JANS DER ENIKEL, Weltchronik.
    Seite 2: Noah

    Nach der Ausgabe von Philipp Strauch.
    Digitalisiert von Angus Graham.
    Seite erstellt von Graeme Dunphy.

    Seite 2 enthält die Abschnitte:
    1671-1756
    1757-1774
    1775-1820
    1821-1868
    1869-1918
    1919-1968
    1969-2102
    2103-2140
    2141-2184
    2185-2258
    2259-2302
    2303-2366
    2367-2400
    2401-2468
    2469-2482
    2483-2538
    2539-2564
    2565-2582
    2583-2628
    2629-2646
    2647-2676
    2677-2710
    2711-2748
    2749-2770
    2771-2780
    2781-2804
    2805-2818
    2819-2844
    2845-2916
    2917-2958
    2959-3036
    3033-3036
    3037-3042
     

     

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          Der Engel besucht Noah [1671-1756]

              Dar nâch wart got der werlde gram,
          daz si niht was gehôrsam.
          dâ von wolt er gedenken
          und wolt di werlt ertrenken

      1675     und wolt ouch des niht enlân,
          ez müest über die werlt gân
          daz wazzer vierzic ellen hôch,
          wan er ez schôn dar über zôch.
          bî den zîten lebt ein man,
      1680     der selb was got undertân.
          des genôz er als er solt,
          daz im got was vil holt,
          wan er in minnet sêr.
          des gewan er frum und êr.
      1685     der selb was Noê genant.
          zuo im got einen engel sant,
          ê daz daz wazzer quæme,
          daz er sîn botschaft vernæme,
          ob er leben wolde,
      1690     wie er gevarn solde.
          der engel zühticlîchen sprach:
          ‘ich tuon dir kunt den ungemach,
          den all diu werlt lîden sol,
          dar umb bewar dich wol.
      1695     got wil des dheinn rât hân,
          er well die werlt lâ[ze]n zergân.
          mit dem wazzer wil ers trenken.
          des mügen si niht entwenken.
          dâ von bewar dînen lîp
      1700     und nim zuo dir dîn reinez wîp
          und dîniu kint gemeine.
          diu süln ouch kiusch und reine
          wesen, daz ist reht,
          sît dû selb bist gotes kneht.
      1705     dar zuo gebiutet got dir,
          daz dû bereitst ein arc schier,
          und gebiutt dir dâ bî,
          swaz in der werlt sî,
          vogel, wilt unde tier,
      1710     der süllen wesen zwei bî dir.
          dû solt ouch in der arc machen
          stell mit wunderlîchen sachen,
          beide vogelîn und tier,
          daz ouch die bereit werden schier.’
      1715     do Noê erhôrt der werlde nôt,
          daz si solt ligen tôt
          gemeiniclîch alle,
          daz dûht in gar ein galle.
          er sprach: ‘vil lieber engel hêr,
      1720     ich fürhte gotes zorn sêr,
          wan begrîft mich gotes zorn,
          sô bin ich mit in gar verlorn.’
          des antwurt der engel hêr:
          ‘dû solt dir fürhten niht ze sêr,
      1725     wan got dir dînes lebens gan,
          dâ von wil er dich leben lân.’
          dô sprach er: ‘lieber engel hêr,
          gip mir etlîch lêr,
          wie all die friunt und mâge mîn
      1730     bi mir in der arc mügen gesîn,
          dâ ich mich inn neren sol,
          sô wirt mîn herz freuden vol.’
          des antwurt dô der engel hêr:
          ‘siben liut und niht mêr
      1735     süllen in der arc genesen.
          selb solt dû der ahte wesen
          vier wîp und vier man:
          nimêr süln in die arc gân.
          daz ist diu gotes lêre.
      1740     dâ von lâ niht mêre
          in der arc mit dir wesen,
          ob dû selb wellest genesen.
          ich wil dir sagen mêre:
          got gît dir die êre
      1745     und ouch dar zuo die frist,
          die wîl diu arc niht enist
          bereitet von den handen dîn,
          sô solt dû des gewis sîn,
          daz diu werlt niht sol zergân.
      1750     si sol von got den fride hân
          wærlîch gar unz an die frist,
          daz diu arc bereit ist.
          ich sag dir ouch an dirre stunt,
          diu red sol nieman von dir kunt
      1755     werden, daz ist reht getân.
          dû solt sie nieman wizzen lân.’

                                                                                 [nach oben]
           

          Noah baut die Arche  [1757-1774]

              Dô gie Noê und trahte,
          wie er ein arc machte,
          diu guot und nütz wære

      1760     und ouch vil êrbære.
          dar an worht er vil mangen tac,
          als ich wol gesprechen mac,
          wan er sie vil schôn bereit
          in vierzehen jârn, als man seit.
      1765     dô si dâ schôn bereitet wart
          nâch des engels zuovart,
          dô was si wîz unde blanc,
          drîer hundert dûmellen lanc
          und hundert dûmellen wît.
      1770     an der selben zît
          was ouch ir hœch gemezzen,
          des wil ich niht vergezzen,
          wan an der hœch hêt ir zal
          fünfzic dûmellen über al.

                                                                                 [nach oben]
           

          Der Teufel gelangt auf die Arche [1775-1820]
           

      1775         Dar nâch stuont ez unlanc,
          unz der regen von himel dranc.
          dô daz gesach her Noê,
          er sprach: ‘ich sûm mich niht mê.’
          er hêt ouch allez daz bereit,
      1780     daz im der engel hêt geseit.
          vogel, wilt unde tier,
          diu hêt er in die arc schier
          bereitet als er solde
          und als got selber wolde.
      1785     dô gie der gar getriuwe man
          hin für sîn hûsfroun stân.
          er sprach: ‘vil wunderreinez wîp,
          wil dû behalten dînen lîp,
          sô solt dû in die arc gân,
      1790     niht lenger solt dû hie bestân.
          nîm dîniu werdiu kint mit dir,
          und ginc in die arc schier,
          und dîner werden kinde wîp,
          daz si behalten den lîp.’
      1795     swaz Noê hinz der frouwen sprach,
          wie güetlîch daz von ir geschach!
          si hiez si in die arc gên
          und sprach: ‘ez sol dheinez stên
          ûzerthalp der arc guot,
      1800     daz Noê iht werd ungemuot.’
          der ein des erlachte,
          der red er niht enahte.
          dô daz der vater ersach,
          ein wort er zornclîch zuo im sprach:
      1805     ‘ginc, tiufel, drât dar in!
          dû hâst nindert rehten sin.’
          dô er daz wort volgesprach,
          der tiufel wider sich selber jach:
          ‘wol mich! mir hât erloubt Noê,
      1810     daz ich in die arc gê,
          die er gesegent hêt sô sêr,
          daz dhein tiufel was sô hêr,
          der in die arc moht komen.
          nû hân ich williclîch vernomen,
      1815     daz er mich hiez dar în gên.
          hie ûz wil ich nû niht bestên.’
          mit im er dô hin în gie.
          den man er bî dem arm vie
          und wîset in an sînen gemach.
      1820     den tiufel dâ nieman sach.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Beischlafverbot auf der Arche  [1821-1868]

              Dô slôz Noê die arc zuo.
          daz was an dem morgen fruo.
          dâ sach er sîniu kint stân,
          diu hiez er alliu für sich gân.

