JANS DER ENIKEL, Weltchronik.
    Seite 17: Daniel

    Nach der Ausgabe von Philipp Strauch.
    Digitalisiert von Angus Graham.
    Seite erstellt von Graeme Dunphy.

    Seite  enthält die Abschnitte:

       
         
           
          [17059-17098]
          [17098-17130]
          [17131-17192]
          [17193-17210]
          [17211-17226]
          [17227-17242]
          [17243-17274]
          [17275-17310]
          [17311-17346]
          [17347-17390]
          [17391-17420]
          [17421-17454]
          [17455-17470]
          [17471-17506]
          [17507-17528]
          [17529-17568]
          [17569-17612]
          [17613-17646]
          [17647-17674]
          [17675-17686]
          [17687-17720]
          [17721-17742]
          [17743-17786]
          [17787-17808]
          [17809-17844]
          [17845-17864]
          [17865-17898]
          [17899-17918]
          [17919-17940]
          [17941-17972]
          [17973-17996]
          [17997-18040]
          [18041-18064]
           
           
           
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          [17059-17098]

          Ein jud ouch gesezzen was,
          als ich an dem buoch las,
          der was geheizen Daniel,
          der was zuo guoten dingen snel.
          der wart dâ gevangen schier,
          mit im drî juden und niht vier;
          der ein jud hiez Sydrach,
          Abdenago und Mysach.
          dô diu selben judenkint
          erhôrten, daz der heiden blint
          si wolt gemein tœten
          mit angsten und mit nœten,
          si bâten an der selben stat
          den der si gevangen hât,
          daz er in seit die mære,
          umb wiu ir vancnüs wære.
          dô seit er in die wârheit,
          als im der künic hêt geseit.
          di mær er kund wol verstân.
          er sprach: ‘in zühten lât mich gân
          für den künic Nabuchodonosôr.
          swie gar ich sî ein kint, ein tôr,
          ich wil im sagen wie er ergêt,
          wie er im engegen stêt.’
          zehant Daniel was niht swær.
          in wîset der schaffær
          für den künic dâ er saz;
          Daniel sîner züht niht vergaz.
          der schaffer sprach: ‘herr mîn,
          mac ez in dînen hulden sîn,
          sô hœr disen guoten kneht,
          der wil dir bediuten reht
          den troum ân alle missetât.’
          Daniel sprach: ‘ich hân sîn rât,
          alsô ob ich, künic, schier
          hân drî tag oder vier.’
          der künic sprach: ‘di wil ich dir lân;
          dû solt bald von mir gân.
          tuost dû ez niht in disen tagen,
          ich heiz dîn houbt von dir slahen.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17098-17130]

          Dâ mit er von dem künig gie.
          dhein wîl er dô niht lie,
          er bat got den rîchen
          vil andæhticlîchen.
          er sprach: ‘vil reiner, süezer got,
          lâ dînen willen, dîn gebot
          erschînen an mir armen man
          und lâz dîn genâd für sich gân.
          erzeig dem heiden dînen gewalt,
          der dâ ist grôz und manicvalt.
          erzeig dîn tugent gemeine,
          alsô daz dû aleine
          gewalt hâst êwiclîche
          über himel und ertrîche.
          wider dînen gewalt nieman mac,
          dîn gewalt wert naht und tac.’
          dar nâch er alsô trahte,
          got im daz bild machte,
          daz Nabuchodonosor sach stân
          und in dem troum für in gân;
          daz stuont vor im bescheidenlîch,
          als ez sach der künic rîch.
          dar nâch ez begunde tagen,
          dem schaffær er wolt sagen –
          er sprach: ‘füer mich sicherlîch
          hin für den künic rîch.
          brinc mich zuo im drâte
          hin für sîn kemnâte.
          ich wil im schôn ân allen list
          den troum der im getroumt ist
          erloesen sicherlîche,
          dem edeln künig rîche.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17131-17192]

          Zehant man in dô für in brâht.
          der künic sprach: ‘wes hêst dû gedâht?’
          er sprach: ‘ich wil dir drâte
          von diser kemnâte
          erlœsen disen starken troum,
          dâ von dû treist den swæren soum.
          wil dû, herr, daz tuon ich.’
          der künic sprach: ‘Daniel, nû sprich!’
          er sprach: ‘dû sæhe vor dir stân
          einen wunderlîchen man.
          daz houbt was im guldîn,
          arm und bûch silbrîn,
          von dem diech zem knie êrîn,
          von dem knie ze tal îsnîn:
          er was geworht von sölhem werc;
          ûf dem ruck lac im ein berc.’
          der künic sprach: ‘die wârheit
          hâst dû mir vil reht geseit.
          nû sag mir, jud junge,
          des troumes meinunge.’
          ‘daz wil ich dir sagen,
          der wârheit niht verdagen:
          daz houbt allez guldîn,
          daz sît ir selb, herr mîn,
          und habt di werlt under iuch gezogen;
          dâ von sît ir unbetrogen.
          nieman sô vil gewaltes hât,
          iur gewalt verr über in gât.
          sô ist der bûch, der arm wîz,
          geworht mit silber wol mit flîz:
          daz ist ein bediutunge,
          daz ein künic junge
          wirt nâch dir herr gênant
          und sô gewaltic niht bekant
          als dû bist, lieber herr mîn.
          dû solt des vil gewis sîn,
          daz von dem bûch unz an diu knie
          niwer êrîn vor dir gie:
          daz bediutt daz nâch im ein man
          dheinen gewalt haben kan
          zwâr in disem lande;
          er muoz hie sîn mit schande.
          daz vierd ich iu bediuten muoz:
          von dem knie unz an den fuoz
          was daz bild îsnîn gar.
          di bediutung sag ich iu für wâr:
          daz bediutt daz dann kumt ein man,
          der grôzen gewalt haben kan
          und daz im in der werlt wît
          nieman mac gewinnen nît;
          im muoz gar sunder wân
          diu werlt werden undertân.
          so bediutt der berc den er truoc’ –
          diu bediutung wart starc genuoc –,
          ‘daz bediutet, daz [im] sunder wân
          diu werlt muoz an im ein stân.
          er twingt sie vil lîse
          unz an daz paradîse;
          daz ist der berc der ûf im lît,
          die wîl er lebt, ze aller zît;
          er wirt im gar swær.
          sîn nam heizt Alexander.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17193-17210]

