
          mit samt dem selben mann stân,
          ob iu der troum niht süll ergân,
          als er in erleit ze rehte
      5600     dem ritter und dem knehte.’
          dô daz her Pharaô erhôrt,
          er sprach: ‘nû brinc mich an ein ort
          diser red, schenk mîn,
          ich wil dir holt mit triuwen sîn.’
      5605     er sprach: ‘ich sag dir bî der zît,
          Joseph, der in dem karker lît,
          der hât vil wol die wârheit
          mir und dem becken vor geseit,
          als ez uns ist ergangen,
      5610     daz er ist erhangen,
          und daz er mir des gunne,
          daz ich dîn huld gewunne
          und dîn schenk wurd als ê;
          der troum mir reht alsô ergê.’
      5615     dô der herr her Pharaô
          di red von dem schenken dô
          erhôrt, dô hiez er îlen drât;
          ez was fruo und niht spât.
          er sprach: ‘ir sült des niht enlân,
      5620     ir heizt Josephen für mich gân,
          und îlet drât, daz er mîn huld
          niht verlies umb die schuld.’

                                                                               [nach oben]
           

          Pharao erzählt seinen Traum  [5623-5676]

              Di boten îlten als si solden
          und als si durch friuntschaft wolden.

      5625     si kômen zuo dem karker gegân.
          Josephen fundens dar inn stân,
          der schenk und daz gesinde.
          er sprach: ‘reht als mînem kinde
          hân ich, Joseph, geholfen dir,
      5630     daz solt dû wol gelouben mir.
          nû bis gar von herzen vrô:
          dir hât der künic Pharaô
          sîn genâd und sîn huld geben
          ân aller hand widerstreben.
      5635     ez hât ende dîn swær.’
          si nâmen in ûz dem karkær.
          zühticlîch er mit in gie.
          Pharô lieplîch in enpfie.
          er sprach: ‘nû hab mîn hulde
      5640     umb all dîn schulde.
          ein red ist mir von dir bekant,
          dar umb ich nâch dir hân gesant,
          der ich dich niht verhelen wil.
          sît dû hâst wîstuom vil,
      5645     sô brinc mich von sorgen.
          mir troumt hiut an dem morgen,
          wie ich ze veld solt gên.
          dâ sach ich siben halm stên,
          und ûf ieslîchem helmelîn
      5650     muosten siben eher sîn,
          diu wârn korns alsô vol,
          daz si mir gevielen wol.
          dô kom ich fürbaz gegân.
          dâ sach ich aber siben stân,
      5655     dâ was niht korns inne.
          nû leg dar zuo dîn sinne,
          daz dû den troum erlegest mir,
          des wil ich immer danken dir.
          dannoch wil ich dir mêr sagen
      5660     mîns troumes – lâ dich niht betrâgen –:
          mir troumet, wie ich kom gegân
          zuo einem wazzer, da ich vant stân
          siben ohsen, di wârn veist genuoc,
          daz si ir bein kûm getruoc.
      5665     dar nâch sach ich gar
          siben mager zwâr,
          die sach ich jæmerlîchen zannen;
          der hût was über ir gebein gespannen,
          dhein fleisch an den ohsen was.
      5670     si giengen an dem grüenen gras.
          daz sach ich allez in dem troum.
          der ohsen nam ich aller goum.
          dô sach ich, daz di siben zwâr
          die veisten vrâzen alsô gar,
      5675     daz dâ niht beleip ein klô.
          des troumes was ich gar unfrô.’

                                                                               [nach oben]
           

          Josef deutet den Traum  [5677-5724]

              Joseph der troumære
          sprach: ‘mir ist niht swære,
          daz ich den troum erlegen sol.