      1825     er sprach: ‘liebiu kint mîn,
          ir sült iu lân enpfolhen sîn:
          ir seht wol, wie diu werlt zergât
          umb ir bœse missetât.
          nâch gotes hulden sült ir ringen
      1830     und sült zuo süntlîchen dingen
          zuo iuwern hûsfroun niht gên,
          weder sitzen noch enstên,
          daz wir daz gebot iht krenken
          und uns selb iht ertrenken.
      1835     ist ez wîp oder man,
          daz daz gebot wil übergân,
          ez wirt mir nimmêr als trût,
          ich slach im ab hâr und hût
          und ouch sîn fleisch gemeine
      1840     unz ûf daz gebeine.’
          dô lobten si im stæte,
          sîn gebot und sîn ræte
          woldens gern behalten,
          die jungen und die alten.
      1845     doch wolt er in gelouben niht,
          si hieten mit ir wîben pfliht,
          zesamen slichens lîse.
          daz understuont der grîse,
          wan er in seit stæte,
      1850     swer behielt sîn ræte,
          der besæz daz paradîs.
          wær ieman sô unwîs,
          der gotes bot niht wolde
          behalten als er solde,
      1855     der solt nimmer mêre
          dhein triu noch êre
          zuo im gewinnen.
          er sprach: ‘ich wil mit sinnen
          iuwer triu versuochen,
      1860     ob got wil sîn geruochen.
          seht, liebend kint, die grôzen nôt,
          wie jæmerlîch diu werlt ist tôt
          umb ir bœse missetât,
          di si gegen got begangen hât!’
      1865     dô lobten si gemeine,
          si wæren kiusch und reine,
          unz daz got der reine
          sînn zorn liez gemeine.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Asche auf dem Boden  [1869-1918]

              Dô leit er si besunder.

      1870     des nam si all wunder,
          wan er si vast an sach.
          daz wort er wider si dô sprach:
          ‘daz hân ich dar umb getân,
          daz ir niht sült zesamen gân.’
      1875     zwischen ir aller bett nider,
          sæet er aschen, daz hin wider
          ir dheinez möht zem andern gân,
          er sæch ez an dem aschen stân,
          den trit, den ir einez tæt
      1880     an dem aschen den er sæt.
          er sprach: ‘ir wîp und ir man,
          ir sült den aschen sehen an,
          den ich hie ströuwen wil:
          der hât tugent alsô vil,
      1885     daz ich die trit dâ sehen mac
          ob ir bî naht oder bî tac
          zesamen giengt; daz wær mir leit.
          nu behaltet iuwer kiuscheit,
          beidiu wîp unde man.
      1890     nû seht gotes zorn an,
          daz in einer kurzen vrist
          elliu werlt versunken ist.
          ir sült ouch merken wie Adam
          und Evâ mit vil grôzer scham
      1895     ûz dem pardîs wurden vertriben. –
          si wærn vil gern dar inn beliben. –
          daz kom von ungehôrsam,
          daz in got wart von herzen gram,
          wan er si drât und niht lîs
      1900     rûmen hiez daz paradîs.
          gedenkt ouch an Luciferum,
          wie schœn er was unde frum.
          der selb trugenære,
          swie liep er got wære,
      1905     umb sîn grôz hôchvart
          von himel er verstôzen wart,
          dar an gedenket, kint mîn,
          und lât iu wol enpfolhen sîn
          daz vil heilig gebot,
      1910     daz uns gebôt der lieb got.’
          des antwurt im gemein
          sîniu kint grôz und klein,
          si sprâchen: ‘lieber vater mîn,
          dû solt des gar gewis sîn,
      1915     wir süllen dînem râte
          volgen fruo und spâte.
          des solt dû, lieber vater mîn,
          von uns vil gar ân sorg sîn.’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Die Welt geht unter  [1919-1968]

              Dô diu werlt gemeine

      1920     ân die arc al eine
          elliu was ertrunken
          und in dem wâg versunken,
          dô nâmen die in der arc goum,
          ob si ertrîch oder boum
      1925     indert möhten gesehen.
          des moht nieman dô verjehen,
          wan dhein berc wart sô hôch nie,
          daz wazzer ie dar über gie:
          fünfzic dûmellen hôch
      1930     ez über all berg zôch.
          dô daz Noê wart bekant,
          daz nieman niht ertrîch vant
          als smal als ein hant breit,
          alrêrst wart im von herzen leit.
      1935     er hiez sîn sün für sich gân.
          daz wart in schier kunt getân.
          dô er si vor im stên sach,
          ein wort er lieplîchen sprach:
          ‘nû hœret, lieben kint mîn,
      1940     ir sült iu lân enpfolhen sîn
          daz gebot daz iu got hât getân,
          daz sült ir lâzen niht zergân.’
          daz lobten si im stæt
          nâch sîner veterlîchen bet,
      1945     swaz er vor spræche,
          daz ez dheiner bræche.
          des swuoren si im mangen eit.
          daz was dem übeln tievel leit,
          der in der arc was niht bekant,
      1950     wan er was ein vâlant.
          er gedâht wie er ir aller eit
          bræch mit sîner kündicheit,
          di er von in hêt vernomen,
          dô si für Noê wârn bekomen.
      1955     ‘ich wil ouch des vil vlîzic wesen,
          daz si nimmer mügen genesen,
          Noê und ouch sîniu kint,
          wan ich nimmer erwint,
          si müezen ouch ertrinken
      1960     und in dem wâg versinken,
          sô ist diu werlt gar zergân.
          alrêrst sô wil ich freude hân,
          wann ich si dann verrâte
          beidiu fruo und spâte.
      1965     si müezen lîden groz scham
          und ouch ir gehôrsam
          zerbrechen, dâst der wille mîn,
          dâ von si vlorn müezen sîn.’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Der Teufel bringt Ham in Versuchung  [1969-2102]

