JANS DER ENIKEL, Weltchronik.
    Seite 4: Isaak und Jakob

    Nach der Ausgabe von Philipp Strauch.
    Digitalisiert von Angus Graham.
    Seite erstellt von Graeme Dunphy.

    Seite  enthält die Abschnitte:
    4051-4088
    4089-4124
    4125-4154
    4155-4176
    4177-4198
    4199-4292
    4293-4324
    4325-4362
    4363-4402
    4403-4474
    4475-4586
    4587-4592
    4593-4628
    4629-4688
    4689-4750
    4751-4786
    4787-4804
    4805-4842
    4843-4862
    4863-4906
    4907-4974
    4975-5024
    5025-5032
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          Die Sünden Sodoms und Gomorras [4051-4088]

              Nû mac ich iu niht verdagen,
          ich müez iu von der wârheit sagen,
          daz got fünf steten wart vil gram
          umb ir ungehôrsam.

      4055     er liez ir vier versinken
          und in der erd ertrinken.
          ich wil iu allen tuon bekant,
          wie di stet wârn genant.
          ein stat Gomorra hiez,
      4060     dâ er di liut ertrinken liez.
          diu ander stat hiez Sodomâ.
          unrein liut wâren dâ.
          diu dritt Soboym hiez,
          di ouch got versinken liez
      4065      umb ir bœs sünde dâ.
          diu vierde hiez Adamâ.
          diu fünft stat hiez Segor.
          ûz der was gegangen vor
          Lothes hûsfrou, als man seit.
      4070     der geschach sît vil grôz leit.
          in den fünf steten vor genant
          wâren liut inn erkant,
          die nimmer bœser mohten sîn.
          man und degenkindelîn
      4075     hêten si ze briute,
          die selben bœsen liute.
          nû merkt, swie gar dem tievel sî
          schalcheit und bôsheit bî:
          von himel zuo dem abgründ
      4080     noch verfluochet er die sünd,
          diu dâ heizet Sodomâ.
          bî der blîbt er niht lenger dâ
          dann biz er sie geschünde.
          sô unrein ist die sünde.
      4085     diu sünd was bî in ân zal
          in den fünf steten über al.
          dâ von si got versinken liez,
          ir sêl er in die helle stiez.


                                                                            [nach oben]
       
       

          Die Engel warnen Lot [4089-4124]

              In den steten was nieman,

      4090     der got wær dienstes undertân,
          wan ein guot man hiez Lot,
          der dient vil gern dem lieben got.
          zuo dem er zwên engel sant
          unde hiez im tuon bekant,
      4095     daz die stet solden versinken
          und in dem wâg ertrinken.
          die engel wârn sicherlîch
          klâr und dar zuo freudenrîch,
          wan si wârn in den gebærn,
      4100     sam si zwên jüngling wærn.
          dô si zuo Lot kômen gegân
          und in sîn hûs für in stân,
          si sprâchen beid: ‘got grüez dich, Lot!
          wir sîn von got zuo dir ein bot.
      4105     er enbiutet dir sicherlîch,
          der liebe got vil rîch,
          dû süllest dich niht sûmen,
          die stat solt dû rûmen,
          dû und dîn hûsfrou guot.
      4110     dîn tohter hab in huot.
          dû solt si heizen mit dir gân.
          niht lenger solt dû hie bestân.
          die stet süln versinken
          und in dem wâg ertrinken
      4115     durch ir grôze bôsheit.
          diu ist got von schulden leit.
          ich sag, daz nieman in der stat
          ist ân bœs missetât
          wan dû und diu hûsfrou dîn
      4120     und dîniu reiniu kindelîn.
          dâ von îl von hinnen,
          wellest dû entrinnen
          dem grimmigen gotes zorn.
          belîbst dû hie, dû bist verlorn.’


                                                                            [nach oben]
       
       

          Unruhe vor Lots Tür [4125-4154]


      4125         Dô diu red alsô geschach,

          den engeln wârn geslichen nâch
          die unreinen liute
          und wolden hân ze briute
          die engel mit ir huore;
      4130     sô unrein was ir fuore.
          für sîn hûs kômen si gegân
          und begunden für di tür stân
          und vorderten di jüngling beid.
          Lothen geschach nie sô leid.
      4135     Loth der vil guote
          sprach ûz trûrigem muote:
          ‘ir lât die red stân.
          nemt mîn tôhter di ich hân,
          die sint zwô maget sicherlîch,
      4140     mit den sô wert ir freudenrîch.
          lât dis boten geniezen mîn.
          dar umb wil ich iu holt sîn.’
          mit der red er beleip,
          unz die naht der tac vertreip.
      4145     di huorer giengen von in dan.
          des freut sich der guot man.
          dar nâch der engel wider in sprach,
          dô er den tac schînen sach:
          ‘wol ûf Loth! ginc enwec
      4150     über den berc an einen stec!
          dû solt ouch nimmer umbe sehen,
          swaz disen steten mac geschehen.
          daz enbiutet dir diu gotheit.
          tuost dû sîn niht, ez wirt dir leit.’