          Dô der künic vernam ze stet
          die sag, die er hêt geret,
          dô sprach er: ‘Daniel, nû sprich,
          sol ich mich des lâzen an dich,
          daz nâch mir kom ein swær,
          der künic Alexander,
          und sol der gewaltes haben mêr
          wan ich künic hêr?
          daz ist mir ân mâzen zorn.
          wirt er von künigs art geborn?
          daz solt dû, friunt, lân wizzen mich;
          sî im alsô, Daniel, sô sprich.’
          Daniel sprach: ‘waz sol ich mêr
          sagen? er wirt ein künic hêr
          und wirt gewaltic sicherlîch
          zwâr über alliu künicrîch.
          als ich iu nû gesaget hân,
          reht alsô muoz ez ergân.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17211-17226]

          Dô wart trûric des küniges muot.
          ‘ich muoz ein abgot alsô guot
          mit guot, mit liuten êren
          daz ez müg gar verkêren
          des selben küniges gewalt.
          ich wil gezier manicvalt
          an ez legen ze aller zît.
          ein siul lanc unde wît
          wil ich im heizen machen
          von seltsænen sachen.
          diu sol von gold werden
          von oben zuo der erden
          fünfzic dûmellen hôch;
          mîn muot, mîn herz dar nâch zôch,
          daz si werd ze der selben zît
          sehs dûmellen wît.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17227-17242]

          Zehant hiez der künic gâhen,
          die stat der siulen vâhen,
          unde hiez îlen drât.
          zwâr an der siulen stat
          wart golt gefüeret und getragen.
          vil mangem meister muost man sagen,
          die alle goltsmid wâren.
          bî den selben jâren
          wart diu siul schôn bereit,
          vil schôn, als man uns hât geseit.
          ez muost ouch dâ ein ieslîch man
          an die selben stat gân
          mit golde, als er maht gedingen,
          und muost daz dar bringen,
          dâ man di siul bereiten wolt
          an di stat dâ si stên solt.
                                                                         [nach oben]
           

          [17243-17274]

          Dô si schôn bereitet wart,
          dem künig wart si zart.
          si wart fünfzic ellen hôch.
          daz volc zuo der siulen zôch,
          wan in der künic dô gebôt,
          daz si von gold di siul rôt
          an betten ze aller zît.
          des wart under in ein strît
          von grôzem gedrange.
          swer dô niht mit gesange
          die siul wolt êren,
          des leit muost sich dâ mêren:
          swer der siulen niht êren tet,
          den hiez man tœten ze stet.
          er hiez manic spil bringen dar,
          orgel, rotten, daz ist wâr,
          herpfen unde gîgen vil,
          vetach, manger hand spil.
          er hiez dô slahen sumber.
          was ieman dâ sô tumber,
          der zuo der siulen niht enkam,
          als er diu seitenspil vernam,
          den hiez er tœten zehant.
          er jach: ‘ir sült den heilant
          an biten’ – der dâ stuont von golt –
          ‘und an rüefen’ – als er solt –.
          swer in swacher wæt
          kom und hêt sich niht genæt
          an sînem brîs den ermel zuo,
          des spottet man spât und fruo.
          man hiez in ûf einer rinderhût
          werfen ûf, daz er schrê lût.
                                                                         [nach oben]
           

          [17275-17310]

          Dô daz volc daz vernam,
          ein michel her ir dar quam
          und betten an die siul rîch,
          diu dâ stuont sô wunniclîch.
          swer des niht tet, den macht er blint.
          dâ wârn ouch driu judenkint;
          daz ein kint hiez Sydrach,
          diu zwei Abdenago und Mysach,
          diu wolden zuo der siul niht gân,
          wan in der werde, frum man
          hêt verboten her Daniel,
          daz si zuo der siul iht wæren snel.
          er sprach, ez wær ein abgot
          unde zwâr des tiufels spot.
          dô des der künic wart gewar,
          dô sant er bald nâch in dar.
          er wolt niht lenger beiten,
          einen ofen hiez er eiten
          und hiez des bald gâhen,
          diu kindel alliu [driu] vâhen,
          und hiez si werfen dar in,
          daz dûht in ein guot sin.
          der ofen was heiz genuoc,
          diu flamme verr dar ûz sluoc;
          vor hitz was er in der gebær,
          sam er guldîn wær.
          vil jæmerlîch diu kint sâhen,
          dô si der ofen muost enpfâhen.
          swie heiz er innen wære,
          doch heten diu kint niht swære
          in dem grimmigen fiur.
          der guot unde der gehiur
          sant einen engel mit in dar,
          der fuor in der kinde schar
          und liez in dâ gewerren niht,
          wan got hêt mit in dâ pfliht.
                                                                         [nach oben]
           