              Dâ mit fuor der vâlant

      1970     zuo Noê sun, dâ er in vant.
          dô er in êrst an sach
          wider in er schalclîchen sprach:
          ‘woldest dû iht gern sîn
          bî der lieben hûsfroun dîn?’
      1975     des antwurt dô der junglinc:
          ‘ôwê! wie gern ich mîniu dinc
          geschüef mit ir swann ich wolt,
          ob ez ze reht sîn solt!’
          dô der tievel daz vernam,
      1980     er gedâht: die gehôrsam
          wellent si zerbrechen.
          ich mac mich wol rechen.
          dô fuor der tiufel zehant
          dâ er des mannes wîp vant.
      1985     [er sprach:] ‘dir enbiut der man dîn,
          ob dû bî im wellest sîn,
          sô slîcht er her reht als ein diep,
          wan dû bist im von herzen liep.’
          des antwurt diu vil guote
      1990     ûz trûrigem muote:
          ‘vil gern wolt ich bî im sîn
          und wærz der will des herren mîn,
          der dâ Noê ist genant –
          wan er ist got vil wol bekant –,
      1995     daz er uns beidiu iht slüeg
          und ez uns williclîch vertrüeg.’
          dô sprach der leide vâlant:
          ‘des setz ich dir mîn triu ze pfant,
          daz dir niht leides dâ von geschiht.
      2000     fürht dir dar umb niht;
          und wil dû werden freuden vol,
          sô kan ich dir gerâten wol.’
          si sprach: ‘swaz dem mann mîn
          lieb ist, daz sol mîn will sîn.’
      2005     do der frouwen willigiu wort
          der tiufel sô snell erhôrt,
          dô fuor er vil drâte
          zuo des mannes kemnâte.
          dar inn was Noê sun.
      2010     er sprach: ‘ich wil dir kunt tuon,
          daz diu hûsfrou dîn
          vil gern wolt bî dir sîn.
          ze boten bin ich dir gesant,
          daz ich dir tæt bekant
      2015     den willen den si gên dir hât,
          wan si mich des vil tiuwer bat.
          si sprach: sag ez dem mann mîn,
          ob ez in hulden müg gesîn,
          daz er dann kœm zuo mir
      2020     vil wunderlîchen schier.
          daz ist mîn rât und mîn bet.
          nâch im mîn herz in freuden stêt.
          sît si dich gern sehen wil,
          so gewint ez beidiu freuden vil.
      2025     des solt dû dar slîchen,
          daz ist vil billîchen,
          wan si hât nâch dir grôz swær,
          als si vil gern bî dir wær.
          dâ von versündest dû dich sêr.
      2030     friunt, behalt an ir dîn êr.
          ich wil dir ouch für wâr sagen,
          daz si bî ir jungen tagen
          verdirbt an lîb, an herzen,
          wan si hât von dir smerzen.’
      2035     dô sprach ez der jung man:
          ‘swie gern ich zuo ir wolde gân
          und swie gern ich daz tæt,
          sô ist zwischen uns gesæt
          aschen. daz tet der vater mîn,
      2040     daz er müg gar ân angst sîn,
          daz wir zesamen iht slîchen
          und ez durch got den rîchen
          lâzen an diser stat,
          wan ez uns got verboten hât.
      2045     wan sünd wir beid, sô lig wir tôt
          und müesten lîden grôz nôt,
          wan wir müesten ertrinken
          und in dem wâg versinken,
          alsam diu werlt hât getân,
      2050     diu nû vil gar ist zergân.’
          er sprach: ‘lâ die red stân.
          ich bring dich vrœlîchen dan
          an dînes wîbes arm blanc –
          des solt dû mir sagen danc –,
      2055     und daz die trit nieman siht.
          ei! wie wol dir dann geschiht!
          du gewinnest dînes wîbes huld,
          daz si dir vergît dîn schuld,
          daz si gên dir læt den haz.
      2060     wie kan dir immer werden baz!
          dû solt sie umbevâhen
          und drucken an dich nâhen.
          daz ist an dir ein grôzer sin.
          ich bringe dich ân schaden hin,
      2065     daz die trit nieman siht.
          aht dînes vater rede niht,
          wan ich füer dich morgen drât
          wider zuo der kemnât.’
          dô sprach ez der jung man:
      2070     ‘sol ich mich des an dich verlân?
          nû hân ich dich noch niht erkant.
          sag mir, wie bist dû genant,
          daz ich dich müg erkennen?
          dînen nam solt dû mir nennen.’
      2075     der red antwurt zehant
          der vil leide vâlant.
          er sprach: ‘ruoch, wer ich sî,
          ob ich [dir] tuon der sorgen frî
          dich und dîn schœn wîp.
      2080     sitz mir her ûf mînen lîp,
          mitten ûf den hals mîn!
          dâ maht dû wol ân angst sîn.’
          dô sprach der man: ‘sam mir der tac!
          ich kum dir niht ûf dînen nac,
      2085     dû sagest mir, wie dû sîst genant.’
          er sprach: ‘ich binz der vâlant.
          ein tievel sô bin ich zwâr.
          ich bring dich ân schaden gar
          zuo der hûsfrouwen dîn,
      2090     des solt dû ân angst sîn.’
          dô daz erhôrt der jung man,
          er sprach: ‘ich wil mich niht verlân
          an dich’, sprach er dem tievel zuo,
          ‘weder spât noch fruo.
      2095     wie müht ich ân angst sîn,
          ez gieng mir an den lîp mîn,
          dû bræhtst mich vil lîht in nôt,
          daz ich müest ligen von dir tôt?’
          ‘nein ich zwâr’, sprach er,
      2100     ‘ez sî diser oder der,
          der sich læt an di triuwe mîn,
          der mac vil wol ân angst sîn.’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Der Teufel bringt Ham zu seiner Frau  [2103-2140]

              Dô schunt er ze allen zîten zuo
          beidiu spât unde fruo,

      2105     unz er ez dar zuo brâhte
          daz im der man gedâhte:
          swie ez mir nû sol ergân,
          ich wil mich an sîn triuwe lân.
          des andern nahtes spâte
      2110     zuo sîner kemnâte
          kom der leidig vâlant.
          den man er aber tiuwer mant:
          ‘ôwê’! her jüngelinc,
          ir schaft vil übel iuwer dinc,
      2115     daz ir wellet lâzen sterben
          iuwer wîp vil gar verderben.
          ôwê! ir unsælic lîp,
          wie lât ir iuwer schœn wîp,
          der ir nie wurdet wert!
      2120     ir sît bœser danne vert,
          daz als ein ûz erweltez wîp
          sich sol verderben umb iuwern lîp.
          quæmt ir zuo ir ze einer stunt,
          sô wurde si an dem lîp gesunt.
      2125     swie des hînt niht mac geschehen,
          sô muost dûs morgen tôte sehen.’
          dô der leidig vâlant
          den jungen man sô tiuwer mant,
          er sprach: ‘swie ez mir sol ergân,
      2130     ich wil mich gar an dich verlân.
          ich wil ûf dich sitzen.
          nû füer mich hin mit witzen.’
          der vâlant dô des niht vergaz,
          dô er im ûf den hals gesaz,
      2135     er fuort in dô zehant
          dâ er sîn schœnez wîp vant,
          und leit in zuo sînem wîp,
          ‘die zît dû dâ vertrîp,’
          sprach er zuo dem manne.
      2140     dâ mit fuor er von danne.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Hams unangenehme Überraschung  [2141-2184]

              Dâ lâgen si vil wunniclîch.
          si wârn beidiu freudenrîch.
          daz was ir beider gewin.
          diu naht gie mit freuden hin

      2145     unz an den liehten morgen.
          alrêrst gewan er sorgen,
          wie er hin wider quæme,
          daz ez Noê niht vernæme,
          sîn heimlîchez slîchen.
      2150     des bat er got den rîchen.
          alsô lâgen si mit sorgen,
          biz si besleich der morgen.
          dô kom der vâlant gegân
          hin für sîn bett stân.
      2155     dô er nam war ir beider klag,
          er sprach: ‘vernim waz ich dir sag.
          wil dû mit mir drâte
          zuo dîner kemnâte?’
          dô sprach der jung man zehant:
      2160     ‘ich næm daz gevert für ein lant.
          dû bist ze rehter zît komen.
          dîn stimm hân ich gern vernomen.’
          dô der tievel erhôrt
          sîniu kleglîchiu wort,
      2165     er sprach: ‘ich muoz dir doch sagen –
          mîn bôsheit kan ich niht verdagen –,
          ich bin wærlîch der einer niht,
          den man stæt in triuwen siht.
          ich bin ein lugenær,
      2170     des bin ich got unmær.
          des bring ich mangen in nôt,
          daz er muoz ligen tôt.
          ich wil dir sagen die wârheit:
          all frümcheit ist mir leit
      2175     und alliu bôsheit wont mir bî.
          schalkeit wird ich nimmer frî.
          des hilf ich nieman ûz nœten.
          ich liez ê tûsent tœten,
          ê ich in hulf von danne,
      2180     wîben oder mannen.
          ich rât nieman zuo guot.
          nâch bôsheit stêt mîn muot.
          dâ mit dien ich dem meister mîn,
          der immer in der hell muoz sîn.’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Das Liebespaar beklagt sein Los  [2185-2258]
           