                                                                            [nach oben]
       
       

           
          Lot entkommt [4155-4176]
      4155         Zehant huop sich dannen Lôt,
          als im der engel dô gebôt,
          von der stat ûf ein heide.
          sîn töhter nam er beide
          und sîn hûsfrouwen guot.
      4160     ‘ich sag iu, waz ir tuot:
          iur dhein sol niht umbe sehen,
          swaz disen steten süll geschehen.
          schrîen, rüefen unde schal
          hœrt ir allez über al:
      4165     des sült ir ahten kleine,
          wan si sint gar unreine.’
          dô lobten si im stæte,
          daz ez ieslîchez tæte.
          dâ mit gie der guot man
      4170     ûf einen hôhen berc von dan.
          dâ hôrt er schrîen, rüefen vil.
          dâ was dheiner slahte spil,
          wan ach und wê was in mit.
          der engel sluoc nâch gotes sit
      4175     diu hiuser, daz si sunken
          und in dem wâg ertrunken.


                                                                            [nach oben]
       
       

          Der Ungehorsam von Lots Frau [4177-4198]

              Dô daz geschrei erhôrt
          Loth hie unde dort,
          dô gienc er allez für sich hin.

      4180     dô bestuont diu hûsfrou sîn
          und sach den jæmerlîchen val
          und daz rüefen âne zal.
          dô wart si stênt stille.
          daz selb was gotes wille:
      4185     si wart zuo einer salzsiul zehant,
          daz wunder wolt der heilant
          der werlt erzeigen gemeine,
          daz man sîn gebot reine
          behalten sol ze aller stunt.
      4190     daz ist iu allen worden kunt,
          daz si zuo einer salzsiul wart.
          daz geschach an der selben vart,
          als si noch hiut vor uns stât,
          daz si gotes gebot übertrat,
      4195     dâ von si nimmer komen mac
          biz an den jungisten tac.
          bî dem wîb dâ nieman beleip.
          Loth sîn töhter für sich treip.


                                                                            [nach oben]
       
       

          Lot und seine Töchter [4199-4292]

              Dâ mit dô giengens in ein holz.

      4200     dâ wurden si des nahtes stolz,
          wan si wîn truogen mit in.
          daz was an in ein grôzer sin.
          spîs hêten si dâ vil genuoc.
          di töhter wâren kluoc:
      4205     diu ein zuo der andern sprach:
          ‘unser friund ungemach
          müet mich vil sêre,
          doch klag ich michels mêre,
          daz wir ân friunt süllen sîn.
      4210     daz klag ich, liebiu swester mîn,
          wan ez sint friunt, mâg und ros
          versunken all in daz mos.
          wir süln mit unsern sinnen
          ander friunt gewinnen,
      4215     bruoder unde swesterlîn.
          daz schaff ich hiut mit dem wîn.’
          diu jung zuo der alten sprach:
          ‘swaz mir ze leid ie geschach,
          des wil dû mich ergetzen wol,
      4220     wan dû bist wîser red vol.
          sag, wie wil dû ez grîfen an,
          daz wir ân friunt iht bestân?’
          diu alt der jungen antwurt dô:
          ‘swester, dû solt wesen vrô.
      4225     wir süln mit disem guoten wîn
          trenken den lieben vater mîn,
          sô wil ich werden alsô kluoc,
          daz er werd trunken genuoc.
          ich leg mich an den arm sîn,
      4230     sô wænt der lieb vater mîn,
          ez sî mîn muoter, diu uns liez
          und sich in grôzen jâmer stiez.’
          diu jung sprach: ‘ich sag dir für wâr,
          wirt er sîn innen bî einem hâr,
      4235     zwâr er wirt dir tuon den tôt.
          des twingt in grôz nôt,
          wann dû verliesen wil dîn êr.’
          diu alt sprach: ‘dû fürhtst dir sêr.
          ich muoz in nackent hînt bestân,
      4240     swie ez mir halt süll ergân.’
          dâ mit ir vater zuo gie.
          diu tohter in vil schôn enpfie
          und truoc in für ein lægelîn,
          dar inn was edel, guot wîn,
      4245     und hiez in trinken vil nôt,
          biz er vor trunkenheit wart rôt
          und ouch unversunnen lac
          die naht biz an den tac.
          ein bett wart dô bekant,
      4250     daz hêt diu tohter mit ir hant
          gemacht, als si best kunde.
          er leit sich an der selben stunde.
          zuo im leit si sich drât.
          über sich daht si ir wât
      4255     und leit in schôn an ir arm.
          dâ lâgen si ân mâzen warm.
          dô der vater entwachte,
          diu tohter in an lachte.
          er wânt, ez wær sîn êlîch wîp.
      4260     er druct sie nâhen an den lîp
          und macht sie swanger an der stat.
          dar nâch sleich si von im drât,
          dô er anderstunt entslief.
          der swester si zuo ir rief
      4265     unde sagt ir die mær,
          wie ez ir ergangen wær.
          diu jung swester sprach dô:
          ‘sît ez ergangen ist alsô,
          sô müg mir, swester, sam geschehen.
      4270     des wil ich von der wârheit jehen.’
          dar nâch an der andern naht
          diu tohter im ein læglîn brâht
          mit edelm, guotem wîn vol.
          unz er getranc ân mâzen wol,
      4275     si sprach: ‘lieber vater mîn,
          wil dû edeln, guoten wîn?
          dâ solt dû dich mit laben schôn.
          dû treist der êren krôn.’
          waz solt er sich mit wîn laben?
      4280     der zung maht er niht gehaben.
          zuo bett wîst man in dô.
          des was diu jung tohter vrô.
          die macht er ouch swanger zehant.
          diu kint wurden dô bekant.
      4285     dô si gewuohsen nâch ir reht,
          vil mangen ritter unde kneht
          gewunnen si und manic lant;
          dâ wurdens herren in bekant.
          die wil ich iu noch nennen,
      4290     daz ir si mügt erkennen.
          der ein was Joab genant,
          der ander Moab bekant.


