Jans der Enikel - Realien

    "Jans [der] En[i]kel", bzw. "Jans der Jansen Enikel", c.1230-40 - nach 1302, Wiener Bürger, mit den führenden Patrizierfamilien der Stadt nahe verwandt. Werke: Weltchronik (angefangen kurz vor 1272); Fürstenbuch (unvollendet, vermutlich später).

    Name

    Der Chronist bezeichnet sich als "Jans, der Jansen enikel" bzw "heren Jansen eninchel"; er heißt also Johann und identifiziert sich mit Bezug auf seinen wohl damals allgemein bekannten Großvater desselben Namens.

    Die korrekteste Bezeichnung für den modernen Gebrauch ist deshalb "Jans der Enikel", oder leicht modernisiert, "Jans der Enkel". In der Forschungstradition ist jedoch die häufigere Bezeichnung schlicht "Jans Enikel": Den bestimmten Artikel versteht man, genauso wie man bei "Johann Strauß Sohn" eigentlich "der Sohn" versteht. Das ist nicht falsch, aber es kann zu Mißverständnissen führen: "Enikel" darf man nicht als Nachname auffassen.

    In der älteren Forschung begegnet uns häufig auch die Form "[des] Jansen Enikel" ("Jansen" als Genitiv und mit Bezug auf den Grossvater), was ebenfalls vertretbar war aber noch leichter mißverstanden wurde und deshalb aus dem Gebrauch gekommen ist.

    Da "Enikel" ein Beiname ist, sollte man Jans übrigens alphabetisch unter "J", nicht unter "E" aufführen, auch wenn das Verfasserlexikon in diesem Punkt kein gutes Vorbild ist. Aus dem selben Grund sollte man nach einer ersten Erwähnung "Jans" als Kurzform benutzen, und nicht "Enikel".

    Auch ein zweiter Beiname ist aus dem 13. Jahrhundert - nicht jedoch in des Dichters eigenen Werken - überliefert: Jans der Schreiber. Ob dies als Künstlername oder als Amtsbezeichnung (Stadtschreiber?) zu verstehen ist, ist noch ungewiss. Es wäre zwar verwirrend, diese Form heute wieder zu gebrauchen, aber es ist reizvoll festzuhalten, dass sie prinzipiell brauchbar wäre.

    Die etwas ideosynkratische Bezeichnung "Jans von Wien", die erst 1999 erfunden wurde, ist auf keinen Fall zu empfehlen: Sie entspricht nicht den Wünschen des Dichters, sie ist nicht korrekter als die herkömmliche Bezeichnung, und sie kann nur größere Verwirrung stiften. Wo schon zwei Dichterbezeichnungen aus dem Mittelalter überliefert sind, brauchen wir wirklich keine dritte zu erfinden.

    Biographie

    Jans teilt mit, dass er mit eigenem Haus (also mit allen Bürgerrechten) in Wien lebe. In seinen Werken gibt er nur minimale Auskünfte über seinen Vater (Onkel?), verrät jedoch Erfahrungen, aus denen sein Geburtsjahr sehr ungefähr geschätzt werden kann.

    Für weitere Informationen über seine Biographie sind wir auf nicht-autographischen Quellen angewiesen. In österreichischen Urkunden ist eine Familie mit Leitname Johann aus dieser Zeit in Wien bekannt. Vor allem die Belege für einen Herrn Johannes, Neffe von Paltram, und einen Johannes den Schreiber sind am sichersten mit unserem Dichter in Verbindung zu bringen. Da die erste dieser Formulierungen aus den Jahren 1271-4 stammt, die zweite hingegen aus den Jahren 1275-1302, liegt es nahe, dass die beiden Namen ein und denselben Mann bezeichnen, der etwa um 1275 den Ruf eines Literaten erworben hat. Wenn alle Identifizierungen, die die Forschung vorgeschlagen hat, tatsächlich stimmen - was ich für sehr wahrscheinlich halte -, war Jans mit den einflußreichen Familien Paltram und Greif nah verwandt, gehörte also zu den höchsten Kreisen der Wiener Gesellschaft.

    Diese Urkunden sind schon 1967 vom Geschichtswissenschaftler Richard Perger diskutiert worden. Sein Artikel scheint jedoch von der Germanistik immer wieder übersehen worden zu sein. Daher liest man noch in Aufsätzen aus den späten 90er Jahren, dass Jans ausserhalb seiner beiden Werke nicht belegt ist.

    Chronologie
     
    c 1231 Konrad, Sohn eines Herrn Johannes, ist Stadtrichter von Wien. Hier wird der Vater des Chronisten vermutet; es kann sich auch um einen Onkel handeln.
    1232  Herzog Friedrich schlägt 200 Männer zum Ritter; der Chronist scheint das selbst noch nicht miterlebt zu haben, also ist seine Geburt nicht viel früher als 1230 anzusetzen.
    1236 Herzog Friedrichs vermeintliche "Abenteuer" mit der Bürgertochter Brünhild; auch dies hat der Chronist nicht persönlich miterlebt.
    1239 "Herrn Jansen sun" wird laut Fürstenbuch vom Herzog geehrt; da der Chronist sich als Herrn Jansens Enkel bezeichnet, handelt es hier wohl um seinen Vater oder Onkel, wahrscheinlich um den Stadtrichter Konrad.
    1245/6 Schlacht an der Leithe (Laa); der junge Chronist sieht die Armee aus der Stadt ziehen, woraus man auf ein Geburtsdatum spätestens im Jahr 1240 schließen kann.
    1247-50 Königin Gertrude in Wien; der Chronist scheint sie selbst gesehen zu haben.
    1262 Witwe des Konrad - vermutete Mutter des Chronisten, tritt in ein Kloster ein.
    1271-4 Der Chronist wird als "Herr Johannes, Neffe von Paltram" belegt.
    c. 1272 Verfassung der Weltchronik wird begonnen; die Datierung ergibt sich aus der Bemerkung, dass Papst Gregorius X (1271-6) schon seit einem Jahr regiert. Allerdings ist die Forschung hier unterschiedlicher Meinung; manche wollen eine spätere Datierung (bis sogar 1287) vertreten. Es kann auch beides stimmen, denn es gibt mehrere Anhaltspunte für die Ansicht, dass Jans über mehreren Jahren hinweg an der Weltchronik arbeitete. 
    nach 1272 Verfassung des unvollendeten Fürstenbuchs; die Priorität der Weltchronik läßt sich aus intertextuellen Beziehungen schließen.
    1275-1302 Der Chronist wird als "Herr Johannes der Schreiber" belegt.
    1288/1302  Belegt wird ein Herr Jörg, Schwiegersohn von Herrn Johannes.
    1326-31  Belegt wird ein Herr Konrad, Sohn von Herrn Johannes.


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