      2185         Dô sprâchen di lieben liut:
          ‘ôwê dann unserr hiut!
          wie sol uns dann geschehen?
          mîn vater mac die trit sehen,
          die ich in denn aschen trit.’
      2190     dô sprach daz wîp: ‘hab guoten sit.
          für dich wil ich lîden [die] nôt
          umb daz gebot daz got gebôt,
          wan wir beidiu gesündt hân.’
          ‘daz wær unreht’, sprach der man,
      2195     ‘wan ez von mînen schulden vert,
          wær ieman der uns beidiu nert
          vor mînem vater den ich hân,
          dem wolt ich wesen undertân
          immer die wîl ich lebt.
      2200     nâch sînem bot ich gern strebt,
          wan mich der tiufel hât
          verrâten zuo der missetât.
          sîn wær anders niht geschehen.
          nieman hiet mich bî dir gesehen,
      2205     wan dîn lîp an diser tât
          nie dhein schuld gewunnen hât.
          der mich dâ brâht nehten spât
          von mîn selbes kemnât,
          daz tet der leide vâlant,
      2210     dâ von ich lîden muoz die schant.
          mir ist niht wan umb dich ein leit,
          daz dich mîn vater schuldic seit,
          wan dîn lîp nie dhein schuld gewan
          an disem ding,’ sô sprach der man.
      2215     er sprach: ‘ôwê! daz ich mich ie
          an einen tiufel verlie!
          vil lieb, schœn, sælic wîp,
          sol dîn tugenthafter lîp
          komen durch mich in smerzen?
      2220     ôwê dînes reinen herzen!
          dar în dhein valsch gedanc
          über kurz und über lanc
          kom, des biut ich mînen eit.
          âwê dîner reinicheit!
      2225     daz dû der solt engelten!
          wan man dich vil selten
          vindet wan in einem muot.
          ôwê! daz dû bist sô guot,
          daz dir niht genâhen mac!
      2230     ich sich für wâr den liehten tac’
          dô si ouch den tac ersach,
          ein wort si jæmerlîchen sprach:
          ‘ez muoz nû an ein seheiden gên.
          liep, dû solt ûf stên
      2235     und solt hin wider slîchen.
          got klag ich, dem rîchen,
          daz wir süllen werden geschant
          von disem leiden vâlant.’
          dô der man dô erhôrt
      2240     ir jæmerlîchez wort,
          er sprach: ‘ôwê! reinez wîp’,
          und druct si nâhen an den lîp,
          ‘wann sol ich mêr erwarmen
          an dînen blanken armen?
      2245     noch klag ich michel mêre
          daz ich fürht sêre,
          daz dû, tugenthaftez wîp,
          umb mînen schuldigen lîp
          müezt lîden nôt und smerzen
      2250     an lîb und an herzen.
          ôwê der schœnen ougen dîn,
          diu nimmer liehter kunden gesîn!
          sol dâ von wazzer diezen
          und an diu wengel vliezen?
      2255     dar zuo sint si ze rôsenvar.
          ôwê dîner wengel klâr!
          süllen diu des nû engelten,
          daz si erbleichent selten?’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Eine letzte Umarmung  [2259-2302]

              Sîn klag wert alsô lanc,

      2260     ‘âwê! sol ruck und arm blanc
          und aller dîn lîp gemeine
          von mir al eine
          dhein ungemach geschehen,
          dar umb müest man mich tôten sehen.
      2265     ôwê dînes valben hâr!
          sol man daz nû zerfüeren gar
          mit nœten und mit arbeit?
          daz ist mir gar von herzen leit,
          wan mîn lîp solt ez lîden,
      2270     der dîn solt ez vermîden,
          wan mîn unsæliger lîp
          ist schuldic, mîn vil liebez wîp.
          der dîn dhein schulde hât
          an diser unsæligen getât.
      2275     solt dû dann von mir kumber hân,
          dar umb muoz ich daz leben lân.
          du zerbræch nie den willen mîn.
          dâ von mîn herz muoz trûric sîn.’
          dô sprach daz schœn, getriuwe wîp:
      2280     ‘dû solt sô sêr dînen lîp
          niht krenken durch den willen mîn.
          ich muoz dir holt mit triuwen sîn.
          klag niht sô sêr umbe mich.
          jâ fürht ich, dû verderbest dich
      2285     durch mînen armen blœden lîp.
          ich bin niht wan ein arm wîp.
          verderb dich niht, dâst reht getân.
          jâ mac ez uns noch baz ergân
          wan der fürsaz sî:
      2290     wir werden noch sorgen frî.
          des hilfet uns diu gotheit,
          dâ nimmer ze end wirt von geseit.’
          dô der man erhôrt
          iriu wîplichiu wort,
      2295     dô halst er sie vil schône.
          er sprach: ‘gip mir ze lône
          ein küssen von dem munde dîn.’
          si sprach: ‘entriuwen daz sol sîn.’
          di blanken arm si umb in bôt
      2300     und gap im dô ir mündel rôt.
          ein jæmerlîchez scheiden
          geschach dâ von in beiden.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Noah sucht die Frau in Hams Kammer  [2303-2366]

              Dô gie der man vil drâte
          zuo sîner kemnâte

      2305     und leit sich als ein trûric man.
          sîn vater kom zehant gegân
          und sach an den aschen nider,
          als er hât getân sider.
          er sach die trit vor im stân,
      2310     als si sîn sun hêt getân
          von sîner snuor bette hin.
          daz dûht in ein seltsænere sin,
          daz niht wan eines was gegân.
          alsô sach er die trit an.
      2315     zuo sînes suns kemnâte
          kom er gegangen drâte.
          her wider sach er dheinen trit.
          daz dûht in ein seltsæner sit.
          er gedâht in sînem muot:
      2320     ez ist mîn snur diu guot
          an ir mannes bett gegân.
          ich wil in für die tür stân,
          sô mügen si mir niht entrinnen
          mit allen iren sinnen.
      2325     dô gie er zuo der kemnât.
          er hiez im ûf tuon vil drât
          sînes suns kemnâten tür.
          dâ was ein starker rigel für.
          als der sun dô erhôrt
      2330     des vater zornigiu wort,
          wie bald er dô ûf spranc!
          den rigel er von der tür swanc.
          er sprach: ‘lieber vater mîn,
          waz sol disiu red sîn?
      2335     ist dir iht von mir geseit?
          nû sich ich selber die wârheit,
          die trit in dem aschen stân.’
          ‘dîn wîp ist zuo dir gegân.’
          ‘nein si triuwen’ sprach er,
      2340     ‘si kom nie in die kamer her,
          wan ez wær mir von herzen leit.
          ginc her [und] sich selb die wârheit.’
          dô sprach der vater: ‘kint mîn,
          dû maht vil wol schuldic sîn.
      2345     des wil ich suochen dîn wîp,
          irn vil bœsen kranken lîp.’
          dô suocht der vater drâte
          in der kemnâte,
          swâ er im kunde erdenken,
      2350     under tischen [und] under benken.
          sîn suochen was dâ gare enwiht,
          wan si was in der kamer niht.
          dô er daz wîp niht envant,
          er sprach: mir ist daz wol erkant,
      2355     daz ir bî ein ander sît gewesen.
          iu ist vil leid mîn genesen.
          ir müget iuch selber ertrenken
          und in dem wâg versenken.
          ôwê! wie wênic ir dar an
      2360     gedenket, daz got liez zergân
          all die werlt gemeine,
          daz si niht wâren reine.
          des muost dû wærlîchen und dîn trût
          lâzen hâr unde hût,
      2365     wan ich mit grôzen stecken
          wil iuwer hût recken.’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Noah zerbricht sich den Kopf  [2367-2400]

              Dâ mit kom Noê gegân
          hin für sîn snur stân,
          diu dâ was daz schœn wîp.