                                                                            [nach oben]
       
       
       

          Geburt von Jakob und Esau [4293-4324]

              Isac Abrahames sun
          wart nâch im gewaltic und frum

      4295     unde wart ein êrbær man,
          als ich von im gelesen hân.
          er nam ein frouwen diu was guot,
          diu lebt schôn nâch sînem muot.
          Rebegkâ was si genant.
      4300     si wær wol frou übr alliu lant
          gewesen an aller frümecheit,
          wan all bôsheit was ir leit.
          Isac und Rebegkâ
          gewunnen wol mit freuden dâ,
      4305     reht als got wolde
          und als ez wesen solde,
          zwei reht schœniu kindelîn.
          diu mohten in wol liep sîn.
          diu frou alsô klâr
      4310     nam der kind war.
          daz wârn zwên schœn kneht.
          des was diu frou vrô von reht.
          der ein der frouwen liep was,
          des si mit nœten kûm genas;
      4315     daz hiez si Jacob nennen,
          daz si in moht erkennen.
          der ander wart Esau genant.
          an sînem lîb wart er bekant,
          wan er wart ein rûhez kint.
      4320     ir beider vater der wart blint.
          dar nâch über zwelf jâr
          wart ez rûch ân mâzen gar
          an allem sînem lîbe.
          dâ von ich ez an schrîbe.


                                                                            [nach oben]
       

           
          Isaak will Esau segnen [4325-4362]
      4325         Er wart dem vater ein liebez kint.
          er sprach: ‘sun, sît ich bin blint,
          sô solt dû triu und êre
          an mir erzeigen sêre
          und solt mir, liebez kint mîn,
      4330     vil gar undertænic sîn.’
          der red antwurt Esaû:
          ‘dû solt mir, lieber vater, nû
          niht dester frömder sîn.
          ich tuon dir mîner triuwen schîn.’
      4335     dô sprach Isaac der alt:
          ‘dîn triu mir got behalt,
          wan dû vor allen kinden mîn
          immer muost gesegent sîn.’
          dar nâch sprach er über lanc:
      4340     ‘ich bin unmâzen worden kranc
          und fürht, ich welle sterben
          und an dem lîb verderben.
          dâ von wolt ich dich gern biten,
          ob dû wærest in den siten,
      4345     daz dû mir bræhtst ein hintenkalp
          und hiezest mirz bereiten halp,
          daz ich mich lab an der spîs,
          sô gît dir got daz paradîs.
          dar zuo sol dir der segen mîn
      4350     niht lenger gespart sîn,
          sît got mich hât gemacht blint:
          sô muost dû über mîniu kint
          den segen haben, daz ist reht;
          dîn bruoder sîn dîn kneht.’
      4355     dô sprach er: ‘lieber vater mîn,
          dû solt des gar gewis sîn,
          ich wîl dir wesen undertân
          di wil und ich daz leben hân.’
          dâ mit huop sich Esaû
      4360     und gie bald des morgens fruo
          mit sînem bogen in den walt.
          dâ sach er wilt manicvalt.


                                                                            [nach oben]
       
       

          Rebekka berät Jakob [4363-4402]

              Dô hêt sîn muoter ouch vernomen,
          wie Esau ze veld was komen.

      4365     dô gie si ze Jacoben zehant.
          si sprach: ‘mir ist daz wol bekant,
          daz dîn vater Isaac
          niht vil lenger geleben mac.
          er hât dînen bruoder ûz gesant,
      4370     daz er im vâch ein wilt zehant,
          und wil im geben den segen guot.
          wie wê daz mînem herzen tuot,
          daz dû in niht haben solt!
          wan ich bin dir von herzen holt.
      4375     möht ich mit mînen sinnen
          den segen dir gewinnen,
          daz der segen über dich gieng,
          ê er daz wilt gevieng!’
          dâ mit gie diu frou drât
      4380     zuo irer kemnât.
          si sprach: ‘Jacob, lieber sun,
          ein wîsheit ich dir kunt tuon.
          gê zuo dem stall und vâch ein kitz
          unde hab ouch dîn witz,
      4385     vil liebez kint, mîn Jacob,
          schaff, daz dich dîn vater lob,
          und mach daz kitz, daz ez guot sî.
          dâ sol mîn hilf wesen bî.
          daz vel bint ich dir über dîn hant,
      4390     sô wirt im niht von dir bekant,
          daz dû in woldest triegen
          und im den segen ab erliegen.’
          der red wart Jacob missevar.
          er sprach: ‘wirt er von mir gewar,
      4395     daz ich in wil triegen
          und im alsô liegen,
          sô fürht ich, liebiu muoter mîn,
          der segen müez ein fluoch sîn.’
          diu muoter zorniclîchen sprach,
      4400     wan ir diu red was ungemach:
          dû fürhtest dir, sun, ze sêr,
          dû wil niht haben êr.’


                                                                            [nach oben]
       
       

          Jakob erhält Esaus Segen [4403-4474]

              Einen list si dô vant.
          daz vel si im über die hende bant.