          [17311-17346]

          Diu flamm hêt einen sweif.
          swen si vor dem ofen begreif
          under den heidenischen man,
          der muost sîn leben dô lân,
          wan ir kraft was dâ sô starc –
          und hiet ein man tûsent marc
          gehabt, er hiet si ân wân
          gegeben, daz er wær von dan.
          diu flamm sluoc über den ofen zwâr
          vierzehen dûmellen gar
          und dar zuo niun ân allen wân,
          also vant ich ez geschriben stân.
          da von wurden all die verbrant,
          di diu flamm vor dem ofen vant.
          den kindelîn geschach niht leit,
          als uns diu geschrift von in seit.
          si sâzen dar in lîse
          als in dem paradîse.
          da von sungen si ze lône
          dem obristen trône
          und got, der si beschaffen het,
          in dem ofen an der stet:
          ‘heilic und heilic bist dû wol,
          aller genâden bist dû vol.
          dâ von muost dû gelobt sîn
          in dem himelrîch dîn
          unde ûf dem ertrîch.
          dîner genâden ist niht gelîch.
          dîn engel lobent dich stæte
          in ir wîzen wæte
          und dîn heiligen wærlîch
          lobent dich immer êwiclîch.
          dîn güet ist himel und erd bekant,
          und swaz dar inne ist genant,
          daz lobt dich êwiclîch
          in himel und ûf ertrîch.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17347-17390]

          Dar nach sprach Nabuchodonosor,
          dô er sach der flammen tor
          und den umbesweif genant –
          zwên boten er dô sant.
          er sprach: ‘besehet, friunt mîn,
          ob diu kint noch lebentic sîn,
          ob si den tôt haben genomen!’
          under des wârn drî heiden komen,
          die sprâchen: ‘wir haben genomen war,
          den kinden wirt niht umb ein hâr.
          si sint gesunt unde ganz,
          in dem ofen habent si einen tanz,
          wan in ist niht wan freude bî.
          ich enweiz, wer der vierd sî:
          den sach ich bî in sitzen schôn
          in dem ofen ûf einem trôn.
          si sungen alle gelîche
          ein lop wunniclîche.’
          dô im daz mær wart bekant,
          wie schier er für den ofen rant
          und sach selp die wârheit!
          er sprach: ‘mir ist von herzen leit,
          daz ez mir ist alsô ergân,
          ich hân unbild an in getân.’
          zehant dô hiez er springen,
          im Danielen bringen.
          dô er Danieln dô an sach,
          mit zühten er wider in sprach:
          ‘Daniel, lieber friunt mîn,
          sag mir, waz mac ditz sîn,
          daz diu kint sint genesen?’
          er sprach: ‘got ist bî in gewesen.
          der hât si dar zuo geêret
          und in ir leben gemêret.’
          der künic sprach: ‘sag mir mêr,
          sô volg ich dîner lêr,
          wer der vierd müg gesîn,
          der dâ sitzt in des fiures schîn,
          da si iren sanc singent
          und mit freuden springent?’
          er sprach: ‘daz ist ein engel hêr,
          der hüett der kinde sêr,
          daz in iht leides werd bekant,
          daz hât geschaft der heilant.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17391-17420]

          Der künic sprach an der stat:
          ‘dîn got vil gewaltes hât
          und ist daz wunder von im geschehen;
          daz mac ich an dem ofen sehen.
          daz red ich gar ân allen spot,
          er ist gewaltiger dann mîn abgot;
          der möht ez nimmer hân getân.’
          do sprach Daniel der frum man:
          ‘dîn abgot hât niht sinne,
          dâ ist der tiufel inne.
          wil dû mir, künic, erlouben,
          ich wil dir ez berouben,
          daz ez di siul rûmen muoz
          und nimmer mêr sînen fuoz
          setz zuo der siul wider;
          ez muoz zwâr vallen nider.’
          der künic sprach an der stat:
          ‘sît dîn got sô vil gewaltes hât,
          sô wil ich die wârheit sehen,
          ob ich dir des müg verjehen,
          ob dû die siul guldîn
          brechest mit den kreften dîn.’
          diu kinder hiez er ûf stên
          und ûz dem ofen für in gên.
          dô giengen si an der stat
          mit im gegen der siul drât,
          dâ der tiufel inne was
          und den liuten ûz der siul las
          mit sînem mund vil frî
          die lûter ketzerî.
                                                                         [nach oben]
           

          [17421-17454]