      5680     di halm di dâ wâren vol,
          daz bediutt, daz siben jâr
          werdent ân mâzen gar
          guot und korns rîche
          in dem land gemeineclîche.
      5685     dâr nâch sag ich ein wârez mær,
          daz di siben halm lær
          bediutent siben hungerjâr.
          daz ich sag, daz ist wâr.
          dar nâch sô sag ich mînen muot,
      5690     daz di veisten ohsen guot
          bediutent ouch diu guoten jâr.
          dar nâch sô sag ich offenbâr,
          daz die siben ohsen kranc
          bediutent siben jâr lanc.
      5695     daz si di veisten frezzen gar,
          den troum sag ich iu für wâr,
          daz bediutet: alt und junge,
          swer ûf tiurunge
          behaltet korn und weizen vil,
      5700     für wâr ich iu daz sagen wil,
          daz ez die armen koufent gar,
          und belîbt sîn niht umb ein hâr.
          reht sam geschach dem vrâz,
          dô ein ohs den andern az:
      5705     alsô geschiht dem hungerjâr.
          daz korn wirt verzeret gar.
          dâ von wil ich iu râten reht:
          heizet iuwern schaffær und kneht
          daz korn koufen ân zal.
      5710     daz wirt man geben über al
          umb lützel pfenninge.
          daz heizt iu allez bringen
          unde macht grôz kasten wît,
          daz wirt iu lieb ân widerstrît.
      5715     ir sült di kasten gar
          füllen an daz sibent jâr.
          daz sibent jâr wirt ez unwert,
          daz nieman niht des korns gert:
          sô heizet alrêrst grîfen an
      5720     und heizt ez füllen als ein man,
          der di liut nern sol,
          sô wirt iu schrîn und kasten vol
          von silber und von golt,
          dar zuo den liuten holt.’

                                                                               [nach oben]
           

          Josef sammelt Korn  [5725-5766]
           

      5725         Der herr tet als er in hiez.
          dheinen kasten er dô liez,
          er fült in korns alsô vol.
          daz kom den liuten dar nâch wol,
          wan swaz im Joseph hêt geseit,
      5730     daz was diu ganz wârheit.
          der wolveil wart er inne.
          er sprach: ‘Joseph, dîn sinne,
          die lâ an mir nû schînen.
          underwint dich, friunt, des mînen,
      5735     der liut und des guotes mîn.
          si süln dir undertænic sîn,
          alle samt ze rehte
          warten sam dîn knehte.’
          des gescheftes er sich underwant
      5740     über al des küniges lant
          und macht dô kasten alsô vil,
          daz ich der zal niht sagen wil;
          die fult er gar mit korn vol.
          daz weiz ich von der wârheit wol,
      5745     daz sibent jâr wart ez unwert,
          daz des korns nieman gert.
          daz kund niht sô schœn gesîn,
          man wurf ez allez für diu swîn.
          dô daz Joseph ersach,
      5750     wider die schaffer er dô sprach:
          ‘kouft mir daz korn ring
          den müt umb fünfzehen pfenning.
          nemet mînen gelt, den ich hân,
          und mîn silber, daz ich ie gewan,
      5755     dâ kouft mir korn umbe.’
          dô sprach ein kneht tumbe:
          ‘mîn herr ist ein unwîser man,
          der kan sîn guot niht legen an.
          diu swîn begernt niht der korn.
      5760     dâ von hât er sîn guot verlorn.’
          die red liez er hin gân.
          daz sibent jâr er gewan
          korns vil und genuoc,
          daz man im ez in stedel truoc.
      5765     dô hêten ouch diu siben jâr
          ein end, daz ist wâr.

                                                                               [nach oben]
           

          Hungernot in Ägypten  [5767-5790]

              Dar nâch, als Joseph hêt geseit,
          huop sich an der werlt leit.
          diu driu jâr wurden dô kranc.

      5770     daz vierd wart den liuten lanc,
          wan des sâmen wart dô niht.
          daz was ein jæmerlîch geschiht.
          dô wart der hunger alsô grôz,
          daz sîn di liut verdrôz,
      5775     wan man den mut gap ze der stunt
          niht wan umb zehen pfunt.
          daz wart dem herren kunt tân,
          er sprach: ‘ich wil nû grîfen an
          daz korn, des nieman begert.
      5780     ich hânz dâ für, ez sî nû wert.’
          Joseph sprach: ‘ez ist mir kunt,
          man gît den mut umb zehen pfunt.’
          der künic sprach: ‘gip hin,
          wir haben nû schœnen gewin.
      5785     ich wil di liut niht enlân,
          di mir sint dienstes undertân.’
          dô des di liut wurden gewar,
          si liefen unde riten dar.
          swem des korns wart ein teil,
      5790     daz dûht in ein grôzez heil.
           