      4405     si sprach: ‘dû solt dînem vater tragen
          daz ezzen und solt niht verzagen,
          sô wirt der guot segen dir.
          dîn bruoder kumt niht sô schier.’
          daz ezzen er dem vater truoc.
      4410     daz was bereit alsô kluoc
          mit wurzen und mit saffrân,
          daz er sô guotes nie gewan.
          Jacob sprach: ‘iz, vater mîn,
          mîn triu sol dir bereit sîn.’
      4415     Isac sprach: ‘wie bist dû genant?’
          dô sprach diu muoter zehant:
          ‘ez ist Esau daz kint dîn,
          und hât dir brâht daz kitzelîn.’
          dô er nû was gesezzen
      4420     und ein teil hêt gezzen
          und man den tisch von im nam,
          vil schier Jacob für in quam.
          ein frœlîch wort der vater sprach:
          ‘ich klag niht mîn ungemach,
      4425     sît du mir mit freuden bist komen.
          daz hân ich williclîch vernomen.
          dû bist mir lieber dann mîn leben.
          ich wil dir mînen segen geben,
          den ich dir behalten hân.
      4430     dû wær mir ie undertân.
          ginc her unde küss mich an den munt.
          mîn segen sol dir werden kunt.’
          Jacob forhticlîch zuo im gie.
          mit armen er in umbevie.
      4435     dô kust er in an den munt.
          er sprach: ‘dir sol werden kunt
          der segen, den ich behalten hân.
          lâ mich dîn hant grîfen an.’
          die hende bôt im Jacob zehant.
      4440     die riuch der vater dar an vant.
          zehant sprach Isaac:
          ‘die hend ich erkennen mac,
          daz si Esau sint zwâr.
          daz erkenn ich an dem hâr.
      4445     doch hân ich des guoten wân,
          dîn stimm gehœr Jacoben an.’
          dô sprach diu frou: ‘di red lâ sîn,
          ez ist Esau daz kint dîn.’
          do sprach Isaac der guot man:
      4450     ‘sol ich mich des hinz dir verlân?’
          diu frou sprach: ‘ûf die triu mîn,
          ez ist daz lieb kint dîn.’
          dô sprach er vil lieplîch,
          wan er was gar freudenrîch:
      4455     ‘nû hab dir, kint, den segen guot,
          daz dîn êr sî behuot,
          und allez daz von dîner hant
          geworfen werd ûf daz lant,
          daz verwerd dir nimmer;
      4460     dû habest genuoc immer.
          dar zuo süln dir diu kint mîn
          immer undertân sîn.
          alz mîn guot sî dir bekant
          nâch mînem tôd zehant.
      4465     und pflic ouch fruo unde spât,
          als ez got geboten hât,
          der getriuwen muoter dîn
          und tuo ir kindes triu schîn.
          milich und honic sî dîn spîs,
      4470     got geb dir daz paradîs.’
          do sprach Jacob: ‘lieber vater mîn,
          des solt dû gar gewis sîn,
          ich behalt gern dîn gebot,
          als liep mir ist der rîch got.’


                                                                            [nach oben]
       
       

          Jakob flieht nach Achaia [4475-4586]


      4475         Dar nâch, als ich gehœrt hân,

          kom Esau für den vater stân.
          er sprach: ‘lieber vater mîn,
          ditz wilt sol dir bereit sîn.
          daz hân ich dir gevangen;
      4480     ez ist mir wol ergangen.’
          der vater sprach: ‘wer bist dû?’
          er sprach: ‘ich bin ez Esaû
          dîn sun, der ie der triuwen spilt,
          der hât dir brâht ditz wilt.’
      4485     der vater trûriclîchen sprach:
          ‘du engiltest daz ich niht ensach.
          mich helfent wênic mîn witz.
          swer mir hiut brâht daz kitz,
          daz selb wider mich verjach,
      4490     wan er und dîn muoter sprach
          do ich vrâgt wer dâ wære
          dô seit si daz mære,
          Esau hiet brâht ein hindenkalp.
          daz hiez ich mir bereiten halp.
      4495     ich wânt, ez wær diu wârheit.
          daz ist mir nû von herzen leit,
          wan ich hân im den segen gegeben
          ân aller hand widerstreben.’
          dô sprach Esau zehant:
      4500     ‘und stüend an im alliu lant,
          ja geniuzet er sîn nimmer.
          sîn vînt bin ich immer,
          biz ich, vil lieber vater mîn,
          errich mich an dem kind dîn.
      4505      jâ hât er mir ez ê getân.
          er wirt ein ungetriuwer man.
          er ist zuo der schalcheit kluoc.
          dô in und mich mîn muoter truoc,
          swie klein er wær und swie junc,
      4510     er gewan mir an den vorsprunc.
          daz ist mir hiut und immer zorn,
          daz er ê ich wart geborn.
          daz was dô leit der muoter mîn.
          des muoz ich hiut und immer sîn
      4515     sîn vînt. biz an mînen tôt
          bin ich im vînt, des gêt mich nôt.’
          diu red wart der muoter geseit.
          der was ez von herzen leit.
          si begunde zuo dem vater gân.
      4520     si sprach: ‘herr und lieber man,
          mîn sun Esau und der dîn
          wil Jacoben vînt sîn.
          nû fürht ich, mîn lieber man,
          Esau gewinn im daz leben an.
      4525     nû rât im, lieber herr mîn,
          daz er ân angst müg gesîn.
          si sint doch beidiu unser kint,
          wie si ensamt geborn sint.’
          der vater trûriclîchen sprach:
      4530     ‘swie mir und Esau [ein] ungemach
          von Jacoben ist geschehen,
          sô wil ich doch mîn triu an sehen.
          heiz mir Jacoben her gên,
          daz ich in hœr vor mir stên.’
      4535     dô gie diu muoter zehant
          dâ si ir kint Jacobum vant.
          bî der hant si in gevie,
          für Isaac si mit im gie.
          si sprach: ‘herr und lieber man,
      4540     Jacoben hœr hie vor dir stân.’
          der vater sprach: ‘dîn trugenheit,
          diu sol dir wesen leit,
          wan daz ich daz muoz an sehen:
          dû bist mîn kint. des muoz ich jehen:
      4545     mîn sun Esau an diser stat
          vil dick des gesworn hât
          wol bî zehen eiden,
          daz er dich well scheiden
          von dînem leben schier,
      4550     daz solt dû wol gelouben mir,
          dâ von sô rât ich dir zehant,
          daz dû rûmest ditz lant,
          und var in Achayam;
          dâ wirt dir schier kunt getân
      4555     dîner muoter vater, dîn en.
          den bit, daz er dich bî im wen;
          er behalt dich als im wol stât,
          sît dich dîn muoter im lâzen hât.’
          diu red geviel der muoter wol.
      4560     ‘kum dar! dû wirdest freuden vol;
          sît dîn vater ist worden kranc, –
          sîn leben ist nû niht lanc.’
          dô fuor Jacob zehant
          hin gên Achaya in daz lant
      4565     und vrâgt fruo und spâte
          in dem land vil drâte,
          biz im sîn en wart bekant.
          er sprach: ‘ich bin zuo dir gesant.
          daz hât getân diu muoter mîn,
      4570     diu muoz dir mit triuwen holt sîn.
          Rebegkâ sô ist si genant,
          ir tugent zieret wol ein lant.’
          er sprach: ‘bist dû Rebegken kint,
          ir kint mir von reht liep sint,
      4575     wan si ist diu tohter mîn.
          irn kinden tuon ich hilfe schîn.
          daz ist billîch und ouch reht,
          ez sî maget oder kneht.
          ich tuon dir sô ich best mac.
      4580     sælic müez sîn der tac,
          daz dû mir bist worden kunt.’
          er kust in güetlîch an den munt.
          hei wie lieplîch er dô sprach:
          ‘daz dich mîn oug ie gesach,
      4585     des bin ich vrô mit triuwen.
          dîn vart sol dich niht riuwen!’
                                                                            [nach oben]
       