          Do der künic zuo der siul quam,
          di grôzen sumber er vernam
          gellen berc unde tal,
          wan von den sumbern was ein schal,
          daz man sölhes nie vernam.
          ein michel her zuo der siul quam.
          dô sprach der künic an der stat:
          ‘hœrt mîn red, daz ist mîn rât.
          Daniel der guot,
          der getriu, der wol gemuot,
          der wil mit red, mit sprechen
          mîn abgot mir zerbrechen,
          daz ich mit kost gemachet hân;
          ich wæn, des müg hie niht ergân
          und ist mir ân mâzen swær.’
          si sprâchen, ez wær ein trugnær,
          die heiden all gemeine
          grôz unde kleine.
          dâ mit der künic sant
          nâch Danieln zehant,
          daz er zuo der siul quæm
          und des küniges red vernæm.
          zehant Daniel kom gegân
          hin für die siul stân.
          der künic sprach: ‘Daniel, nû sprich,
          wes hâst dû vermezzen dich?
          daz lâ dâ daz volc vernemen,
          daz mac dînen êrn wol zemen.’
          zehant Daniel zuo dem künig sprach:
          ‘ich gich des ich ê jach:
          die siul wil ich zerbrechen.
          wil ieman dâ wider sprechen,
          ez sî im liep oder leit,
          ich lâz in sehen die wârheit.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17455-17470]

          Dô der künic daz vernam,
          sîn zorn was freissam.
          dem volk er allen gebôt,
          daz ez kæm zuo der siul drât.
          die pusûn bliez man zehant,
          di grôzen sumber die man vant,
          die sluoc man dâ wider strît,
          daz man ê noch sît
          sölches schalles nie vernam.
          daz volc alz zuo der siul quam:
          dô si erhôrten die sumber,
          dô was nieman sô tumber,
          weder arm noch rîche,
          er kæm dar sicherlîche,
          wan si vorhten des küniges zorn;
          der dar niht kom, der wart verlorn.
                                                                         [nach oben]
           

          [17471-17506]

          Dô des volkes vil und genuoc
          ir muot zuo der siul truoc,
          wan si des küniges zorn betwanc,
          daz si kômen zuo der siulen lanc,
          der künic begund in verjehen,
          war umb der schal was geschehen.
          er sprach: ‘vernemt mîn wort gelîch,
          beidiu arm unde rîch.
          ez hât gemacht Daniel:
          er giht, sîn got sî alsô snel,
          der müg getuon unde lân –
          swann er well, sô müez zergân
          diu werlt elliu gemeine,
          des geloub ich im kleine.
          er giht, er hab grôzen gewalt,
          sîn gewalt sî manicvalt,
          und swaz wir haben abgot,
          dar über gê sîn gebot,
          so gewaltic sî der got sîn.
          er giht, er well daz abgot mîn
          allez samt zerbrechen.
          dâ wider wil ich sprechen,
          mîn abgot müg niht zergân.
          dar umb ich gesant hân
          nâch iu gemeiniclîch,
          daz ir sehet sicherlîch,
          ob er ditz abgot
          zerbrech mit sînes gotes gebot,
          wan sîn gewalt mac niht ergân:
          er muoz zwâr gelogen hân.
          er giht, er well erzeigen hie,
          nû wil ich gern sehen wie
          er unserm abgot an gesig.
          er giht, daz ich siglôs gelig
          von sînes gotes kraft;
          nû wil ich sehen sîn meisterschaft.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17507-17528]

          Zehant Daniel sprach:
          ‘sîn kraft ist starc;’ er jach:
          ‘der dâ himel und erden
          von nihtiu liez werden,
          dem selben got getrou ich wol,
          daz er mich niht verlâzen sol.
          welt ir ez lâzen âne zorn,
          iur abgot muoz sîn verlorn,
          wan ich wil ez zerbrechen
          und welt ir ez niht rechen.’
          zehant der künic aber sprach,
          dem wîssagen er verjach:
          ‘ich wil ez lâzen âne zorn
          und ist dîn got sô wol geborn,
          daz er mîn abgot brechen sol,
          daz wil ich von im hân für vol,
          wan ez nimmer mac geschehen;
          dâ von muoz ich sîn kraft sehen.
          dir geschiht dar umb niht leit,
          des setz ich dir mîn wârheit.
          daz selb geloub ouch gemein
          daz volc grôz unde klein.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17529-17568]

          Daz geloubt im dô her Daniel.
          er huop sich zuo der siul snel.
          er sprach: ‘von himel rîcher got,
          hilf mir, daz ich daz abgot
          mit dîner kraft zerbreche.
          swer dâ wider spreche,
          dem erzeig dîn meisterschaft,
          daz nieman ist sô tugenthaft:
          dîn gewalt vor in allen gât
          an einer ieslîchen stat.
          ez stêt, herr, von dir geschriben,
          daz dîn vînt müezen ligen
          vor dînen füezen ze aller stunt,
          daz ist mir, herr, von dir kunt.
          dâ von erzeig, herr, dînn gewalt
          disen heiden manicvalt,
          daz nieman ist sô reine
          sô dû, herr, aleine.’
          er sprach: ‘ich beswer dich, abgot,
          bî allem dem daz got ie gebôt,
          wan vor im niht verborgen ist:
          nû zerbrist in kurzer frist,
          dû und dîn bethûs guot,
          und lâ den künic sînen muot
          sehen, wie er sî gestalt.
          zeig des reinen gotes gewalt,
          alsô daz der heiden schar
          sech, daz mîn red sî wâr.
          erzeig, daz gotes gewalt
          ist grôz und manicvalt,
          daz dû sîst got und nieman mêr
          und daz von dir diu reht lêr
          kom in ir herz und gedanc.’
          zehant seic diu siul lanc,
          diu dâ von gold was bereit.
          daz was den heiden leit,
          des abgotes stœrung.
          die alten unde niht die jung
          begunden gên dem künig jehen,
          in wær trugenlîch geschehen.
                                                                         [nach oben]
           