      2370     ‘sag mir, vil unsælic lîp,
          war umb hâst dû daz getân,
          daz dû hînaht bist gegân
          vil bald unde drât
          zuo dînes mannes kemnât
      2375     und læg dâ bî dem sun mîn?
          dâ von solt dû gewis sîn,
          daz dich dîn ruck müez smerzen
          an lîb und an herzen.
          swie schœn dir ist dîn valbez hâr,
      2380     ez muoz dir ûz dem houbet gar
          geroufet werden mit der hant.
          des sî mîn triu dîn pfant.’
          dô sprach daz wol getân wîp:
          ‘sam mir sêl unde lîp,
      2385     ich kom nie zuo dem bett sîn.
          gnâd, lieber herre mîn.’
          dô gie Noê und gedâht,
          wers von ein ander hiet brâht.
          des nam in michel wunder,
      2390     daz er si vant besunder
          und daz er doch die trit sach stên,
          von einem bett zem andern gên.
          her wider gie dhein trit.
          daz dûht in ein wunderlîch sit.
      2395     do hiet Noê der alt
          diu wunder manicvalt
          von in beiden gern vernomen,
          wie si zesamen wæren komen
          und er si doch besunder vant.
      2400     des nam in wunder zehant.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Die Begnadigung  [2401-2468]

              Eines lists er im gedâht,
          der in ze wîsheit brâht
          ir tougenlîches minnen,
          daz er sîn wart innen,

      2405     wan er gie dô zehant
          dâ er sîn hûsfroun vant.
          zuo der sprach er: ‘frouwe guot,
          ich sag iu reht waz ir tuot.
          heizet diu kint für uns gân.
      2410     ich wil mînen zorn lân.’
          dô sprach si: ‘lieber herre mîn,
          waz zornes mac iu gegen in sîn?’
          dô sagt er ir die wârheit.
          daz was der froun herzen leit,
      2415     daz si daz gebot
          zebrochen hêten gegen got.
          dâ mit gie diu frou drât
          zuo ir beider kemnât.
          si hiez si zuo ir vater gân.
      2420     daz wart vil schier dô getân.
          zuo in beiden si dô sprach,
          dô si si êrst ane sach:
          ‘sun, ginc zuo dem vater dîn.
          dû solt des gar gewis sîn,
      2425     er well gên dir den zorn lân,
          swie dû gegen got hâst getân.’
          dô si ir red vernâmen,
          wie schier si beidiu kâmen
          und racten ûf ir hende!
      2430     ir trûren daz nam ende.
          zuo ir vater si giengen.
          sîn huld si enpfiengen.
          als er si vor im sach stân,
          ‘ich wil mînen zorn lân,’
      2435     sprach Noê der alt,
          ’sô unser got walt,
          ob ir mich wellet wizzen lân,
          von wem di trit sîn getân,
          die von dem einen bett gên,
      2440     und daz ich sich dheinen stên
          her wider gegen dem bett dîn:
          daz wunder wolt ich wizzent sîn.’
          dô sprach der jung man zehant:
          ‘vater, ob dir wirt bekant
      2445     von uns diu reht wârheit,
          ist ez dir liep, sô wirt geseit,
          alsô daz wir dîn hulde
          haben umb unser schulde?’
          dô sprach der vater: ‘kint mîn,
      2450     des solt dû gar gewis sîn.
          swaz ir unbildes habt getân,
          daz wil ich allez varn lân
          ûf die red daz ir mir seit
          die rehten wârheit,
      2455     von welhen dingen ez sî getân,
          daz ich die trit sich zuo dir gân
          und sich her wider dheinen gên
          noch in dem aschen stên.
          daz sag mir, kint, besunder –
      2460     des nimt mich michel wunder –,
          und hab mîn hulde
          umb alle dîn schulde,
          dû und diu hûsfrou dîn.
          des solt dû gar gewis sîn.’
      2465     dô sprach der jung man zehant:
          ‘vater, ob dir wirt bekant,
          wie diu geschiht ist geschehen – –
          des wil ich vil gar verjehen.’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Die schuldbewußte Frau  [2469-2482]

              Dô diu schœn frou gesach

      2470     daz ir man gar verjach,
          wie ez umb sie wær ergân,
          in der scham muost si dô stân,
          wan ir liehten ougen
          weinten dô vil tougen,
      2475     und schamt sich dô sêre,
          daz nie dhein frou mêre
          in grœzerr scham wart gesehen.
          des muoz ich von der wârheit jehen.
          ir liehten wengel erblichen,
      2480     ir zeher nider slichen
          vil tougenlîch als ein wîp,
          diu zühtic ist übr al irn lîp.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Ham erzählt  [2483-2538]

              Des nam Noê dhein war.
          er sprach: ‘sun, sag mir gar,

      2485     wie ditz dinc sî geschehen.
          des solt dû mir gar verjehen.’
          dô sprach der jung man zehant:
          ‘mich verriet der vâlant,
          der tiufel, lieber vater mîn.
      2490     er sprach: ich solt vil gern sîn
          mit triun bî mînem wîbe,
          dem tugenthaften lîbe.
          er sprach: sol ein sô schœn wîp
          verderben sich umb dînen lîp?
      2495     daz geschiht alz von dir.
          dû wurdest schuldic gar an ir.
          er sprach: hab daz gedinge,
          ich wil dich schôn bringen
          über den aschen, daz nieman
      2500     die trit dar an gesehen kan.
          des morgens ich dich drâte
          füer in die kemnâte.
          alsô sprach der vâlant:
          des sê mîn triu ze pfant!
      2505     sitz mir ûf den hals mîn,
          dâ maht dû wol ân angst sîn.
          do geloubt ich im die red wol.
          der bin ich worden leides vol,
          wan ich im ûf den hals saz.
      2510     der leidic vâlant niht vergaz,
          er trüeg mich zuo dem wîb hin.
          daz dûht in ein schœn gewin.
          dâ lac ich bî dem wîb mîn.
          ich wolt des gar ân angst sîn,
      2515     er trüeg mich ân scham drât
          wider zuo mîner kemnât.
          des morgens kom er fruo gegân
          hin für daz bett stân.
          er sprach: wil dû hin wider drât
      2520     varn zuo dîner kemnât?
          vil gern! sprach ich dô zehant,
          wir wurden anders gar geschant.
          dô sprach der tiufelisch man:
          daz dû dich hâst an mich verlân,
      2525     daz kumt dir ze grôzem schaden.
          ich bin mit valscheit überladen,
          wan ich lâz mangen tœten,
          ê ich im hilf ûz nœten.
          ich hilf den liuten in nôt,
      2530     dâ von vil mangez lîdt den tôt
          an sêl und an lîbe,
          wan ich ir sünde schrîbe.
          dâ mit dien ich dem meister mîn.
          dâ von ich ze hell muoz sîn,
      2535     wan ich die liut verrâte
          beidiu fruo und spâte. –
          alsô hât er mir getân.
          genâd, vater,’ sprach der man.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Noah verbannt den Teufel aus der Arche  [2539-2564]