       
          Isaaks Alter [4587-4592]

              Isac Abrahames sun,
          von dem wil ich iu kunt tuon,
          der lebt bî sînen zîten zwâr

      4590     hundert und sehs und vierzic jâr.
          nû hân ich iu gesaget gar
          von sînem alter für wâr.


                                                                            [nach oben]
       
       

          Jakob verliebt sich in Rachel [4593-4628]

              Bî im beleip er, daz ist wâr,
          mêr dann ein ganzez jâr,

      4595     biz er ein schœn magt ersach –
          von der sô hêt er ungemach –,
          diu was geheizen Rachel.
          ir lîp was schœn und sinwel,
          und was der jâr gar ein kint.
      4600     all megde di nû sint,
          die kunden niht gelîchen
          der megde wunniclîchen.
          ir vater der hiez Laban
          und was zwâr ein guot man.
      4605     sîn hûs stuont mit êren wol,
          als eins frumen mannes sol.
          dar inn was spîs genuoc.
          allez daz daz ertrîch truoc,
          des was genuoc dar inne.
      4610     er hêt ouch witz und sinne.
          sîn ander tohter [diu] hiez Lyâ,
          di hêt er ouch mit êren dâ
          und ander kint genuoc.
          Lyâ was an werc vil kluoc:
      4615     doch was Rachel schœn niht gelîch.
          Jacob dient ir vlîziclîch,
          Laban umb Rachel siben jâr –
          daz ich iu sag, daz ist wâr –,
          und lobt im Laban sie ze geben
      4620     ân aller hand widerstreben,
          ob er im dient mit triuwen;
          ez solt in niht riuwen.
          Jacob dient Labân
          umb sîn tohter wol getân.
      4625     dar zuo hêt er ein gunst.
          er sazt ouch all sîn kunst,
          daz er Labans willen tæt,
          die wîl er sîner tohter bæt.
                                                                            [nach oben]
       
       
          Jakob heratet Lea [4629-4688]