          [17569-17612]

          Dô macht got ein slihte:
          ze ir aller gesihte
          fuor der tiufel sînen wec
          als ein ungenæmer, stinkender flec.
          dô daz die heiden ersâhen,
          do begundens zuo im gâhen.
          si seiten all: ‘unsælic man,
          waz wunders hâst dû getân,
          daz zerbrochen ist unser abgot?
          dar umb muost dû ligen tôt.’
          ‘künic, dû solt in vâhen
          und solt des balde gâhen’
          sprach ein alter heiden;
          ‘von sînem leben scheiden
          sol man in an diser stunt.
          uns ist ein hol nâhen kunt,
          daz ist lewen alsô vol,
          dar în man in werfen sol,
          daz in die lewen vrezzen
          und sîn fleisch ab im ezzen.’
          der rât begund in allen
          vil reht wol gevallen.
          diu red was dem künig leit,
          ‘ich gap im mîn sicherheit,
          daz im iht leides solt geschehen,
          des müezt ir mir alle jehen.’
          der alt heiden aber sprach:
          ‘er muoz lîden ungemach.
          swie des an im niht geschiht,
          sô solt dû unser künic niht
          wesen einen ganzen tac.’
          diu red dem künig was ein slac,
          wan er vorht der heiden drô.
          zuo Danieln sant er dô,
          und hiez des balde gâhen,
          Danieln dâ vâhen.
          er hiez in werfen in daz hol,
          daz dâ was lewen vol.
          dô in die lewen sâhen,
          do begundens von im gâhen,
          als ez got selber wolde
          und als ez wesen solde.
          si muosten im wesen undertân,
          wan er was ein heilic man.
                                                                         [nach oben]
           

          [17613-17646]

          Dô lac er nâch des buoches sag
          völliclîchen drî tag,
          daz er weder az noch tranc;
          dâ von dûht in diu wîl lanc.
          doch sült ir mir die wârheit
          gelouben, im was vil leit,
          wan er vorht der lewen zorn,
          er wânt, sîn lîp wær verlorn.
          dô sant got von himelrîch
          zuo Danieln sicherlîch
          einen engel, der was kluoc,
          daz er im spîs gap genuoc.
          der engel einen man dâ vant,
          der truoc spîs in der hant,
          einen haven vol fleisch und krût,
          den solden ezzen in die hût
          des guoten mannes snitær;
          aller bôsheit was er lær.
          die spîs wolt er in bringen dar,
          des nam der engel vil wol war.
          er truoc ouch über die ahsel sîn
          brôt, kæs unde wîn.
          den engel er dô erblicte,
          vor vorhten er erschricte.
          der engel in bî dem schopf vie.
          mit im er vlouc unde gie,
          wan er fuort in bî dem hâr
          vil reht lis und gewar,
          und sazt in in daz hol hin.
          daz dûht Danieln ein gewin,
          wan er hêt zwâr
          drî tag und drî naht gar
          gevastet, daz er niht enbeiz.
          des bout er einen bœsen kreiz.
                                                                         [nach oben]
           

          [17647-17674]

          Der engel sazt den guoten man,
          den er gefüert hêt dan
          für Danieln den wîssagen.
          ich wil ouch niht verdagen,
          Daniel wart herzenvrô,
          dô für in quam der hafen sô,
          der dâ voller fleisch was;
          vor hunger er kûm gênas.
          daz brôt er in die hant nam,
          daz fleisch er az, als im gezam.
          dô wundert den guoten man,
          daz er gefüert was dan
          bî sînem schopf vil gewar
          und bî sînem swarzen hâr.
          den juden nenn ich iu genuoc:
          er was geheizen Abacûc.
          der selb sprach: ‘vil reiner got,
          west ich, ob ez von dînem gebot
          wær, daz ich bin her komen,
          daz hiet ich williclîch vernomen.
          ich bin sanft gefüeret dan
          in ditz hol sam ein man,
          der niht enwest war er solt,
          und hiet ich tûsent marc golt,
          dar umb gæb ich si iesâ,
          daz ich wær in Judâ’ –
          wan er was gefüeret zwâr
          völliclîch hundert mîl gar.
                                                                         [nach oben]
           

          [17675-17686]

          Nû lâz wir die red stân
          und grîfen Danielen an.
          der az daz fleisch und daz krût,
          swaz sîn moht komen in die hût.
          dô daz der engel ersach,
          wider sich selben er dô sprach:
          ‘her Daniel hât genuoc.
          nû wil ich füeren Abacûc
          von Babiloni unz Judâ,
          unde wil in lâzen dâ.’
          von dem engel daz geschach,
          als er wider sich selb jach.
                                                                         [nach oben]
           