              Dô Noê dô erhôrt

      2540     des suns wâriu wort,
          er sprach: ‘sam mir mîn trehtîn,
          der tiufel muoz dâ vor sîn.
          er belîbt niht lenger hinne.
          er muoz mir ûz entrinnen.’
      2545     er sprach: ‘dû ungetriuwer man,
          dû muost die arc lâzen stân
          und rûme mir sie drâte,
          ê daz ez werd ze spâte.
          daz gebiut ich dir, vâlants man,
      2550     bi dem got, dem ich bin undertân,
          der die werlt liez zergên.
          dû solt niht lenger hie bestên.
          daz gebiut ich dir bî dem got,
          der die werlt ertrenkot
      2555     und [der] Adam daz pardîs liez
          und in ouch dar ûz stiez,
          und der verstiez hern Lucifer
          und all sîn mitvolgær.
          dem himel und erd ist undertân,
      2560     bî dem beswerich dich, tiufels man,
          daz dû varest dînen wec,
          wan dû bist ein bœser flec.
          dû hâst verrâten mîniu kint,
          diu von dir geschant sint.’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Eine Kröte rettet die Arche  [2565-2582]
           

      2565         Dô der tiufel gehôrt
          Noê gebennigiu wort,
          dô wolt der tieflisch man
          Noê ertrenket hân
          und sîniu kint gemeine.
      2570     doch vorht im Noê kleine.
          der tiefel was sô kluoc,
          daz er durch die arc ein luoc
          brach dâ er si gevienc,
          daz daz wazzer dar în gienc.
      2575     zehant dô er daz loch gebrach,
          ein michel wunder dô geschach,
          wan sich ein grôz krot weît
          für daz selb loch leit,
          daz dhein wazzer dar în ran,
      2580     unz daz Noê sîn wâfen gewan.
          der was dar zuo alsô kluoc,
          daz er vermacht daz selb luoc.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Die Söhne wählen den Raben  [2583-2628]

              Dô wert diu güss und der regen,
          unz in got sant sînen segen,

      2585     vierzic tag und vierzic naht,
          als im got selber hêt gedâht.
          Noê bat got den rîchen
          von herzen vlîziclîchen,
          daz er erwant sînen zorn,
      2590     sît doch diu werlt wær verlorn.
          er ract im sîn hende.
          alrêrst nam ez ende.
          dannoch was ez im unbekant,
          daz er indert funde lant
      2595     oder indert möht gesehen.
          des moht er für wâr niht verjehen.
          dar nâch er eines tages sprach,
          dô er ûf daz wazzer sach:
          ‘wie râtet ir, liebiu kint?
      2600     sît sich nû hât geleit der wint
          und der regen uns hât verlân,
          dâ von diu werlt ist zergân,
          dâ bî hân ich erfunden wol,
          daz ich vil gern wizzen sol,
      2605     daz daz wazzer gevallen ist
          ze tal in einer kurzen frist.
          wol fünfzic klâfter ze tal
          hât ez getân einen val.
          daz weiz ich sicherlîchen wol.
      2610     dâ von mîn lîp ist freuden vol.
          nû râtent, lieben kint mîn!
          ein vogel sol unser bot sîn,
          ob wir indert haben lant,
          daz uns daz von im werd bekant.’
      2615     der rât geviel den kinden wol.
          ‘nû râtet, waz ich lâzen sol,
          daz uns erkies die wârheit.’
          Noê sun der ein seit:
          ‘getriuwer lieber vater mîn,
      2620     der rab sol unser bot sîn,
          wan er hât einen snabel starc,
          dâ mit er wol gebicken mac
          ab dem boum ein grôzez zwî.
          dâ müg wir wol gesehen bî,
      2625     ob wir indert haben lant.
          daz wirt uns bî dem zwî bekant.’
          diu red begund in allen
          vil reht wol gevallen.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Der Rabe findet Aas  [2629-2646]

              Dô der vater erhôrt

      2630     ir aller red und wort,
          dô gie er al zehant
          dâ er den raben sitzen vant.
          den liez er fliegen an der stat.
          dô flouc er snell unde drât
      2635     gên einem boum den er sach stân
          ûf einem berg wol getân.
          dâ hêt diu güss ûf getragen,
          daz mac ich wol für wâr sagen,
          ein âs, des was der rab frô.
      2640     dâ flouc er zuo mit freuden dô.
          daz wazzer was dem berg entwichen.
          mit freuden kom er dar geslichen
          und saz frümclîch ûf daz âs.
          daz lac ûf einem grüenem gras.
      2645     er kom hin wider nimmêr,
          wan er des âss was vil hêr.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Noah wählt die Turteltaube  [2647-2676]

              Dô Noê wol hêt vernomen,
          daz er niht wolt wider komen,
          dô sprach er: ‘mir ist wol bekant,

      2650     daz der rab hab funden lant,
          wan ich erkenn wol sîn wîs.
          er hât funden ein spîs,
          dâ leit er an sîn sinne
          und vergizzt der rebinne.
      2655     des kumt er uns ze keiner zît.
          daz âs im michel freude gît.
          wolt ir nû, liebiu kint, mir
          mînes râtes volgen schier,
          sô rât ich an diser vrist
      2660     ein rât der uns nütz ist.’
          si sprâchen: ‘lieber vater mîn,
          swaz dû redest daz sol sîn.’
          er sprach: ‘ich rât iu allen,
          ob ez iu müg gevallen,
      2665     daz wir ein türteltiubelîn
          lâzen unsern boten sîn.
          daz gedenkt ze aller zît
          an sîn getriwez gemechît,
          wann ez fliuget an die stat
      2670     da ez sîn gemechît lâzen hât.
          daz weiz ich sicherlîchen wol,
          sîn lîp ist ganzer triuwen vol,
          wan ez hât niht gallen.
          lât iu ez wol gevallen.’
      2675     die red hêten si für vol.
          ez geviel in allen wol.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Die Taube als Beispiel  [2677-2710]

              Diu türteltûb wart dô verlân.
          dô flouc si schôn dâ si sach stân
          einen grôzen boum gemeit,