       
              Do daz sibent jâr ende het,
      4630      wider sînen enn er dô ret:
          ‘ich hân verdient di maget guot,
          nâch der mir stuont mîn muot.
          dâ von bit ich dich, en mîn,
          daz dû dir lâzst enpfolhen sîn,
      4635     daz mir Laban lône
          mit sîner tohter schône,
          als er mir gelobt hât.
          des wil ich niht haben rât.’
          der en sprach: ‘Jacob, liebez kint,
      4640     an dir ich niht wan triu vint.
          dâ von gên ich mit dir schôn
          und wil dir vordern dîn lôn.’
          si giengen dâ si funden stân
          di juncfroun vor hern Labân.
      4645     der en zühticlîchen sprach,
          dô er hern Laban an sach:
          ‘her Laban, lieber friunt mîn,
          sol ich mit hulden sprechent sîn –
          wan ich bin iu mit triuwen holt –:
      4650     Jacoben ir billîch lônen solt.
          der hât iu gedienet siben jâr
          umb iuwer tohter, daz ist wâr.’
          des antwurt dô her Laban,
          er sprach: ‘ich im wol êren gan
      4655     unde mînem kind zwâr.
          ich wil ims geben offenbâr.’
          Jacob sprach: ‘vil lieber herr mîn,
          ez sol des billîch zît sîn,
          daz ir mir gebt iuwer kint,
      4660     dâ hân ich umb gedienet sint.
          dô sprach Laban der guot:
          ‘ich sag dir mînen muot.
          ich wil dir geben die tohter mîn –
          des solt dû gar ân angst sîn –
      4665     und wil dir ir wol gunnen.’
          er sant nâch sînem kunne
          und nâch sînen mâgen,
          die wolt er râtes vrâgen.
          do begund ez in allen
      4670     vil reht wol gevallen.
          dô was ze den zîten der sit,
          daz sich di briut verhiengen mit
          zendâl ir antlütz,
          als ez den juden noch ist nütz.
      4675     wan er sîn tohter Lyam
          gap Jacoben, als im gezam,
          do wânt Jacob, ez wær Rachel.
          er was ze nemen dô vil snel.
          diu hôchzît wert biz an di zeît,
      4680     daz man si zesamen leit
          in ein kemnâte.
          daz was des nahtes spâte.
          dhein venster gap in daz lieht.
          dâ von maht er gesehen niht,
      4685     daz Lyâ an dem bett lac.
          mit ir er schôn der freuden pflac,
          wan er des wânt, ez wær Rachel;
          da von was er zuo dem bett snel.
                                                                            [nach oben]
       
       
          Jakob verhandlet mit Laben [4689-4750]

              Des morgens dô der tac ûf quam,

      4690     do ersach er froun Lyam.
          dô wart er trûric und unfrô.
          er gie zuo sînem sweher dô.
          er sprach: ‘wie habt ir mir getân?
          nû wârt ir ein triuwer man.
      4695     wie bin ich hiut verrâten
          in diser kemnâten!
          ich hân vil grôzez unheil,
          daz Rachel mir niht wart ze teil.
          des muoz daz herz [und] der lîp mîn
      4700     immer vollez jâmers sîn.’
          dô sprach sîn sweher Laban:
          ‘dû bist ein wunderlîcher man.
          ich sag dir in kurzer vrist,
          wie ez dir widervarn ist.
      4705     ein sit ist in dem lande,
          daz er muoz haben schande
          swer sîn jüngstez kint
          gît ûz der wirt an êren blint,
          und læt di alten sitzen still:
      4710     daz ist niht friunt und mâges will.’
          Jacob muost in trûren stân.
          ‘daz solt ir ê gesaget hân
          mir, daz ist von got reht.
          ich was umb Rachel iuwer kneht
      4715     unt dient iu volliclîch siben jâr.
          merket, ob ich sag wâr!
          der habt ir mir gelônet niht.
          dâ von mir leid von iu geschiht.’
          der sweher sprach: ‘lâ dînen zorn,
      4720     dû solt dîn dienst niht hân verlorn.
          ê daz dû wurdest zornvar,
          ich dient dir ouch siben jâr.’
          er sprach: ‘ich wil dîns diensts enbern,
          woldest dû mich einer bet gewern;
      4725     daz wolt ich dienen ân nôt
          immer biz an mînen tôt.’
          er sprach: ‘lieber Jacob, nû sprich,
          swaz dû wil, daz tuon ich.
          des setz ich ein gewissez pfant
      4730     mîne triu in dîn hant.
          swaz dû sprichest, daz tuon ich;
          daz wil ich dienen umbe dich.’
          do sprach Jacob, der degen snel:
          ‘gip mir dîn tohter Rachel,
      4735     die wil ich ouch ze wîb hân;
          sô hâst dû wol an mir getân;
          dar umb wil ich dienen zwâr
          völliclîch noch siben jâr.’
          des antwurt im dô Laban:
      4740     ‘dû bist ein wunderlîch man.
          wil dû mir dienen siben jâr,
          ich wil sagen offenbâr
          vor disen frumen liuten
          wil ich dir bediuten,
      4745     daz si dîn ander kon müez wesen,
          wil dû des niht entwesen.’
          zehant gâbens beide
          an ein ander triu und eide,
          daz ez vil stæt solde wesen.
      4750     er kund ân sie niht genesen.

                                                                            [nach oben]
       
       

          Jakob heiratet Rachel [4751-4786]

              Do diu siben jâr heten ein end gar,
          do hiez er Rachel für in gên dar.
          er sprach: ‘waz ich gelobt hân,
          daz wil ich gern stæt hân,

      4755      unde wil ez lâzen wâr.
          got geb daz si wol gevar!’
          dô daz Lyâ hêt ersehen,
          si begund wider irn vater jehen:
          ‘nein, lieber vater mîn,
      4760     lâ ez ein andern man sîn,
          der mîn swester nemen sol.
          mîn lîp wirt gar leides vol.’
          Jacob ûz grôzem zorn sprach:
          ‘dû hietest wol dînen gemach.
      4765      wil dû niht mit gemach sîn,
          dû kümst niht an daz bett mîn.’
          ‘nein, Jacob, mîn lieber man,
          dû solt dîn triu sehen an
          und lâ mich lenger bî dir sîn.
      4770     ich gan dir wol der swester mîn.
          lâ mir dîn güet wesen bî.
          wil dû noch zwô oder drî,
          der wil ich dir wol gunnen.
          nim under mînen kunnen
      4775     swelich dir gevalle baz.
          daz wil ich lâzen âne haz.’
          der rede was dâ genuoc.
          einen zendâl man dar truoc,
          dâ diu schœn Rachel gienc.
      4780     ir ougen man dâ mit verhienc
          nâch dem jüdischen sit.
          der selb volget in noch mit,
          den juden gar ân widerstrît
          ze ieglîches hôchzît.
      4785     dô wart im Rachel gegeben.
          mit freuden wolt er mit ir leben.