                                                                               [nach oben]
           

          Hungernot in Kanaan  [5791-5812]

              Dâ bî lac ein grôz lant,
          daz selb was Chanaan genant,
          dâ was gebresten alsô vil
          von hunger, des ich niht enhil.

      5795     dâ saz ein man inne,
          der hêt wîse sinne,
          Jacob, Josephs vater frum,
          der hêt von got mangen ruom
          erworben gar ân allen zorn.
      5800     er hêt gebresten an brôt, an korn,
          dâ von er sîn sün ûz sant.
          er sprach: ‘vart in Egyptenlant
          all samt gelîche.
          dâ hât der künic rîche
      5805     korns und spîs alsô vil,
          daz er alz verkoufen wil.
          nem ieslîch sun einen sac,
          und vart naht unde tac,
          biz ir komt in Egyptenlant.
      5810     dâ wirt iu schier bekant,
          wâ ir daz korn vindet veil,
          und kouft daz, sô hab wir heil.’

                                                                               [nach oben]
           

          Die Brüder erscheinen vor Josef  [5813-5852]

              Die sün bereitten sich dar zuo,
          daz si spât unde fruo

      5815     füeren in Egyptenlant.
          dâ wart in schier bekant
          des küniges schaffære,
          der macht die stedel lære
          und die kasten gemein.
      5820     zuo dem giengen si niht sein
          und fülten dâ ir seck vol.
          Joseph der bekant si wol,
          daz si sîn bruoder wâren.
          er sprach: ‘wâ welt ir varen
      5825     mit disem korn hin?
          lât mich hœrn disen sin.
          sît ir all eins mannes kint?
          all die liut di nû sint,
          die müezen mir der wârheit jehen,
      5830     daz ir daz lant welt verspehen.’
          der ein für die andern sprach:
          ‘wir lîden groz ungemach,
          wir und Jacob, der vater mîn.
          in Chanaan muoz er gesezzen sîn.
      5835     dâ lîdet er vil grôz nôt.
          wir liezen im niur zwei brôt,
          im und sînem kind Benjamin,
          im mac wol hunger nâhen sîn.
          ich sag dir, herr, für wâr,
      5840     er hêt zwelf sün an sîner schar.
          den zwelften az ein wildez tier,
          daz solt dû, herr, gelouben mir;
          den selben hêt er bî Rachel
          und Benjamin den degen snel.’
      5845     swaz Joseph mit den bruodern ret,
          diu gelîch er doch nindert tet,
          daz er ir sprâch kunde zwâr.
          einen heiden namer ûz sîner schar,
          der was tulmetsch under in;
      5850     daz tet er umb den sin,
          daz in ir dheiner erkant
          noch ez geseit wurd in sîn lant.

                                                                               [nach oben]

          Die Brüder reisen heim  [5853-5910]