          [17687-17720]

          Dar nâch der künic hôchzît wolt hân,
          daz wart wîten kunt getân.
          er hiez den spilliuten sagen,
          er wolt niu kleider tragen
          und wolt diu alten hin geben.
          si begunden all dar streben
          di der alten kleider wolden gern
          di begund man all gewern.
          dar zuo hiez er den herren sagen,
          swer niu kleider wolt tragen,
          der solt sîn geselle sîn;
          dem tet er all triu schîn.
          dô kom ir dar ein michel teil,
          daz was der spilliut heil.
          dâ fuoren si in der freuden schar,
          wan in wart dâ gegeben gar,
          wan der herren was dâ vil.
          si hêten freud unde spil
          dem künig dâ ze êren.
          sîn lop si wolden mêren.
          dâ wart ein grôz wirtschaft,
          spîs und wîn was diu kraft,
          daz sîn der arm gelîch
          hêt envollen sam der rîch.
          in dem palast si dâ sâzen.
          mit freuden si dâ âzen
          und mit grôzem schalle
          gemeinclîch alle.
          der künic hêt ein gesedel,
          daz was rîch unde edel,
          mit baldekîn gezieret wol,
          als man eim rîchen künig sol.
          dar ûf sâzens wunniclîch;
          er was der hôchzît freudenrîch.
                                                                         [nach oben]
           

          [17721-17742]

          Dar nâch wart dem volk bekant,
          ez sach, daz ein schœniu hant
          in dem palast ob dem künig was.
          diu selb hant schreip, daz man las
          drî namen hart wunniclîch –
          di schreip si dâ vil sicherlîch –:
          Phares Rachel Mannes.
          dar an kunt nieman wizzen, wes
          diu hant dâ mit hêt gedâht,
          oder ob si hiet des küniges aht
          gedâht mit der geschrift gemein,
          wan nieman was sô rein,
          der ez bediuten kunde,
          wan in sîn got niht gunde.
          man sach niht wan die hant,
          anders wart dâ niht bekant.
          dem künig dâ vil hôchgeborn
          wart beidiu leit unde zorn,
          daz nieman moht bediuten in
          noch nieman hêt sô wîsen sin,
          der ditz kund bediuten reht,
          weder di ritter noch di kneht.
                                                                         [nach oben]
           

          [17743-17786]

          Er liez sich niht betrâgen,
          er hiez die liut frâgen,
          ob ieman wær in sîner schar,
          der im seit die wârheit gar.
          dô was dar komen ein jüdelîn,
          daz sprach: ‘lieber herr mîn,
          wolt ez iu niht wesen leit,
          ich wolt iu sagen die wârheit.’
          dô lobt im der künic stæt,
          daz er im dar umb niht tæt.
          er sprach: ‘herr, wellet ir
          ein wârheit gelouben mir,
          sô sag ich iu in kurzer frist,
          daz ir mügt vinden disen list,
          und hiett ir lân hern Daniel,
          der hiet iu dis namen snel
          bediutet sicherlîche.’
          dô daz der künic rîche
          erhôrt von dem jüdelîn,
          dô kund im niht leidere gesîn.
          er gie mit grôzer klag
          zwâr nâch der bibel sag
          klagent für daz grôz hol,
          daz der lewen was vol.
          er sprach: ‘ôwê! her Daniel!’
          die klag erhôrt der wîssag snel,
          die der künic dâ umb in tet.
          er klagt sêr dâ ze stet:
          er sprach: ‘ich unsælic man,
          ich hân vil übel getân,
          daz ich gevolget hân sô schier
          mîner râtgeben vier,
          daz ich den man ertœtet hân.’
          die klag hôrt her Daniel an.
          er sprach: ‘edler künic rîch,
          jâ leb ich noch sicherlîch,
          wan mir hât got geben daz heil.’
          dô hiez er eimer unde seil
          bringen dar vil sicherlîch.
          sîn lîp was dô freudenrîch,
          daz er in funden hêt zwâr;
          des was er frô unmâzen gar.
          er hiez in ziehen ûz dem hol,
          daz der lewen was sô vol.
                                                                         [nach oben]
           

          [17787-17808]

          Zehant frâgt er in mær.
          er sprach: ‘ringer mir mîn swær.
          sag mir, wer hât dich erneret?’
          er sprach: ‘der dâ mir hât bescheret
          lîp und sêl gemeine:
          der süez got vil reine
          hât mich erneret sicherlîch,
          daz wizz, edler künic rîch.’
          dâ mit der künic aber sprach:
          ‘ich klag dir mînen ungemach:
          dô ich hôchzît solt hân
          und vor mir als manic man,
          dô kom ein hant sicherlîch
          über mich und die künigin rîch.
          diu hât geschriben driu wort,
          diu stênt in dem palast dort;
          dâ enkund [mir] lanc noch schier
          nieman diu wort bediuten mir.’
          dô sprach her Daniel:
          ‘zeigt mir si, ich bediut si snel.’
          bî der hant er in vie,
          in den palast er dô gie.
                                                                         [nach oben]
           

          [17809-17844]