                                                                            [nach oben]
       
       
       

          Jakob heiratet  Bilha und Silpa [4787-4804]

              Dô er di zwô swester guot
          hêt an im mit frîem muot
          volliclîchen zwei jâr,

      4790     dannoch hêt er niht volle gar
          konen zuo sînem lîb genuoc.
          er was zuo minnen alsô kluoc,
          daz er im dannoch zwô nam.
          des wolt er haben dhein scham.
      4795     die selben wilich iu nennen,
          daz ir si mügt erkennen.
          diu ein sîn diern Belâ,
          diu ander diu hiez Zelfâ.
          die nam er beid an der zît.
      4800     des gewunnen si ir frouwen nît
          bî den selben jâren,
          wan si ir diern wâren.
          doch muost ez sîn ir wille,
          und muosten swîgen stille.
                                                                            [nach oben]
       
           
          Jakobs zwölf Söhne [4805-4842]
      4805         Bi den vier wîben er gewan
          zwelf sün wol getân.
          der ein wart Joseph genant,
          der wart gefuort in Egyptenlant.
          der ander hiez Benjamin,
      4810     der dritt bruoder Neptalim.
          der vierd Gad was genant,
          der fünft Asser erkant.
          der sehst was Ruben zwâr.
          der sibent Levy, der lebt gar
      4815     ân schand, dem gap der vater lôn.
          der ahtet der hiez Symeôn.
          der niunt was Judas genant;
          der gap den rât, daz man versant
          Josep an der selben stat.
      4820     der zehent der hiez Josaphat.
          der einleft der hiez Dan vil schôn.
          der zwelift der hiez Zabulôn.
          von disen sünen vor genant
          wurden zwelf gesleht erkant.
      4825     den wil ich reiten ir zal,
          daz irs erkennet über al.
          ich hân von in wol vernomen,
          daz von den zwelfen ist bekomen
          hundert tûsent, daz ist wâr.
      4830     dannoch sô habent si an ir schar,
          daz tuont uns diu buoch schîn –
          ir süllen dannoch mêr sîn
          vier und vierzic tûsent gar
          zuo den hundert tûsent, daz ist wâr.
      4835     dâ von kom ysrahelischiu diet
          als ez got wolt und riet.
          der dis zal uns tet bekant,
          der ist Johannes genant:
          der hôch êwangelistâ
      4840     hât uns vor geschriben sô.
          in den latînischen buochen
          sol man di wârheit suochen.


                                                                            [nach oben]
       
       

          Jakobs Traum [4843-4862]

              Jacob von sînen sünene gie
          ûf einen berc, dâ er nie

      4845     sît noch ê komen was,
          und leit sich nider ûf ein gras.
          dâ slief er al ein.
          sîn houbt lac ûf einem stein
          under einem schœnen grüenen boum.
      4850     dâ troumt im ein süezer troum,
          wie ein leiter guldîn
          gie zuo unserm trehtîn.
          die leiter nieman habt noch fuort,
          von der erd an den himel ruort.
      4855     des muost si stên stille;
          daz selb was gotes wille.
          di engel ze tal und ûf stigen,
          gegen got si zallen zîten nigen.
          si hêten wîziu kleider an,
      4860     di selben engel wol getân.
          ir wunn diu was alsô grôz,
          daz si des stîgens niht verdrôz.


                                                                            [nach oben]
       
       

          Jakob ringt mit einem Engel [4863-4906]

              Jacob der sach die wunn an.
          manger freud er dô gewan,

      4865     wan im wart ê noch sît
          nie sô kurz dhein zît,
          wan sîn lîp was freuden vol;
          dâ von sô wart im nie sô wol.
          dô er dâ entwachte –
      4870     sîn lîp vor freuden krachte –,
          dô sach er einen engel stân,
          der wolt an di leitern gân.
          mit armen er in zuo im vie,
          dô er sô schœner vor im gie.
      4875     mit handen, mit armen er in twanc.
          die naht er allez mit im ranc.
          der engel sprach: ‘vil sælic man,
          lâ mich, der tac wil ûf gân.’
          er sprach: ‘ich lâz dich niht drât,
      4880     dû segenst mich dann an diser stat.’
          zehant dô gap er im den segen:
          ‘der heilig got müez dîn pflegen.’
          dô im diu wunn was zergân,
          diu im sô wol hêt getân,
      4885     wider sich selben er dô jach,
          wan er dick daz wort sprach:
          ‘ich weiz zwâr, dise stat
          got dar zuo beschaffen hât,
          daz er ein hûs hie haben sol,
      4890     daz erkenn ich bî der leiter wol,
          und daz daz himelisch tor
          stêt gên diser stat enbor.’
          dar nâch er dick trahte,
          daz er ein bethûs machte
      4895     dem lieben got ze êren,
          sîn lop dar inn ze mêren.
          einen alter sazt er dar în.
          dar zuo kêrt er sînen sin,
          daz er in zieret schôn.
      4900     des gap im got sîn lôn.
          ez stuont ouch dar zuo sîn muot,
          daz er in wîht mit öle guot.
          den selben list er dô vant,
          daz er in wîht mit sîner hant,
      4905     den alter an der selben vart,
          dâ von got gelobt wart.