              Dar nâch hiez er si wîsen drât
          in ein wîte kemnât

      5855     und hiez des balde gâhen.
          [si jâhen:] ‘man wil uns all vâhen,
          wan got wil an uns rechen,’
          begunden si all sprechen,
          ‘waz wir an Joseph haben getân;
      5860     des wil er uns engelten lân.’
          der red lacht Joseph zehant.
          sînen bruodern was dô niht bekant,
          daz ez Joseph wære,
          der triu und der gewære.
      5865     doch hiez er ir schôn pflegen
          und hiez in ûf di wegen legen
          ir seck mit dem korn.
          er hêt gên in dheinen zorn.
          spîs man vil für si truoc,
      5870     wînes gap man in genuoc.
          dô si dâ gesâzen,
          getrunken unde gâzen,
          er sprach: ‘nû hœret mînen sin:
          bringt mir iurn bruoder Benjamin,
      5875     swenn ir her wider wellet varn,
          oder ir müezt bî iuwern jârn
          wærlîch ân korn sîn,
          daz habt ûf di triu mîn.’
          des antwurt im Ruben zehant:
      5880     ‘herr, mir ist daz wol bekant,
          er ist mîns vater liebstez kint.
          er wurd ê an den ougen blint,
          ê er in liez scheiden
          von im zuo den heiden.’
      5885     Joseph sprach: ‘di red lâ sîn.
          er kan im niht sô liep gesîn,
          in twing des hungers nôt,
          so er im niht hât ze geben brôt,
          daz er in wærlîch sendet mir.
      5890     vart heim, ir habt verzert schier
          ditz korn und ditz brôt;
          ir ligt ungern des hungers tôt.’
          er sprach zuo sînem kneht zehant:
          ‘sint dir ir seck bekant,
      5895     dâ stôz in daz silber in
          und lâ si ez füeren hin,
          daz si sîn iht werden gewar
          weder still noch offenbar.’
          dâ mit fuorn si ze lant.
      5900     ir ieslîcher vant alein zehant
          in sînem sack sîn silber zwâr,
          daz er verkouft hêt gar
          umb korn in Egyptenlant.
          in dem sack erz allez vant.
      5905     daz sagten si irm vater dô.
          daz was im liep, und was sîn vrô.
          er sprach: ‘got tuot reht swaz er wil;
          er hât ze geben alsô vil,
          als er vor tûsent jâren hêt,
      5910     swer im getrout und bî gestêt.’
           
                                                                               [nach oben]
           
           

          Die zweite Kaufreise nach Ägypten  [5911-5968]

              Dar nâch sag ich iu für wâr,
          in einem halben jâr
          hêten si gezzen daz korn,
          [und] dô wart in leit und zorn.

      5915     der vater aber wider si sprach:
          ‘wir lîden aber ungemach,
          von hunger vil grôz nôt.
          vart ûz nâch korn, so gewinn wir brôt.’
          des antwurt im dô Ruben:
      5920     ‘nâch korn dû dich niht sen,
          dû heizest dann Benjamin
          mit uns varn nâch korn hin,
          unde tuost dû des niht,
          sô sag ich dir, waz geschiht:
      5925     dâ wirt unser vart swær,
          er leit uns in ein karkær.
          daz hât er uns gelobt.
          dâ von ich wærlîch tobt,
          ob ich in liez hie bestân;
      5930     ez müest uns an daz leben gân.’
          Jacob gên dem sun sprach:
          ‘und sol ich lîden ungemach
          von des korn ende?’
          er want sîn hende
      5935     und sprach: ‘lieber sun Benjamin,
          sol ich von dir gescheiden sîn,
          sô lîd ich grôz nôt,
          doch ist ez wæger dann der tôt.’
          mit jâmer liez er in dô varn.
      5940     ‘got der müez dich wol bewarn,
          Benjamin, liebz kint mîn!
          der heilig geist der pfleg dîn
          hinnen für und all weg
          über strâz und über steg.’
      5945     dâ mit diu vart wart in bekant.
          si fuoren in Egyptenlant
          zuo dem schaffære,
          dem wârn si niht unmære.
          swie si doch wider in heten getân,
      5950     sîn triu muost dô für sich gân.
          er sprach: ‘wie habt ir iuch bedâht?
          habt ir iuwern bruoder brâht,
          der dâ heizt Benjamin,
          sô habt ir wærlîch rehten sin.’
      5955     den bruoder zeigtens im zehant.
          Joseph der vie in bî der hant
          und wist in an ein schœnen gemach.
          wider di andern er dô sprach:
          ‘ir sült all mit mir gên,
      5960     iur dheiner sol hie vor bestên.’
          nâch im si kômen gegân.
          hie ûzen bleip nieman.
          er hiez si gên ze tische.
          hüener unde vische
      5965     gap man in ân mâzen vil.
          mit ezzen wart ir freuden spil
          bî den selben jâren,
          wan si hungric wâren.