          Zehant dô er diu wort ersach,
          wider den künic er dô sprach:
          ‘wil dir, herr, niht zorn sîn,
          ich sag dirz ûf di triu mîn.’
          der künic lobt im staete,
          er wolt sîner ræte
          volgen unz an daz ende sîn,
          daz er im liez wâr sîn.
          her Daniel dô aber sprach:
          ‘ich fürht, ich gewinn ungemach
          und sag ich iu die wârheit.’
          dâ für swuor er im einen eit.
          er sprach: ‘sô wil ich iu ez sagen,
          sît ich iu niht sol verdagen:
          diu hant bediutet zwâr,
          ir sült werden ân sinn gar;
          sô bediutent di drî namen,
          daz ir iuch niht sült schamen,
          ir loufet ze walde als ein tier,
          daz sült ir wol gelouben mir.
          vierdhalp jâr ist iuwer zil,
          vor iu ich daz niht helen wil;
          daz ergêt an iu in drîn tagen,
          daz wil ich iu für wâr sagen.
          mir ist daz vil wol kunt,
          ir wert gênt als ein hunt,
          an allen viern als ein wilt,
          dâ von iurs sunes herze spilt.
          als diu jâr ein ende habent genomen,
          sô sint iur sinn wider komen,
          und vart gewalticlîche
          in iuwer künicrîche.
          daz sült ir wol gelouben mir,
          ez ergêt in drîn tagen schier.’
          der künic wart trûric und unfrô,
          daz ez ergên solt alsô.
                                                                         [nach oben]
           

          [17845-17864]

          Dar nâch nâch Danieles sag
          zwâr an dem dritten tag
          lief er gar âne sin.
          er sprach: ‘ich nû verlorn bin.’
          gegen wald er dô kêrte,
          als in der wîssag lêrte.
          dâ lief er vierdhalp jâr,
          daz sagt uns daz buoch zwâr.
          sîn hâr wuohs im dô vil lanc:
          swenn er ez über die ahsel swanc,
          sô gie ez ûf der erd nâch;
          ez was sîn wât und sîn dach.
          sîn negel wuohsen im als eim tier,
          sîn hend, sîn bein wurden vier.
          dar ûf gienc er als ein hunt,
          daz ist den juden, den pfaffen kunt.
          die boum steic er als ein tier.
          er was ûf mangen boum schier,
          der hundert ellen hôch was.
          wunder was, daz er genas!
                                                                         [nach oben]
           

          [17865-17898]

          Dô der künic ze walde kêrt,
          des küniges sun ein heiden lêrt,
          daz er sînes vater rîche
          besæz gewalticlîche,
          daz solt im werden undertân
          und vil manic dienstman;
          des wær nieman sô wol wert.
          er sprach: ‘ir sült hundert swert
          geben und sült ritter machen.’
          des begund der jung künic lachen
          und volgt dem alten heiden dô
          und was sînes rates frô.
          des landes er sich underwant
          mit gewaltiger hant.
          dô wart er herr darn inne.
          dô lêrten in sîn sinne,
          daz er den herren brach ir reht.
          dô sprâchen ritter unde kneht,
          den ez was an mâzen zorn:
          ‘ôwê! wie hab wir verlorn
          unsern herrn Nabuchodonosôr!
          diser herr ist ein tôr
          und wil uns brechen unsriu reht.
          dienstman, ritter unde kneht
          süllen des vil vlîzic sîn,
          ob wir den alten herren mîn
          indert möhten vinden,
          daz wær guot unsern kinden
          und uns selber ze aller stunt.
          diser limmet als ein hunt
          und wil uns verderben gar.
          wir süln in in der narren schar
          schaffen schier mit sînem muot,
          wan er uns michel leit tuot.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17899-17918]

          Dar nâch dô diu vierdhalp jâr
          genomen heten ein ende gar,
          dô begund er umb sich sehen.
          er sprach: ‘wie ist mir geschehen?
          bin ich Nabuchodonosôr?
          nein ich! zwâr ich bin ein tôr.
          wer hiet mich dann her brâht?’
          er gedâht geswind in sîner aht:
          sîn sinn begunden sich mêren,
          von wald begund er kêren.
          sîn leit daz was im swær.
          er sach einen wildnær
          stên vor sînem hiuslîn.
          er sprach: ‘ich wil hînt bî im sîn,
          hie bî dem wildenære.’
          daz was dem jeger swære,
          wan er vorht im sêre.
          er hêt ouch niht mêre
          gesehen einen sölichen man;
          dâ von er in den walt entran.
                                                                         [nach oben]
           

          [17919-17940]

          Dô daz der arm künic ersach,
          er gedâht: ich hân nû guoten gemach
          in sînem hûs und in dem hol,
          dâ sol mir hînaht werden wol.
          in daz hiusel er dô gie.
          diu frou in mit vorht enpfie.
          er sprach: ‘fürhtet iu niht sêre,
          vil reiniu frou hêre;
          gebt mir hînt iuwer brôt.
          ich hân erliten grôz nôt
          ze wald vierdhalp jâr,
          daz sag ich iu für wâr.’
          diu frou sich gên im kêrte,
          als sie ir tugent lêrte.
          si gap im ein blahen drum,
          des was er vrô und was sîn frum.
          vil gern er ez von ir nam,
          wan er bedaht dâ mit sîn scham.
          brôtes gap si im genuoc
          und wazzer rein in einem kruoc;
          dâ mit labt sich der künic guot,
          des brôtes wart er wol gemuot.
                                                                         [nach oben]
           