      2680     der hêt sich mit loub gekleit.
          dar ab daz türteltiubelîn
          ein zwî brach mit dem mund sîn.
          dâ mit daz tiubel flouc zehant
          dâ ez di arc sweben vant.
      2685     dar ûf sô saz ez an der stunt
          und hêt daz zwî in sînem munt.
          ez liez sich vâhen an der stat,
          als ez sîn herz dô bat.
          dô Noê daz tiubel gevie,
      2690     ûf die arc er dô gie.
          er sprach: ‘liebiu kint mîn,
          ez hât daz türteltiubelîn
          sîn triu wol behalten
          an jungen und an alten.
      2695     mir ist ouch von im bekant,
          swie verr ez fliuget in diu lant,
          daz ez hât einen frömden list:
          swenn sîn gemechît tôt ist,
          sô sitzt ez ûf dhein grüenez zwî,
      2700     wan ez fliuget al dâ bî
          ûf ein dürrez zwî zehant.
          daz ist mir von im wol bekant:
          dhein wazzer ez trinken mac,
          weder bî naht noch bî tac,
      2705     ez trüebe ez mit dem füezlîn.
          daz ist diu natûr sîn.
          daz tuot ez umb di grôz nôt,
          swann im sîn gemechît liget tôt.
          ez nimt ouch in der werlt wît
      2710     an sich dhein ander gemechît.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Die Arche stoßt auf Land  [2711-2748]

              Als er die ganzen wârheit
          sînen kinden hêt geseit,
          dô gie er vrœlîch von in dan
          hôch ûf die arc stân

      2715     und sach für sich in diu lant,
          ob im indert wurde bekant,
          daz er ertrîch sæhe.
          vil gern er des verjæhe!
          dô gesach der guot
      2720     ertrîch kûm als ein huot
          und einen boum dar ûf stân.
          des freut sich der getriuwe man.
          er gie zuo sînen kinden.
          er sprach: ‘got wil erwinden
      2725     sîns zorns den er hêt getân.
          daz ertrîch ich gesehen hân.’
          des wârn diu kint vil vrô
          und lobten got von himel dô.
          dô sprach Noê der guot:
      2730     ‘got hab in sîner huot
          uns alliu samt gelîche!
          kêrt gegen dem ertrîche
          die arc mit frîem muote!
          daz kumt uns wol ze guote.’
      2735     hei wie die segel duzzen,
          do si ûf dem wâg fluzzen!
          wan si fuorn gelîche
          gegen dem ertrîche,
          unz daz diu arc stiez an daz lant.
      2740     daz ertrîch wart in dô bekant.
          hei wie frô ir herz was!
          si giengen an daz grüen gras
          ab der grôzen arc vil drât.
          an der selben blôzen stat
      2745     sach er diu velt blecken
          und die boum sich recken
          ûz des wazzers fluote.
          dô wart im wol ze muote.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Der Regenbogen  [2749-2770]

              Dô lie er zehant

      2750     diu tier in diu lant
          âne katzen unde hunt.
          diu beliben dâ zestunt
          bî den liuten und wurden zam,
          als ich si hiut gesehen hân.
      2755     diu andern liefen alsô balt
          ieslîchz gegen dem walt.
          die vogel liez er al zehant
          fliegen wîten in diu lant,
          und dar nâch alliu kunder,
      2760     diu liez er al besunder.
          dô wart der êrst regen gesehen,
          des muoz ich von der wârheit jehen,
          und ouch der êrst regenboge[n],
          dar an sô sît ir unbetrogen.
      2765     dô bestuont diu arc zehant,
          wan si dâ hêt funden lant
          ûf zwein bergen di wârn hôch.
          daz wazzer von dem berg zôch,
          als ez der lieb got wolde
      2770     und als ez wesen solde.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Noah als Melchizedek  [2771-2780]

              Als Noê an daz lant trat,
          dô macht er an der selben stat
          einen alter hêre
          in got selbes êre.

      2775     Melchisedech wart er genant,
          wan er den êrsten alter vant.
          ûf den alter er gedâht
          daz er got ein opfer brâht,
          wan er des vil wirdic was.
      2780     er half im daz er wol genas.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Anfang des Fleischessens  [2781-2804]

              Noch wil ich iu sagen mêr
          von got selbes lêr.
          chein fleisch was sô guot,
          daz dhein menschlîcher muot

      2785     dar an stuont, daz er ez az
          und sîner krancheit vergaz,
          wan si jâhen gemeine,
          daz fleisch daz wær unreine.
          wilt zam noch dhein visch
      2790     kom für si ûf dheinen tisch
          von Adames zîten unz her.
          dar nâch gap in got die lêr
          und erloubt dô sicherlîch
          der werlt gemeineclîch
      2795     daz fleisch nutzen ze aller stunt.
          daz tet Noê der werlt kunt.
          dô si daz fleisch âzen,
          ir leides si vergâzen,
          wan si enpfunden der spîse.
      2800     ‘wir wâren vil unwîse’
          begundens alliu samt jehen.
          ‘dâ von ist uns tumplîch geschehen,
          daz wir daz fleisch und die visch
          niht truogen ê ze tisch.’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Noahs Bock entdeckt die Weinrebe  [2805-2818]
           

      2805         Dar nâch Noê zehant
          wînreben in den welden vant.
          mit im sô lief ein boc kluoc.
          der az der wînber vil genuoc,
          daz er vil trunken wart,
      2810     daz im der wîn ran über den bart.
          daz was zwâr der êrst boc,
          der den wîn vant bî dem stoc.
          daz was ein michel wunder,
          daz er den wîn besunder
      2815     vant der sô nütz ist.
          zwâr daz was ein frömder list
          und ein grôz kündicheit.
          daz sî iu allen vor geseit.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Noahs Trunkenheit  [2819-2844]

              Daz dûht Noê vil guot.

      2820     [er sprach:] ‘got hab uns in sîner huot.’
          diu wînkar er im geben bat
          und macht most an der stat.
          dar nâch stuont ez unlanc,
          daz er selb den most tranc.
      2825     er was dheinen wîs sô kluoc,
          er dûht in wunderlîch genuoc.
          im begund diu zung hinken,
          so er in begund trinken.
          des muost er vallen an den nac,
      2830     wan er dô unversunnen lac
          von dem most den er tranc.
          diu müed vast mit im ranc.
          er lac ouch unversunnen.
          daz geschach bî einem brunnen.
      2835     er hêt sich ouch gerecket,
          daz im der lîp blecket.
          ze den zîten was ouch der sit
          daz man die röck machet mit
          offenen gêren,
      2840     dâ von sîn gêr muost kêren
          von sînem lîb, daz er blaht,
          wan in dannoch nieman daht.
          dâ von sô muost er blecken.
          er kund sich niht gedecken.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Hams Sünde  [2845-2916]
           