                                                                            [nach oben]
       
       

          Josefs erster Traum [4907-4974]

              Nû lâz wir die red stân
          und grîfen zuo Jacobes kinden an,
          diu wir haben vor genant.

      4910     diu geschrift tuot uns von in bekant,
          daz si wærn wol getân.
          der vater hiez si ze velde gân,
          dô si sô alt wâren.
          bî den selben jâren
      4915     under den kinden was ein kneht,
          der was im ze dienst gereht:
          der selb was Josep genant,
          den liuten was er wol bekant.
          sîn zuonam hiez der troumær.
      4920     dem vater was er niht unmær.
          er enpfalh im schâf, rinder vil,
          der ich niht aller nennen wil
          und niht all genennen kan.
          er wart zwâr ein frum man.
      4925     eines tages er lac und slief.
          ein troum im in sîn herz lief,
          wie er sæz under einem boum.
          seht! alsô was sîn troum:
          wier ûf einem grüenen anger,
      4930     ûf einem plân gesezzen wær
          ze tal under dem breiten boum.
          dô nam er aller stern goum,
          die an dem himel wâren;
          die sach er schôn varen
      4935     an dem firmamentô,
          einer nider, der ander hô;
          die wârn all schœn vil gar,
          als im der troum seit für wâr.
          doch sach er dar under
      4940     einlef stern besunder,
          die lûhten ûz den andern gar,
          des nam Josep vil wol war;
          dar zuo sunn unde mân,
          die bâten in mit den einlef [sternen] an
      4945     und wurden im dienstes undertân,
          die einlef stern, sunn und mân.
          dô er dô entwachte,
          des troumes er dô lachte,
          wan er was sîn vil vrô.
      4950     zuo sînem vater sprach er dô,
          dô er in êrst an sach:
          ‘vil lieber vater,’ er dô sprach,
          ‘ich bin gelegen under dem boum
          dâ ist mir getroumt ein troum,
      4955     wie einlef stern, sunn und mân
          mich solden beten an.’
          daz erhôrt diu muoter dô.
          des troumes wart si vrô.
          si sprach: ‘sun, den troum lâ stân,
      4960     der sol dir wærlîch wol ergân.’
          der vater sprach ouch zehant:
          ‘mir ist an dem troum bekant,
          daz dir dîn bruoder sunder wân
          werdent all undertân.
      4965     daz bediutent di einlef stern,
          daz si dîner gnâden gern;
          sô bediut der mân und sunne,
          daz wir dir dîner êren gunnen,
          ich und diu lieb muoter dîn,
      4970     und doch in dînen gnâden sîn,
          ich und dîn muoter. daz geschiht.
          nû brich an uns dîn triu niht.
          dû wirdest zwâr ein gewaltic man,
          für wâr ich dir daz sagen kan.’


                                                                            [nach oben]
       
       

          Die Brüder verschwören sich gegen Josef [4975-5024]


      4975         Dâ mit diu red gelac

          zwâr biz an den dritten tac.
          daz vich si hinz veld triben.
          Josep der was dâ heim beliben.
          dô er der bruoder niht ensach,
      4980     ze veld was im nâch in gâch.
          dô si in verrest sâhen gên,
          do begund der ein ûf stên
          und sprach: ‘seht, lieben bruoder mîn,
          Josep wil unser herr sîn,
      4985     als im mîn vater hât erleit.
          wir süln in vâhen, des ist zeît,
          und werfen in in ein piscinam.
          des muoz er sîn gehôrsam.
          des mac er niht entwenken,
      4990     wir süllen in ertrenken
          und besehen, waz im helf sîn troum,
          der im troumt under dem boum.
          wir süln ouch niht vergezzen,
          wir jehen, in hab frezzen
      4995     ein übel tier ûf dem plân.
          der red sült ir mir gestân.
          ein lamp süll wir tœten
          und mit dem bluot rœten
          sîn gewant, daz er hât an getragen,
      5000     und süllen mînem vater sagen,
          ein tier hab in vrezzen gar.
          daz hât mîn vater für wâr.’
          der ander bruoder sprach dô:
          ‘nein, lieber bruoder, red niht alsô.’
      5005     der selb was Ruben genant.
          hei wie tiur er si mant!
          ‘wir süln sîn bluot vergiezen niht,
          oder uns von got vil wê geschiht.
          wir süllen im helfent wesen,
      5010     daz er noch lenger müg genesen.’
          er klagt des bruoder ungemach,
          wan er ûz grôzen triuwen sprach:
          ‘wir süln in hie niht tœten
          noch in des tôdes nœten.
      5015     wir werden an der sêl verlorn
          und müezen dulden gotes zorn.
          uns geschæch als Cain geschach,
          der an sînem bruoder sîn triu zebrach.
          recht alsô müest uns geschehen.
      5020     des muoz ich von der wârheit jehen.
          vil lieben bruoder, lât in genesen.
          welt ir sîn aber niht entwesen,
          so verkouft in in Egyptenlant,
          so wirt er uns nimmer mêr bekant.’


                                                                            [nach oben]
       

           
          Josef bittet um sein Leben [5025-5032]
      5025         Di red erhôrt Joseph dô.
          dô wart er trûric und unfrô.
          er sprach: ‘lieben bruoder mîn,
          lât mich von iu gescheiden sîn,
          wan ich wil gern scheiden
      5030     von iu zuo den heiden,
          daz ir mir lât den lîp mîn
          durch unsern lieben trehtîn.’


                                                                            [nach oben]


     


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