                                                                               [nach oben]
           

          Jakobs Familie wieder vereinigt [5969-6060]

              Dar nâch vertigt er si wol,

      5970     er gap in ir seck vol
          weizen unde rocken korn.
          daz liezen si âne zorn.
          Benjamin hiez er stôzen
          einen kopf von golde grôzen
      5975     in sîn korn [und] in sînen sac.
          ich sag iu reht waz er wac:
          drîzic marc von golde,
          als in der künic wolde.
          dâ mit liez er si varn
      5980     von im in den hungerjârn.
          dô si gefuorn ein wîl,
          niht volliclîchen ein mîl,
          dô hiez er in nâch gâhen
          und hiez si all vâhen.
      5985     dô man si gefangen brâht,
          er sprach: ‘wes habt ir iu gedâht?
          wie sît ir sô unwîs,
          dô ich iu gap mîn spîs
          und edels wîns genuoc,
      5990     daz iuch iur muot dar zuo truoc,
          und ich iu was mit triuwen holt?
          war umb habt ir mir mîn golt
          genomen, den kopf guldîn?
          dar umb müezt ir gevangen sîn
      5995     und müezt ouch kiesen den tôt
          umb mînen kopf von gold rôt.’
          den bruodern den wart leide.
          si swuoren triu und eide,
          daz si unschuldic wæren.
      6000     er sprach: ‘ich wil bewæren
          iuwer reht diupheit.
          ez müez iu wærlîch werden leit.
          heizt mir die seck ûf binden,
          des wil ich niht erwinden.’
      6005     daz wart vil schier dô getân.
          in dem einen sach man stân
          den kopf, der dô was verlorn.
          ‘ir duldet nû von schulden zorn
          umb iuwer bœs missetât,
      6010     die iuwer lîp begangen hât.’
          dô vielen si gelîche
          für den schaffer rîche,
          si ruoften lût und niht stille –
          daz selb was sîn wille –:
      6015     ‘herr, genâd, schaffær,
          erbarm dich über unser swær.
          wir haben niht schuld an der geschiht.’
          ‘nû wolt ir iuch erbarmen niht,’
          sprach der herr schaffer zehant,
      6020     ‘dô Joseph wart von iu gesant
          und ir in gâbt vil ringe
          umb drîzic pfenninge.
          des müget ir gelougen niht.
          daz was ein jæmerlîch geschiht:
      6025     er hêt verlorn nâhen sîn leben.
          stêt ûf! ich wil ez iu vergeben.
          ich binz Joseph, der dô wart vlorn.
          ich wil nû lâzen mînen zorn.
          vart hin und bringt den vater mîn.
      6030     Benjamin müez hie bî mir sîn.’
          alsus er wider si dô sprach:
          ‘vart heim an iurn gemach
          und bringt mir den vater schier.
          ir sült ein red gelouben mir:
      6035     und wær iur drîzic stunt als vil,
          ir gewinnet freud und spil
          bî mir in dem lande
          und lebt hie gar ân schande.’
          der red wurden si von herzen vrô.
      6040     ze land heim kêrtens dô.
          dem vater sagtens mære,
          wie in geschehen wære.
          der bereitt sich dô zehant
          ze varn in Egyptenlant.
      6045     sîn mâg er all mit im nam
          und fuort si ân alle scham.
          vier und ahzic was ir zal,
          di er dar fuort über al.
          dô in Joseph an sach,
      6050     vil lieplîch er wider in sprach:
          ‘willikomen, lieber vater mîn,
          got müez des gelobt sîn,
          daz ich dich hie hân funden.
          mîn trûren ist verswunden.’
      6055     er bat den künic Pharaô,
          daz er in bestatet dô
          in ein gegent, diu was rîch.
          dâ saz er vil wunniclîch
          mit sînen friunden als ein man,
      6060     der nie arbeit gewan.
         
                                                                             [nach oben]

     


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