          [17941-17972]

          Dô kom der wildenære
          an sîn tür mit swære.
          des wolt er niht vergezzen,
          er gedâht: der man hât gezzen
          mîn wîp und mîn kint,
          mîn schâf unde rint.
          er was ouch dô sô kluoc,
          daz er durch ein neigers luoc
          sach, waz der man tæte,
          den er forht sô stæte.
          dô sach er, daz er az ein brôt,
          daz im gie für hungers nôt.
          er sach mêr mit witzen
          sîniu kindlîn vor im sitzen,
          daz er in niht übel tet.
          der wildnær durch di tür ret,
          er sprach: ‘frou, lâz mich în.
          mac ich von im ân angst sîn?
          ich fürht in als ein fiuwer.’
          er sprach: ‘ist er gehiuwer?’
          zehant entslôz si im die tür,
          dâ was kein ridel für.
          der künic gruozt in schône.
          er sprach: ‘ich truoc die krône
          zwâr in disem lande;
          swie ich nû dulde schande
          und muoz der sinn sîn ein tôr,
          ich binz Nabuchodonosôr,
          der künic in disem rîche.
          dû brinc mich sicherlîche
          zuo dem wîssagen Daniel,
          ich wil mich niht haben hel.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17973-17996]

          Dô der wildenære
          erhôrt disiu mære,
          dô wîst er in balt
          durch den grôzen walt
          dâ er Danieln vant;
          zehant er Danieln kant.
          er hiez im bereiten ein bat,
          wan er gefuor nâch sînem rât.
          dar nâch daht er im sîn scham,
          als einem künig wol zam.
          der künic sprach: ‘Daniel, sag mir –
          und îl baldiclîchen schier –,
          wie mîn sun Evilmerodach
          gelebt hab mit gemach
          vil schôn in mînem rîch
          mit dem volc gemeinclîch.’
          er sprach: ‘herr, daz sag ich dir,
          wil dû ez gelouben mir,
          daz dîn werd dienstman
          und swaz daz lant geleisten kan,
          arm unde rîche –
          die sint im sicherlîche
          alle vînt und niht holt,
          daz hât er wol umb si versolt.’
                                                                         [nach oben]
           

          [17997-18040]

          Dô der künic erhôrt
          des wîssagen wort,
          dô hiez er senden zehant
          über al sîniu lant
          nâch den werden dienstman,
          die ich niht alle genennen kan,
          und hiez in sagen, er wær komen.
          dô si daz heten vernomen,
          dô kômen si alle gelîch,
          beidiu arm unde rîch,
          wan si wârn sîner künfte vrô.
          si enpfiengen in mit schall dô.
          dâ bliez man grôz pusoun.
          si nâmen all des küniges goum.
          si tanzten unde sungen,
          si reiten unde sprungen.
          si wârn ân mâzen gefuoc.
          ir ieslîcher ein kleinôt truoc,
          dâ mit er in enpfie schôn.
          man truoc im für sîn krôn;
          die sazt er ûf sicherlîch,
          wan si was unmâzen rîch.
          dô er sie ûf sîn houbt genam,
          der künic, als im wol gezam,
          dô frâgt er sîn volc der mær,
          wie in sîn sun wær.
          dô klagten im kleglîch
          beidiu arm unde rîch,
          er hiet in übel getân.
          ‘daz sol nû wærlîch niht ergân,’
          sprach der künic rîche,
          ‘iu sol doch sicherlîche
          von mir niur lieb widervarn
          hinnen für bî mînen jârn.’
          alsô lebt er mit freuden dâ
          in dem land und anderswâ
          nâch sînen unsinnen zwâr
          völliclîch fünfzehen jâr.
          dar nâch er ze reht starp.
          sîn sun umb daz rîch warp,
          sîn sun Evilmerodach;
          daz was den liuten ungemach.
          Nabuchodonosor rîchset für wâr
          in Babilonje vier und vierzic jâr.
                                                                         [nach oben]
           

          [18041-18064]

          Evilmerodach ze künig wart,
          daz künicrîch wart niht ûf gespart.
          daz wart den liuten leit genuoc,
          daz er des vater krôn truoc.
          da von wil ich iu besunder
          sagen michel wunder.
          daz kan ich niht verdagen,
          er hiez sîn vater für sich tragen
          dô er alsô tôter lac –
          für wâr ich iu daz sagen mac –:
          ‘diser tôt ist mir swær.’
          er sant nâch einem fleischhackær
          und die vogel viengen,
          daz di all für in giengen.
          er sprach: ‘ir vogelære
          komt mir fruo niht lære!
          vâhet mir zwei hundert gîr grôz,
          raben vil und ir genôz;
          und ist daz ir des niht entuot,
          sô wurd man sehent iuwer bluot
          von iuwerm hals schiezen;
          niemans mügt ir geniezen,
          ir müezt den tôt doln,
          welt ir der vogel niht enholn.’
                                                                         [nach oben]