      2845         Er hêt ouch drî sün zwâr,
          di wârn im liep ân mâzen gar.
          der ein was Sem genant,
          des tugent zieret wol ein lant.
          der ander hiez Japhêt zwâr,
      2850     der was an tugent gezieret gar.
          des dritten sunes nam
          was genant Cham,
          und was der tümbist under in.
          des hêt er dâ niht rehten sin.
      2855     der selb sînen vater sach.
          wider sîn bruoder er dô sprach
          dô er den vater sach blecken
          und an der sunn sich recken
          dô sprach er: ‘lieber bruoder mîn,
      2860     schou wie wir geschant sîn
          an unserm vater der hie lît,
          dem sîn gewant ist gevallen wît,
          daz sîn scham alliu bleckt,
          wan nieman in hie deckt.’
      2865     des antwurt Sem vil sleht:
          ‘dû tuost im michel unreht,
          daz dû sîn spotest an diser stunt,
          verfluocht müez dir sîn dîn munt,
          wan dû dick hâst vernomen,
      2870     daz wir sîn von im bekomen.
          da gedenkest dû vil lützel an.
          dû bist ein engstlîcher man.
          sîner triun sol er geniezen.
          ich lâz mich niht verdriezen,
      2875     ich deck den lieben vater mîn,
          oder got sol mir niht helfent sîn.
          ich gedenk an die wirdicheit,
          diu mînem vater was bereit
          in gar grôzen nœten,
      2880     dô got die werlt liez tœten
          mit dem wazzer an der stat.
          mîn vater uns behüetet hât
          von den grimmigen nœten,
          daz er uns niht liez tœten,
      2885     dô diu werlt gar zergie.
          mit armen er uns umbevie
          und wîst uns in die arc drât:
          als er uns behüetet hât.
          dâ muoz ich nû gedenken an
      2890     di wîl und ich daz leben hân.
          ich sag dir wærlîch, bruoder mîn,
          dû solt des gar gewis sîn,
          den spot den dû hâst getân,
          der muoz dir ze schaden gân.
      2895     daz weiz ich sicherlîchen wol,
          sît daz dîn lîp ist nîdes vol.’
          der dritt bruoder kom gegân
          hin für sînen vater stân.
          Japhêt sô was er genant,
      2900     sîn tugent ziert wol alliu lant.
          dô er den vater ligen sach,
          wider sîn bruoder er dô sprach:
          ‘Sem, lieber bruoder mîn,
          mîn vater mac wol kranc sîn.
      2905     waz ist im hie geschehen?
          er ist vil müed, des muoz ich jehen.’
          des antwurt im Japhêt zehant:
          ‘mîn bruoder Cham hat sich geschant
          an mînem vater der hie lît.
      2910     dâ von sol er dhein zît
          erwerben êr, sæld und guot.
          mîn vater lît in mîner huot.
          und wizz daz Cham gesündet hât,
          wan er spötlich ob mînem vater stât’
      2915     sprach der dritt sun Japhêt,
          ‘wan all mîn freud an im stêt.’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Hams Reue und Noahs Zorn  [2917-2958]

              Er begund in decken zehant.
          er sprach: ‘mir ist daz wol bekant,
          daz diser lîp ist êren vol,

      2920     dâ von mir gevellet wol,
          daz dû, lieber bruoder mîn,
          sitzest an di sîten sîn,
          wan wir sîn von reht pflegen.
          ich wil mich anderthalben legen
      2925     und wil sîn pflegen alsô wol,
          als ich von reht sol,
          und wil sîn hüoten ûf den tac,
          daz ich von schulden sprechen mac,
          er sî von sîner krancheit
      2930     komen wol mit sicherheit.’
          dô sprach Sem der guot:
          des ist mir ouch ze muot.’
          der dritt bruoder Cham
          di red von in vernam.
      2935     zehant er von in kêrte,
          als in sîn herz lêrte,
          ûf ein heid diu was breit.
          dô wart im ân mâzen leit.
          er sprach: ‘ôwê mir armen man,
      2940     daz ich sô sêr gesündet hân
          an dem getriuwen vater mîn!
          des muoz mîn herz trûric sîn.’
          vil schier dô bekom der guot man,
          wan er sich ûf rihten began.
      2945     er hêt die red gehœret wol.
          des was sîn lîp leides vol.
          er sach vil vast umb sich zehant.
          dô er sîn getriuwe vant,
          wan er si vor im stên sach,
      2950     ein wort er zorniclîchen sprach:
          ‘wâ ist der unsælig Cham?
          der muoz hiut lîden scham
          und vil grôzen smerzen
          an lîb und an herzen.
      2955     er spottet mîn dô ich gelac.
          des siht er hiut leiden tac.
          den fluoch müez er von mir hân.
          er hât vil übel an mir getân.’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Noahs Fluch und Segen  [2959-3036]

              Cham gedâht in sînem muot:

      2960     unde hilft mir got der guot,
          ich wil zuo mînem vater gân,
          des wil ich wærlîch niht enlân –
          und gienc ouch zehant dar.
          des nam sîn vater vil wol war.
      2965     dô er den sun ane sach,
          wider in er zorniclîchen sprach:
          ‘hâst dû getân di widerkêr?
          all sæld und all êr
          diu sî dir all widerseit.
      2970     got sî daz von mir gekleit,
          daz ich dich ie ze kind gewan.
          der fluoch der sî dir getân:
          swaz kind von dir künftic sîn,
          daz si den bruodern dîn
      2975     müezen werden undertân
          und ir genist von in hân.
          dîniu kint sîn ir kindes kneht.
          dû solt ouch haben dhein reht
          zuo allen dingen diu ich hân –
      2980     dînen bruodern ich der êren gan –,
          wan dû hâst mîn gespott sêr.
          von dir fliech sæld und êr.
          dîn bruoder mîn erb besitzen
          mit sinnen und mit witzen.
      2985     mit flüechen müezt dû sîn vertân,
          wan ich den spot gehœret hân
          von dir in mîner krancheit.
          des müez dir geschehen leit.
          des helf mir der rîch got!
      2990     der fluoch sî dîn umb disen spot.’
          zuo disen sunen er dô sprach:
          ‘ir sült dhein ungemach
          lîden noch niht smerzen
          an lib noch an herzen.
      2995     Sem, lieber sun mîn,
          dû solt hiut und immer sîn
          gewaltic und immer frî.
          all sæld won dir bî,
          und swaz künftic von dir sî,
      3000     daz müez immer wesen vrî.
          mîn triu wil ich dir zeigen.
          dû wirst nimmer eigen.
          dar zuo hab dir die sæld mîn,
          daz got dîn pflegær müez sîn,
      3005     und allez daz ich indert hân,
          daz müez dir wesen undertân.’
          wider den dritten sun er sprach,
          dô er in vor im stên sach:
          ‘Japhêt, lieber sun mîn,
      3010     mit freuden müezt dû immer sîn –
          daz hâst dû verdienet wol,
          diu lîp ist ganzer triuwen vol –
          von hinnen biz an den lesten tac.
          mit êrn ich daz wol sprechen mac’
      3015     er sprach: ‘dû solt mit êren leben’,
          wan ich wil êr vil an dich legen
          und wil dir segen daz swert,
          wan dû bist aller êren wert.’
          dô er den segen dô enpfie,
      3020     dem vater er vor mit êren gie.
          er sprach zuo im vil schône:
          ‘sun, sô dir got lône,
          sît diu êr an dir lît,
          sô solt dû dînes bruoder wîp,
      3025     dînes bruoder kleiniu kindelîn
          mit triuwen lân enpfolhen sîn.
          mit triuwen solt dû in gestên,
          sô kan iu nimmer missegên.
          dâ von gewint ir êren vil.
      3030     dar umb ich got biten wil.
          daz habt ir beid verdienet wol,
          wan iuwer lîp ist triuwen vol.’
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Japhet  [3033-3036]

              Japhêt was der êrst man,
          der ritters namen ie gewan.

      3035     sîn vater segent im daz swert,
          wan er was aller êren wert.
                                                                                 [nach oben]
           
           

          Noahs Weingarten  [3037-3042]

              Noê, der werlt biderman,
          den êrsten wingarten gewan
          unde pflanzt die stöck dar in.

      3040     daz was niht ein kranker sin.
          dar nâch daz alter im gebôt,
          daz er vor krancheit leit den tôt.
                                                                                 [nach oben]

     


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